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Wie Junge auf Ost und West schauen

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30 Jahre Mauerfall - Wie Junge auf Ost und West schauen

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Ein geteiltes Deutschland? Kennen sie nicht. Die Mauer? Nie erlebt. Für viele Junge ist die Teilung weit weg. Und die Einheit selbstverständlich. Ist das alles also kein Thema?

Archiv: Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989
30 Jahre nach dem Mauerfall blickt im geeinten Deutschland eine Generation aus zwei Perspektiven auf die Wende. (Archivbild vom 10.11.1989)
Quelle: pa/dpa-bildfunk

Die Mauer ist ohne sie gefallen. 30 Jahre später blickt im geeinten Deutschland trotzdem eine Generation aus zwei Perspektiven auf die Wende. Junge Menschen, die nach 1989 geboren wurden, sind in Ost- und Westdeutschland mit unterschiedlichen Erzählungen der Wiedervereinigung aufgewachsen. Die sogenannten Nachwendekinder der ehemaligen DDR kennen häufig die Schwierigkeiten ihrer Eltern, sich an das einst neue System anzupassen.

Jetzt sind sie wieder mit Stigmatisierungen und Vorurteilen über den Osten konfrontiert. Daraus wächst eine neue ostdeutsche Identität. Im Westen fehlt hingegen häufig das Bewusstsein für die besonderen Erfahrungen dieser Generation.

Zu diesen Ergebnissen kam im Februar 2019 auch eine Studie der Otto-Brenner Stiftung. 22 Prozent der befragten jungen Ostdeutschen gaben darin an, dass sie sich explizit ostdeutsch fühlen. Im Vergleich würden sich nur acht Prozent der gleichaltrigen Westdeutschen eine westdeutsche Identität zuschreiben.

Die neuen Ostdeutschen

Die Journalistin Valerie Schönian wurde 1990 in Gardelegen, Sachsen-Anhalt geboren und sieht sich klar als Ostdeutsche, seitdem sie in München auf einer Pegida-Gegendemo zum ersten Mal mit Ossi-Vorurteilen konfrontiert wurde. Ostdeutschland, das ist seit den rechtsextremen Demonstrationen in Dresden und Chemnitz in vielen Köpfen vor allem die AfD, Demokratiefeindlichkeit und "Dunkeldeutschland".

Je länger die Mauer nicht mehr steht, desto ostdeutscher fühle ich mich.
Valerie Schönian

Valerie Schönian kennt auch noch andere Klischees, ihr selbst wurde nach einem journalistischen Kommentar "Ossi-Gejammer" vorgeworfen. Deshalb eigne sie sich jetzt ganz bewusst eine ostdeutsche Identität an: "Je länger die Mauer nicht mehr steht, desto ostdeutscher fühle ich mich." Für sie bedeutet das auch: ostdeutsch sein, um gegen Vorurteile anzustehen.

Auch Stefan Krabbes teilt diese Ansicht. Der Blogger lebt in Halle an der Saale und hat 2018 als Reaktion auf die rechtsextremen Übergriffe in Chemnitz den Hashtag #DerAndereOsten ins Leben gerufen: "Diese Aktion war ein Versuch zu zeigen, liebe Freundinnen und Freunde, schaut doch mal, auf wessen Konto ihr einzahlt, wenn ihr den Osten so stigmatisiert, als wären das alles Rechtsextreme oder Hitler grüßende Arschlöcher." Ostdeutsche dürften nicht automatisch mit AfD-Wählern gleichgesetzt werden, sagt Krabbes.

Übersetzen zwischen Ost und West

Auf den Osten würde vor allem aus einer westdeutschen Perspektive geblickt werden, sagt Krabbes. Er nehme sich selbst nicht direkt als ostdeutsch wahr, sondern sieht sich eher in der Rolle des Übersetzers. Jemand, der zwischen West und Ost vermitteln kann, aber auch zwischen seiner Generation und der seiner Eltern. Die, die sich im Osten nach dem Mauerfall erst wieder neu zurechtfinden mussten und mit einem ganz anderen System sozialisiert wurden.

"Ich glaube, es ist die Verantwortung meiner Generation, die im Osten groß geworden ist, dass wir eine Übersetzungsleistung erbringen. Wir können zwischen Ost und West vermitteln und zeigen, dass wir mehr Verständnis füreinander aufbringen müssen." 57 Prozent der befragten Westdeutschen gaben in der Studie der Otto-Brenner Stiftung an, dass es keinen Unterschied mehr mache, ob jemand aus Ost- oder Westdeutschland kommt. Zwei Drittel der befragten jungen Ostdeutschen gaben genau die gegenteilige Antwort.

