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Islamwissenschaftler über Iran - Vom Despotismus zu religiösem Despotismus

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Islamwissenschaftler Hajatpour kämpfte 1979 für die islamische Revolution im Iran - und wurde enttäuscht. Die islamische Republik sei nur eine andere Form des Despotismus, sagt er.

Februar 1979: Chomeini gründet die islamisch-republikanische Partei
Oberster Führer des Landes wurde nach dem Sturz des Schahs 1979 der Revolutionsführer Großajatollah Ruhollah Chomeini.
Quelle: ap

heute.de: Sie haben während der islamischen Revolution im Iran Theologie studiert. Was haben Sie erlebt?

Reza Hajatpour: Ich habe in Ghom, dem theologischen Zentrum der Revolution, studiert. Die theologische Hochschule war umgeben von einer Aura der Spiritualität. Es herrschte der Ausnahmezustand. Nach 21 Uhr durfte niemand mehr auf die Straße. Manche Studenten waren sehr aktiv dabei, andere eher passiv. Ich habe auch demonstriert - allerdings  nur friedlich. Am Abend habe ich meine Studien fortgesetzt.

heute.de: Welche Hoffnungen hatten Sie?

Hajatpour: Wir wollten den Despotismus des Schahs beenden. Wir haben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit geschrien. Viele von uns kamen aus armen und vom Schah vernachlässigten Schichten. Unsere Hoffnungen verbanden wir nicht mit dem Klerus. Als der Revolutionsführer Ruhollah Chomeini und seine Ajatollahs dann die islamische Republik ausriefen, hofften wir, dass das neue System uns Freiheit und Gerechtigkeit bringen wird.  

heute.de: War der Islam das Band, das die verschiedenen Protestgruppen miteinander verband, die sich dem Kapitalismus und einer Verwestlichung des Iran widersetzten?

Hajatpour: Es gab verschiedene Strömungen. Es gab die sozial Vernachlässigten und die ideologisch geprägten Protestgruppen. Einige davon waren konservativ-islamisch, andere linksorientiert, wie beispielsweise die Volksmudschahedin oder die Anhänger der marxistisch-leninistischen Tudeh-Partei. 

heute.de: Wie passen Islam und Marxismus zusammen? Karl Marx hat Religion als "Opium des Volkes" bezeichnet.

Hajatpour: Zur konservativen Auslegung des Islam passte der Marxismus nicht. Aber das Neue war, die sozialistische Idee mit der des Monotheismus zu verbinden. Die soziale Gerechtigkeit sollte in einer klassenlosen Gesellschaft verwirklicht werden. Dann würde es nur noch die Herrschaft des einen Gottes geben und alle Menschen seien vor ihm gleich.  

heute.de: Hat die Revolution den Islam politisiert?

Hajatpour: Die Politisierung hat schon früher eingesetzt. Beispielsweise 1905 in den politischen Auseinandersetzungen der konstitutionellen Revolution im Iran oder bei der pakistanischen Bewegung Jamaa Islamiya sowie bei den ägyptischen Muslimbrüdern Ende der 1920er-Jahre. Die starke Verwestlichungspolitik des Schahs hat solche Strömungen im eigenen Land gestärkt. Mit der Gründung der islamischen Republik wurde der Islam dann vollständig politisiert.  

heute.de: Welchen Einfluss hatte die islamische Revolution auf die radikalen islamistischen Kämpfer von Al Kaida, IS oder Boko Haram?

Hajatpour: Al Kaida folgt dem wahhabitisch geprägten sunnitischen Islam in Saudi-Arabien, der den schiitischen Islam im Iran bekämpft. Allerdings hat die islamische Republik schon einen gewissen Einfluss, weil sie für radikale Islamisten der Beweis ist, dass man gegen den Westen einen Staat gründen kann, der religiös geprägt ist.

 

heute.de: Wie wirkt die Politisierung auf gläubige Muslime?

Hajatpour: Alle Iranerinnen und Iraner werden in ihrem Alltag vom Staat ständig beobachtet und gemaßregelt. Sie können nicht mehr frei ihren Glauben leben. Das ist der Nährboden für Doppelmoral. Diejenigen, die direkt zum System gehören, wie die Revolutionswächter, profitieren davon. Kleine Staatsdiener passen sich an, auch wenn sie die Politisierung ihrer Religion nicht gut finden. Denn sie müssen ihren Lebensunterhalt verdienen.

heute.de: Ist die islamische Revolution die Geburtsstunde des Islamismus?

Hajatpour: Fundamentalismus gab es schon vorher. Die Gründung der islamischen Republik als Staatsform hat aber Hoffnungen radikaler Gruppen geweckt.

heute.de: 1979 spielte der Islam in Europa keine große Rolle. Das hat sich inzwischen geändert. Begann mit der Revolution die Angst vor einem gewalttätigen Islam zu wachsen?  

Hajatpour: Islamistische Terrorgruppen verbreiten in Europa Angst und Schrecken. Die politischen Entwicklungen im Nahen Osten und der Zuzug von muslimischen Flüchtlingen bereitet vielen Menschen Sorge. Muslimen übrigens auch. Das Bild, das manche Medien vom Islam verbreiten, ist vom politischen Tagesgeschehen abhängig und nicht immer objektiv oder undifferenziert. Islam, islamische Republik und Islamismus werden in einen Topf geworden. Deswegen brauchen wir in Europa eine aufgeklärte Debatte über all diese Phänomene.

heute.de: 1986 sind Sie aus dem Iran nach Deutschland emigriert. Was hat Sie persönlich an der Revolution enttäuscht?

Hajatpour: Während der Revolution war ich jung. Ich habe mich euphorisch für soziale Gerechtigkeit und Freiheit eingesetzt. Nach der Gründung der islamischen Republik habe ich gemerkt, dass das neue Regime weder Gerechtigkeit noch Freiheit herstellt, sondern nur eine andere Form des Despotismus ist - nämlich religiöser Despotismus. Das war mit meinem Verständnis vom Islam nicht vereinbar. Ich entwickelte einen kritischen Blick und bemerkte, dass noch nicht einmal eine normale Debatte möglich war, in der man Meinungen austauschen konnte. Daraus resultierten Auseinandersetzungen mit einigen Anhängern des Systems. Da musste ich das Land verlassen.

Das Interview führte Katharina Sperber

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