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40 Jahre Cap Anamur - Als Linke wie Konservative Bootsflüchtlinge aufnehmen wollten

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Vor 40 Jahren begann die Cap Anamur, vietnamesische Flüchtlinge zu retten. Migrationsforscher Oltmer über den Umgang der Deutschen mit Bootsflüchtlingen damals und heute.

Ein Flüchtlingsboot im chinesischen Meer, das beim anlegen an das Rettungsschiff "Cap Anamur" kentert (undatiertie Aufnahme)
Rettungsaktion der Cap Anamur im chinesischen Meer: Ende der 70er Jahre war die Hilfsbereitschaft in Deutschland groß.
Quelle: dpa

heute.de: 40 Jahre ist das nun her, dass die Cap Anamur die ersten "Boatpeople" aufgenommen hat. Gab es seitdem eigentlich so etwas wie eine kontinuierliche Seerettung von Flüchtlingen - oder ist das erst wieder in den letzten Jahren ein Thema?

Jochen Oltmer: Kontinuierlich möchte ich es nicht nennen, aber tatsächlich spielen die Flucht per Boot und damit verbundene Notlagen seit Ende der 1970er Jahre immer wieder eine Rolle - und das weltweit. Bis in die 1980er Jahre war Südostasien ein Schwerpunkt.
Seit Anfang der 1990er, als Australien die Asylpolitik verschärft hat, gibt es viele Debatten über Bootsflüchtlinge, die dort aus Indonesien ankommen. Und bereits seit den 1950er Jahren sind viele Kubaner per Boot nach Florida geflohen - richtig thematisiert wurde dies aber erst 30 Jahre später. Über die Jahrzehnte gab es also immer ein Auf und Ab mit einigen Katastrophen und zum Teil vielen Toten unter den Flüchtlingen. Es ist halt nur unterschiedlich medial zur Kenntnis genommen worden.

heute.de: Ist Nähe der Hauptgrund, warum wir in Deutschland und in Europa das Thema nun so intensiv zur Kenntnis nehmen?

Oltmer: Nähe spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Bis 2015 hat sich das europäische Publikum kaum für weltweite Fluchtbewegungen interessiert. Nun sind sie bei uns angekommen und entsprechend auch ein großes Thema.

heute.de: Werfen wir einen Blick 40 Jahre zurück: War die Aufnahme der vietnamesischen Flüchtlinge auch für die deutsche Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit?

Oltmer: Die Mehrheit sah das sicherlich eher positiv. Und das ist ganz erstaunlich, denn eigentlich hätte es hierzulande kaum jemanden interessieren dürfen, was da Tausende Kilometer entfernt im Südchinesischen Meer geschah. Aber es kamen eben einige Aspekte zusammen, die in Westdeutschland zu einer leidenschaftlichen Diskussion um die vietnamesischen Bootsflüchtlinge führten.

heute.de: Vor allem der Vietnam-Krieg?

Oltmer: Genau. Der Krieg fand ja über Jahre jeden Abend in den Nachrichten statt: Vietnamesen als Täter, Vietnamesen als Opfer. Die Bilder über kaputte Nussschalen im weiten Südchinesischen Meer, die seit 1975 zu sehen waren, von Piraten überfallene "Boatpeople", die geringe Hilfsbereitschaft der Nachbarstaaten - all das war die Basis für eine große Aufnahmebereitschaft in der Bundesrepublik. Das galt im Übrigen sowohl für Konservative als auch für Linke, denn für die einen waren die Flüchtlinge Opfer der Kommunisten, für die anderen Opfer der USA.

heute.de: Was hat sich seitdem verändert, warum werden Bootsflüchtlinge heute oft vor allem als Bedrohung gesehen?

Oltmer: Wenn wir uns ins Jahr 2015 zurückversetzen, dann sehen wir damals zunächst eine große Bereitschaft zur Aufnahme von Menschen, insbesondere von Flüchtlingen aus Syrien. Auch über den Krieg in Syrien hatte es ja eine intensive Berichterstattung gegeben, und die Menschen wurden als besonders hilfsbedürftig gesehen.

Das änderte sich, als der Eindruck entstand, man könne angesichts der hohen Zahlen nicht allen Hilfe leisten. Hinzu kamen dann vermehrte Diskussionen um Kriminalität, Sicherheitsbedenken und Terrorismus, die mit der Fluchtbewegung in Verbindung gebracht wurden. Ganz ähnlich lief das übrigens in den 1980er Jahren in den USA mit kubanischen Flüchtlingen: Auch da entstanden große Diskussionen um Kriminalität oder um die Frage, ob Castro da eine fünfte Kolonne in die Vereinigten Staaten geschickt haben könnte. Bei den vietnamesischen "Boatpeople" hingegen stellten sich solche Fragen nicht, denn hier wurden über mehrere Jahre insgesamt nur 35.000 in Deutschland aufgenommen. Das galt als ein vertretbares und kontrollierbares Kontingent, das international so abgesprochen war.

heute.de: Haben sich auch die Rahmenbedingungen für die Seenotretter verändert? Immerhin sind sie für die einen Helden, für die anderen hingegen Rechtsbrecher ...

Oltmer: Das war damals auch nicht viel anders. Natürlich gab es bereits 1979 breite Diskussionen darüber: Stärkt Fluchthilfe die Menschenrechte oder ist sie illegal, weil sie dazu beiträgt, dass Menschen Grenzen überschreiten, die sie eigentlich nicht überschreiten dürfen? Alleine der Umbau der Cap Anamur war schon umstritten, und erst recht die Frage, wer eigentlich gerettet werden durfte. Das Nebeneinander von eher auf Schließung oder auf Öffnung ausgerichteten Perspektiven gab es schon immer. Und die Seenotretter stecken stets dazwischen - das wird auch in Zukunft so sein.

heute.de: Macht Seenotrettung in ihrer jetzigen Form überhaupt Sinn, ist sie mehr als nur ein Tropfen auf einen heißen Stein?

Oltmer: Seenotrettung selbst ist eine Pflicht! Und außerdem: Wir reden hier über Aktivitäten aus dem wohlhabenden globalen Norden, Seenotrettung sorgt für Aufmerksamkeit. Ich glaube nicht, dass wir heute Debatten über Fluchtbewegungen in der Welt führten, gäbe es nicht die Debatten über Seenotrettung. Sie trägt dazu bei, dass die Bewegung von Menschen auf anderen Kontinenten und die politische Situation in den Herkunftsländern überhaupt wahrgenommen wird. Problematisch hingegen sehe ich die aktuell starke Personalisierung: die Kapitänin gegen den italienischen Innenminister. Das mag vielleicht ganz anschaulich sein, aber tatsächlich lenkt es von wichtigen Aspekten ab - zum Beispiel von tiefgreifenden Konflikten in der EU oder auch von der Frage nach politischen Strategien zum Umgang mit globalen Bewegungen.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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