Begegnungen zwischen Ost und West

"Ich glaube, es ist die Verantwortung meiner Generation, die im Osten groß geworden ist, dass wir eine Übersetzungsleistung erbringen. Wir können zwischen Ost und West vermitteln und zeigen, dass wir mehr Verständnis füreinander aufbringen müssen." 57 Prozent der befragten Westdeutschen gaben in der Studie der Otto-Brenner Stiftung an, dass es keinen Unterschied mehr mache, ob jemand aus Ost- oder Westdeutschland kommt. Zwei Drittel der befragten jungen Ostdeutschen gaben genau die gegenteilige Antwort.

Der Soziologe Daniel Kubiak von der Humboldt-Universität Berlin hat sich ebenfalls die Frage gestellt, ob es eine neue ostdeutsche Identität gibt. Die meisten der von ihm befragten Ostdeutschen hätten zunächst immer argumentiert, dass es zwischen Ost und West keine Unterschiede mehr gebe und mittlerweile alles eins sei: "Aber sobald der Osten zum Beispiel in den Medien abgewertet wurde, dann haben junge Menschen eine ostdeutsche Zugehörigkeit angenommen, die ansonsten gar nicht so präsent war." Junge Ostdeutsche bilden laut Daniel Kubiak ihre ostdeutsche Identität also vor allem dann, wenn der Osten abgewertet wird.  

"Critical Westness"

Das geeinte Deutschland ist westdeutsch geprägt. Führende Politikerinnen und Politiker sind Westdeutsche. Im Bundeskabinett sind Angela Merkel und die Familienministerin Franziska Giffey die Ausnahmen aus dem Osten. Alle 30 Dax-Unternehmen haben ihren Sitz im Westen und die DDR fällt im Schulunterricht häufig unter den Tisch.

Für Daniel Kubiak ist es ein Problem, dass die westdeutsche Perspektive die normale Perspektive sei: "Die Normalisierung des Westens spielt eine große Rolle. Es müsste eigentlich mal die Frage nach der westdeutschen Identität gestellt werden. Es gibt die Vorstellung, dass man das Ostdeutsche beschreiben könnte, während es das westdeutsche Pendant eigentlich gar nicht gibt."

Dass westdeutsche Millenials nicht von sich behaupten, westdeutsch zu sein, liegt auch daran, dass ihnen nie von dieser Identität erzählt wird: "Westdeutsche nehmen sich selbst als normale Deutsche wahr und betrachten beispielsweise den Osten dann als anders." Daniel Kubiak wünscht sich eine kritische Auseinandersetzung, auch mit der westdeutschen Identität.

Das Trennende soll vereinen

Dass Ostdeutschland nur aus Nazis besteht, ist ja Quatsch, ich möchte diese Schubladen aufsprengen
Valerie Schönian

Valerie Schönian hat mit Ende 20 ihre Identität noch mal neu definiert. "Dass Ostdeutschland nur aus Nazis besteht, ist ja Quatsch, ich möchte diese Schubladen aufsprengen", sagt sie. Westdeutsche müssen ihre Diskurshoheit hinterfragen.

Stefan Kabbes sagt: "Ich bin unglaublich genervt von der Frage: Was trennt uns eigentlich noch? Ich denke mir immer, wie oft müssen wir die Unterschiede eigentlich noch betonen?" Der Osten muss lauter werden, aber auch durch den Westen unterstützt werden.

Wir fragen immer nach dem Trennenden. Aber wir sollten uns fragen, ob das Trennende nicht auch das Vereinende sein kann.
Daniel Kubiak

Daniel Kubiak glaubt, dass ein geeintes Deutschland zwar eine politische Einheit braucht, aber keine kulturelle: "Wir fragen immer nach dem Trennenden. Aber wir sollten uns fragen, ob das Trennende nicht auch das Vereinende sein kann. Wir sind jetzt schon weiter, es gibt eine Bereitschaft zuzuhören. Es gibt mehr ostdeutsche Stimmen."

30 Jahre nach dem Mauerfall haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West nicht aufgelöst. Gemeinsamkeiten sind dazu gekommen, aber vor allem zeigen Nachwendekinder, dass im geeinten Deutschland junge Menschen mit unterschiedlichen Identitäten und Erfahrungen zusammenleben können.

Dieser Artikel ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

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