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50 Jahre ESOC in Darmstadt - Frust und Freude im Satelliten-Kontrollraum

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"Alles unter Kontrolle" - der Satz bedeutet im ESOC in Darmstadt mehr als anderswo. Seit genau 50 Jahren geht es im europäischen Satellitenkontrollzentrum um Erfolg oder Pleite komplexer Weltraummissionen. Frust und Freude liegen dabei oft eng beieinander.

Alexander Gerst wird als erster deutscher ISS-Kommandant eine Weltraummission leiten. Knapp ein Jahr hat der 41 jährige nun Zeit, sich auf die „große Verantwortung“ vorzubereiten. Heute hat er die Mission „Horizons“ in Köln vorgestellt.

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So wie in jenem Mai des Jahres 2005. Die Sonde "Mars Express" hatte nur Wochen zuvor den Roten Planeten erreicht. Jetzt aber wollte ein 20 Meter langer Radararm partout nicht vollständig ausfahren. Er und zwei andere Arme sollten unter die Mars-Oberfläche blicken - eines der Kernelemente der Mission. Jetzt aber zogen die Experten in Darmstadt die Notbremse. Der unvollständig ausgefahrene Arm könnte andere Geräte beschädigen.

"Das ist frustrierend", schimpfte damals einer der Wissenschaftler, die viele Monate in die Entwicklung des Radar-Instruments gesteckt hatten. Das Gelenk blockierte, weil das Material die Kälte des Alls nicht vertragen hatte. Das Team in Darmstadt kam schließlich auf eine eigentlich einfache, aber dennoch kniffelige Idee: Sie drehten "Mars Express" in die pralle Sonne, um den Radararm aufzuheizen. Außerdem wurde die Sonde in Rotation versetzt, um die Fliehkraft zu nutzen. Der Arm klappte schließlich aus. "Mars Express" dreht noch heute seine Runden um den Roten Planeten.

Jubel und Routine

So dramatisch ist es zum Glück für die Nerven der ESOC-Leute nicht immer. Seit 1967 haben sie 77 Satelliten ins All gebracht, darunter Kommunikations-, Wetter-, Erdbeobachtungs- und Navigations-Satelliten. 17 werden aktuell von Darmstadt aus gesteuert. Viel Routine, aber auch immer wieder Momente, in denen im Hauptkontrollraum minutenlang laut gejubelt wird. Im Herbst 2014 war das zum Beispiel so, als das Minilabor "Philae" erfolgreich auf den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko aufsetzte.

"Man ist erfüllt", so beschreibt Jean-François Kaufeler knapp das Gefühl, wenn eine Mission erfolgreich war. Und er weiß, wovon er spricht. Von 1974 bis 2012 hat der gebürtige Bregenzer mit französischen Wurzeln im ESOC gearbeitet, zuletzt als Leiter des Zentrums. "Die Starts der Raketen haben mich besonders emotional berührt", erinnert er sich. Vor allem der Jungfernflug der "Ariane 1" an Heiligabend 1979. Im Kontrollzentrum brach damals Jubel aus. Sogar einige Reporter hätten vor Glück geweint, so Kaufeler im Gespräch mit heute.de. "Das ist heute unvorstellbar."

"Völlig verloren"

Wie nah Frust und Freude beieinander liegen, wurde Kaufeler nur wenige Monate später bewusst - beim Absturz der zweiten "Ariane 1". "Wir waren alle völlig verloren im Kontrollraum, weil wir nicht wussten, was los war." Erst kamen vom Forschungssatelliten "Firewheel" gar keine Signale, dann liefen plötzlich doch Daten ein - wie sich bald herausstellte stammten die aber aus einer Simulation. "Firewheel" war längst zerstört. Ein Auf und Ab mit schlechtem Ende. "Natürlich waren wir damals ziemlich deprimiert."

Ein solcher Fehlschlag und die Arbeit von Monaten ist verloren. So im Juni 1996 bei der Explosion der ersten "Ariane 5" - mit vier Forschungs-Satelliten aus dem "Cluster"-Programm an Bord. Ein herber Rückschlag für Forscher und Entwickler. "Manche Kollegen mussten sogar ärztlich betreut werden", so Kaufeler. Inzwischen allerdings gehören die Ariane-Raketen zu den zuverlässigsten der Welt. Fehlschläge bei Start gibt es kaum noch.

Früher 70, heute 900 Mitarbeiter

Und auch sonst hat sich über die Jahrzehnte viel getan. 1967 waren es in Darmstadt nur rund 70 Menschen, heute sorgen 900 aus vielen europäischen Ländern dafür, dass im ESOC alles so reibungslos funktioniert wie möglich. Die Arbeitsabläufe sind "managment-orientiert", erklärt Kaufeler. Komplexität und Anzahl der Missionen ließen nichts anderes mehr zu.

In den 70er Jahren sei dagegen alles noch etwas "legerer" gewesen, erinnert sich der Ingenieur. "Die Atmosphäre in der Pionierzeit war lockerer. Es gab sogar eine Bar." Und statt im Anzug, seien manche Kollegen auch schon mal in Shorts gekommen. Hart gearbeitet wurde aber natürlich auch damals schon - meist an raumgroßen Computern, die mit Lochbändern gefüttert werden mussten.

"Galileo" und "Copernicus"

Die Gefahr, dass den Teams im ESOC in absehbarer Zeit die Arbeit ausgeht, besteht wohl eher nicht. "Galileo", das europäische Navigationssystem wird gerade aufgebaut, das Erdbeobachtungsprogramm "Copernicus" ist mit fünf "Sentinel"-Satelliten in Betrieb, soll noch erweitert werden. Schon jetzt liefert es einen bislang nie erreichten Datenschatz - etwa für die Landwirtschaft, den Klimaschutz, über die Veränderungen der Vegetation, die Qualität von Küsten und Gewässern.

Und auch Kommunikationssatelliten haben weiter Konjunktur. Tendenz steigend. Dabei können die Pläne kommerzieller Anbieter, sogenannte Megakonstellationen von mehreren hundert Satelliten ins All zu bringen, auch für das ESOC zur Herausforderungen werden. Denn die Gefahr von Kollisionen mit Weltraumschrott steigt.

Und große Emotionen wird es im ESOC sehr wahrscheinlich auch in Zukunft geben. Spätestens mit "ExoMars" ist Nervenkitzel garantiert: 2020 will die ESA mit einem Rover auf den Roten Planeten landen. Sehr gut möglich, dass im Hauptkontrollzentrum in Darmstadt dann auch wieder Freudentränen fließen.

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