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"Es war wie in einem Horror-Film"

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Atomunfall bei Harrisburg 1979 - "Es war wie in einem Horror-Film"

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Am 28. März 1979 kam es im Akw "Three Mile Island" zur Kernschmelze. 40 Jahre später ist das Kraftwerk noch in Betrieb. Der Energieminister will, dass Atomkraft wieder "cool" wird.

Akw Three Mile Island
1979: Im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg (Pennsylvania) wird beim bis dahin schwersten Atomunfall in den USA eine radioaktive Wolke freigesetzt. 200.000 Menschen werden in Sicherheit gebracht.
Quelle: AP

"Es war wie in einem Horror-Film. Wir hatten Angst, dass wir sterben." Christine Layman erinnert sich noch genau an den 28. März 1979. Es war ein Mittwoch. Ihre vierjährige Tochter pflückte draußen Blumen. "Ich hatte keine Ahnung, dass sechs Kilometer von unserem Haus entfernt eine Katastrophe passiert war. Die ganze Welt wusste von dem Unfall, bevor wir davon erfuhren."

Bevölkerung zwei Tage später mit Lautsprecherwagen informiert

Ich rannte aus dem Haus, ohne etwas einzupacken.
Christine Layman

Erst am Freitag, zwei Tage nach dem Reaktorunfall, kamen Lautsprecherwagen. "Halten Sie Türen und Fenster geschlossen", lauteten die Durchsagen. Schwangere und Mütter mit kleinen Kindern sollten sich in Sicherheit bringen. "Aber wohin? Ich rannte aus dem Haus, ohne etwas einzupacken, warf meiner Tochter eine Decke über, kurbelte die Autofenster hoch und fuhr zu einer Tante, die 30 Kilometer entfernt wohnte."

Zwei Wochen später hieß es, alles sei sicher. Jimmy Carter hatte den Unglücksreaktor besucht. In der Zeitung erschienen Fotos des US-Präsidenten, wie er in Gummistiefeln im Kontrollraum des Kraftwerks steht. Clevere Geschäftemacher verkauften T-Shirts und Banner mit der Aufschrift: "Ich habe Three Mile Island überlebt." Örtliche Bars servierten "Radiation Cocktails". Christine Layman kehrte in ihr Haus zurück.

Studie weist Zusammenhang zu Krebsfällen nach

Keine meiner Freundinnen bekam Kinder. Ich wurde auch nicht mehr schwanger.
Christine Layman

Zwei Jahre lang wurden sie und ihre Tochter zu regelmäßigen Gesundheits-Check-ups eingeladen. "Sie versicherten uns, dass alles okay sei. Aber das stimmte nicht. Keine meiner Freundinnen bekam Kinder. Ich wurde auch nicht mehr schwanger. Nachbarn wurden krank. Viele bekamen Krebs." Christine Layman erkrankte Jahre nach dem Reaktorunfall an Gebärmutterhalskrebs. Heute leidet sie an Schilddrüsenkrebs. Ihre Tochter hat ebenfalls Krebs. "Das ist doch alles kein Zufall", sagt sie. Layman startete eine Facebook-Gruppe, "Three Mile Island Survivors". Tausende Menschen meldeten sich - alle aus der Gegend um das Kernkraftwerk und alle mit Krebserkrankungen und anderen Gesundheitsproblemen.

Christine Layman vor dem Akw Three Mile Island
Christine Layman vor dem Akw Three Mile Island
Quelle: privat

2017 veröffentlichte das Penn State College of Medicine erstmals eine Studie, die einen klaren Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung in der Umgebung des Kernkraftwerks Three Mile Island und vermehrten Krebsfällen nachweist.

Klimawandel: Viele Politiker setzen wieder auf Atomkraft

Die Regierung von Präsident Trump wird die Atomindustrie in den USA erneuern und wiederbeleben.
Energieminister Rick Perry

Trotzdem ist einer der beiden Reaktoren auf Three Mile Island bis heute in Betrieb. Und die Atomindustrie in den USA arbeitet an einem Comeback. Das Argument: Atomstrom sei in Zeiten von globaler Erwärmung und Klimawandel eine saubere und sichere Alternative zu Kohle oder Gas.

Energieminister Rick Perry hat gerade angekündigt, dass Atomenergie in Amerika wieder "cool" werden soll. "Die Regierung von Präsident Trump wird die Atomindustrie in den USA erneuern und wiederbeleben", heißt es aus dem Energieministerium.

Atomenergie muss eine entscheidende Rolle spielen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen.
Lindsey Walter, Energieexpertin des Think Tank Third Way

Aber nicht nur konservative Republikaner um Präsident Trump setzen auf Atomkraft. Auch viele Demokraten und Liberale halten Atomkraft für unverzichtbar. "Atomenergie muss eine entscheidende Rolle spielen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen", sagt zum Beispiel Lindsey Walter, Energieexpertin des Think Tank Third Way. Selbst Naturschutzorganisationen und die atomkritische Union of Concerned Scientists meinen, dass saubere, emissionsfreie Energie nicht ohne Atomstrom machbar ist. Derzeit produzieren 98 Reaktoren im Land immerhin 20 Prozent der Energie.

Christine Layman will davon nichts wissen. Sie ist überzeugt, dass Atomkraftwerke krank machen. Ihre große Hoffnung ist, dass der alte Three-Mile-Island-Reaktor im September stillgelegt wird. "Ich bin froh, dass sich nach 40 Jahren endlich etwas tut."

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