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Christopher Street Day in Berlin - "Nicht nur Party, sondern auch Politik"

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Bernd Gaiser hat 1979 die erste Berliner Schwulenparade mitorganisiert. Trotz der Ehe für alle gebe es noch viel zu tun, sagt er. Etwa Homophobie im Alltag bekämpfen.

"Mein Körper - meine Identität - mein Leben." Das ist das diesjährige Motto des CSD. Was 1979 mit nur wenigen hundert Teilnehmern begann, lockt in diesem Jahr Hunderttausende nach Berlin.

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heute.de: Wie kam es zum ersten Christopher-Street-Day (CSD) in Berlin?

Bernd Gaiser: Wir haben alle mitbekommen, was sich in New York im "Stonewall Inn" abgespielt hatte. Die Schwulen und Transsexuellen ließen sich die Schikanen der Polizei nicht mehr gefallen, sondern begehrten auf. Und sie wagten den Schritt in die Öffentlichkeit. Und das wollten auch wir: Zeigen, dass es uns gibt, und für unsere Rechte kämpfen. New York hat uns beflügelt, was auf die Beine zu stellen.

heute.de: Die Krawalle in der Christopher Street in New York waren 1969, in Berlin war der erste CSD erst 1979.

Gaiser: Ja, aber schon davor gab es Demos, zum Beispiel an Pfingsten 1973. Über 800 Lesben und Schwule demonstrierten auf dem Kudamm. Danach haben sich die Gruppierungen aber wieder zersplittert. Schwule und Lesben haben sich nicht nur gut verstanden, Lesben haben sich eher in der Frauenbewegung engagiert. Auch beim "Tuntenstreit" haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert.

heute.de: Was bitteschön ist denn ein "Tuntenstreit"?

Gaiser: Es gab eine heftige Diskussion über die Rolle der Tunten in der queeren Community. Brave, bürgerliche Schwule waren der Meinung: Schrille Schwule und Tunten schaden unserem Ansehen, die provozieren und schüren Ängste. Doch der Streit war spätestens mit dem ersten CSD 1979 beigelegt. Tunten und schwule Lehrer mussten sich nicht mehr verstecken.

heute.de: Warum standen Lehrer im Fokus?

Gaiser: Weil schwule Männer im Lehrdienst fristlos entlassen wurden. Sie galten als Gefahr für die Jugend. Manche Eltern hatten Angst, ein schwuler Lehrer könnte ihre Söhne schwul machen. Wenn sich Lehrer geoutet haben, wurde ihnen gekündigt. Wir haben gemeinsam für ihre Wiedereinstellung gekämpft.

heute.de: Warum fand der erste CSD in Berlin statt? War nicht Köln die schwule Hauptstadt Westdeutschlands?

Gaiser: Berlin war eine Hochburg der Studentenbewegung. Viele Schwule hatten auch schon 1968 mitgekämpft. Und alle, die nicht zur Bundeswehr wollten, sind nach Berlin gezogen. Berlin stand unter Kontrolle der Siegermächte. Da wurden keine Männer eingezogen. Davon haben auch viele Schwule profitiert.

heute.de: Bereits 1969 war schwuler Sex nicht mehr strafbar, wenn beide Männer über 21 Jahre alt waren. Wogegen haben Sie beim ersten CSD genau gekämpft?

Gaiser: Gegen die gesellschaftliche Ächtung. Wir galten als Menschen zweiter Klasse. Mein damaliger Freund und ich haben nur eine Wohnung bekommen, weil ich vorgab, mit einer Frau verlobt zu sein. Mit einem Mann hätte ich niemals den Mietvertrag bekommen.

heute.de: Sie waren bei fast allen Berlinern CSDs dabei. Ihr CSD-Highlight?

Gaiser: Der CSD 1998 war besonders bemerkenswert. Es war gelungen, Lesben auf dem CSD sichtbarer zu machen. Es gab eine Gruppe namens Mösen in Bewegung mit einem Mösen-Mobil. Das war ein Truck mit einer begehbaren Vulva. Das war selbst für mich als schwuler Mann aufregend.

heute.de: Und der Tiefpunkt?

Gaiser: Die CSDs Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre, als immer mehr Männer an Aids starben. Ich habe viele Freunde verloren. Sex war plötzlich mit Angst verbunden. Wir haben der Aids-Toten auf dem CSD gedacht und uns während einer Schweigeminute auf den Boden gelegt.

heute.de: Viele werfen dem CSD vor, zu viel Party und zu wenig Politik im Sinn zu haben.

Gaiser: Diese Kritik ist uralt, die gab es schon beim ersten CSD. Unsere politische Forderung war die ersatzlose Streichung des Paragraphen 175. Aber wir wollten das nicht bierernst vortragen. Wir wollten andere mobilisieren, also war unser Slogan: "Schwule, lasst das Gaffen sein, kommt herbei und reiht euch ein! – Lesben, erhebt euch, und die Welt erlebt euch!"

heute.de: Das klingt aber mehr nach Politik als nach Party.

Gaiser: Ich finde nicht, dass wir Politik und Party gegeneinander ausspielen sollten. Die Lust, die eigene queere Lebensweise und unsere jeweilige sexuelle Orientierung sichtbar zu machen, ist für mich ein politischer Akt.

heute.de: Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle. Ist Ihre Wunschliste nun abgehakt?

Gaiser: Nein. Bei den Rechten von Transmenschen gibt es noch viel zu tun. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat beschlossen, bis zum Jahr 2022 Transsexualität aus der Liste der Krankheiten zu streichen. Warum erst 2022? Wir fordern, dass Deutschland nicht so lange wartet. Und Homophobie, Rassismus und Antisemitismus sind nach wie vor große Themen, selbst in Berlin. Die Schwulenberatung Berlin macht die Erfahrung, dass ihre öffentlichen Plakate abgerissen oder beschmiert werden wie jüngst am Ostbahnhof.

heute.de: Ärgert Sie es, dass zu den prominentesten Lesben Deutschlands die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel zählt?

Gaiser: Ich habe schon früh die Erfahrung gemacht: Schwule und Lesben sind keine besseren Menschen. Es gibt auch in unseren Reihen konservative und reaktionäre Menschen.

heute.de: Wie werden Sie den CSD verbringen?

Gaiser: Ich kümmere mich um die älteren CSD-Teilnehmer, obwohl ich selbst ja nicht mehr der Jüngste bin. Ich werde Schwule, die nicht mehr gut zu Fuß sind, beim CSD in einer Rikscha kutschieren. Gemeinsam mit anderen, als Gruppe "50 Plus".

Das Interview führte Raphael Rauch.

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