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50 Jahre Kanzler-Ohrfeige - Nazi-Jägerin Klarsfeld warnt vor Neofaschismus

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Vor 50 Jahren ohrfeigte Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger wegen seiner NSDAP-Vergangenheit. Heute warnt die 79-Jährige im ZDF vor dem Erstarken der Rechtsextremen.

Beate Klarsfeld wird nach der Ohrfeige für Kurt Gerog Kiesinger abgeführt
Beate Klarsfeld wird nach der Ohrfeige für Kurt Gerog Kiesinger abgeführt
Quelle: ap

Der 7. November 1968 war ihr fünfter Hochzeitstag, doch sie war ohne ihren Mann von Paris nach Berlin gereist. Die 29 Jahre alte Beate Klarsfeld hatte sich dort mit Hilfe eines Fotografen Zugang zum CDU-Parteitag in West-Berlin verschafft. Mit Stift und Stenoblock als Journalistin getarnt stand sie in der Nähe der Bühne und überredete einen Saaldiener, sie zu einer Kollegin auf der anderen Seite durchzulassen.

Ein Kanzler mit Nazivergangenheit

Der Saaldiener erlaubte es ihr, wenige Sekunden später setzte es eine der berühmtesten Ohrfeigen der deutschen Geschichte: Sie traf den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. "Vorher war ich nervös gewesen. In der ersten Reihe saßen ja auch die Leibwächter, die auf mich hätten schießen können", erinnert sich die 79-Jährige heute im ZDF-Interview. "Aber danach habe ich gelächelt und mich befreit gefühlt."

Klarsfeld war empört, dass Deutschland einen Kanzler gewählt hatte, der während der Nazizeit Karriere gemacht hatte. Kiesinger war im Außenministerium unter anderem für Radiopropaganda in den von den Nazis besetzten Ländern zuständig gewesen. "Ich wollte die Gesellschaft aufrütteln und verhindern, dass ehemalige Nazis weiterhin verantwortliche Posten in der deutschen Politik haben konnten", erklärt Klarsfeld.

Ein deutsch-französisches Paar

Die junge Deutsche hatte einen besonders scharfen Blick auf die Zustände in ihrer Heimat. Sie war mit 21 als Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen und hatte dort auf einem Metro-Bahnsteig ihren künftigen Mann Serge kennengelernt.
Serges Vater war in Auschwitz ums Leben gekommen. Seine Mutter nahm die deutsche Schwiegertochter dennoch warmherzig auf.

Beate und Serge Klarsfeld 1979
Beate und Serge Klarsfeld 1979
Quelle: dpa

Ein Paar wie Beate und Serge war zu dieser Zeit etwas Besonderes. "Als wir 1963 heirateten, sagte uns der Bürgermeister im 16. Arrondissement: Sie sind ein deutsch-französisches Paar. Sie müssen etwas aus Ihrer Ehe machen", erinnert sich Klarsfeld. Und diesen Auftrag haben sie durchaus erfüllt.

Ohrfeige als symbolische Strafe

"Ich habe mich nicht schuldig gefühlt, aber moralisch verantwortlich", sagt Klarsfeld im Rückblick. "Ich konnte nicht passiv bleiben." Als Kiesinger Kanzler wurde, veröffentlichte Klarsfeld mehrere kritische Artikel in der linken französischen Zeitschrift "Combat". Das kostete sie ihren Job als Sekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks und stachelte ihre Wut noch weiter an.

Gemeinsam mit Serge – und mit Hilfe der DDR – sammelte sie Dokumente, um Kiesingers Aufstieg in der Rundfunkabteilung des Außenministeriums in den 40ern zu dokumentieren. Sie verschickten Broschüren, Beate sprach vor Studenten. "Aber es bewegte sich nichts. Die Gesellschaft war so eingestellt: Es gab so viele Nazis, die sitzen überall, sogar im Bundestag...", erinnert sie sich.

Die Ohrfeige hatten Serge und Beate gemeinsam vorbereitet. "Als wir mit legalen Mitteln nichts erreichen konnten, haben wir eben illegale angewandt", erklärt sie. Ein Gewaltakt sei es nicht gewesen, allenfalls ein symbolische Strafe für die Generation der Väter.

Archiv: Beate Klarsfeld, aufgenommen am  02.04.1968  in Bonn
2. April 1968 im Bundestag in Bonn: Mit lauten Zwischenrufen versucht Beate Klarsfeld, die Ausfuehrungen von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger während einer Haushaltsdebatte zu stören. Sie wird daraufhin von einem Saaldiener hinausgeführt.
Quelle: dpa

Vier Monate Haft auf Bewährung

Dem Richter hielt sie entgegen: "Gewalt ist es, wenn man der deutschen Jugend einen Nazi-Propagandisten aufzwingt." Beate Klarsfeld wurde in einem noch am selben Tag eingeleiteten Schnellverfahren zu einem Jahr Haft verurteilt. Als die Richter auf ihre französische Staatsangehörigkeit aufmerksam wurden, kam sie allerdings frei. Im Berufungsverfahren kam sie mit vier Monaten auf Bewährung davon.

Später widmete das deutsch-französische Paar all seine Energie dem Aufstöbern untergetauchter Naziverbrecher, wie etwa Klaus Barbie, Maurice Papon und Kurt Lischka. Auch dabei schreckten sie vor illegalen Methoden wie gewaltsamen Entführungen nicht zurück.

Archiv: Beate Klarsfeld
Beate Klarsfeld während des ZDF-Interviews. "Heute kann man mit einer Ohrfeige nichts mehr anrichten", sagt die 79-Jährige im ZDF-Interview.
Quelle: ZDF/Ulrike Koltermann

Erstarken der Rechtsextremen in Europa

Heute sind fast alle ehemaligen Nazis tot oder inhaftiert. Die beiden Klarsfelds aber sorgen sich um das Erstarken der Rechtsextremen in Europa. Sie haben 2017 in französischen Zeitungen Anzeigen geschaltet, um vor der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen zu warnen.

"Heute kann man mit einer Ohrfeige nichts mehr anrichten", meint Klarsfeld. Dass AfD-Politiker das Holocaust-Mahnmal als Denkmal der Schande und die Nazizeit als Vogelschiss der Geschichte bezeichneten, mache ihr Angst. "Wenn diese Parteien an die Regierung kommen ...", sagt sie und schüttelt den Kopf.

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