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50 Jahre "Schmach von Tirana" - Als die Fußball-Zwerge verschwanden

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Vor fünfzig Jahren verpasst die Nationalelf in Albanien das einzige Mal die Qualifikation für ein großes Turnier. Die "Schmach von Tirana" zeigte: "Die Kleinen" gibt es nicht mehr.

Fußballnationalmannschaften von Deutschland und Albanien 1967 in Tirana
Die Fußballnationalmannschaften von Deutschland und Albanien 1967 in Tirana vor dem Anpfiff. Quelle: dpa

"Diese Reise fühlte sich an wie eine Reise zum Mond", sagte Deutschlands ehemaliger Nationalspieler Willi Schulz in einem Interview mit 11 Freunde. Wer sich die wenigen TV-Bilder ansieht, die es vom Spiel der Nationalmannschaft am 17. Dezember 1967 gegen Albanien in Tirana gibt, fühlt sich in der Tat an die Bilder von der ersten Mondlandung erinnert.

Top 3 der Fußballpleiten

Mit einem 0:0 kehrte die Elf von Bundestrainer Helmut Schön damals aus dem kommunistischen Albanien nach Hause - ein Ergebnis, das in die "Memoiren des deutschen Fußballs" einging, wie der daran beteiligte Verteidiger Bernd Patzke einmal sagte. Die "Schmach von Tirana" zählt neben der 0:1-Niederlage gegen die DDR bei der WM 1974 und der "Schmach von Cordoba", dem 2:3 gegen Österreich bei der WM 1978, bis heute zu den drei größten bundesdeutschen Fußball-Blamagen.

"Es ist das einzige Mal, dass Deutschland in der Qualifikation für ein großes Turnier gescheitert ist", sagt der Helmut-Schön-Biograf Bernd-M. Beyer im Gespräch mit zdfsport.de: "Dass dies dann auch noch gegen einen Gegner wie Albanien passierte, ist für eine Fußballnation wie Deutschland schmachvoll."

Absage der Besten

Die Niederlage in der Qualifikation zur EM-Endrunde in Italien 1968 platzte mitten in eine Aufbruchstimmung hinein, die noch vom Gewinn der Vizeweltmeisterschaft 1966 in England und dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger von Borussia Dortmund (1966) sowie Bayern München (1967) geprägt war. Das Hinspiel gegen Albanien hatte das deutsche Team klar mit 6:0 gewonnen worden, im Rückspiel genügte ein einfacher Sieg, um den Konkurrenten Jugoslawien hinter sich zu lassen.

Peter Meyer beim 0:0 gegen Albanien in Tirana
Peter Meyer (links) machte beim 0:0 gegen Albanien in Tirana sein einziges Länderspiel. Quelle: dpa

"Die Europameisterschaft hatte damals noch nicht so eine Bedeutung wie heute", nennt Beyer, dessen Biografie "Helmut Schön" zum Fußballbuch des Jahres 2017 gewählt wurde, einen Grund für das Scheitern. "Zentrale Spieler wie Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Gerd Müller sagten ab - zwar mit einer guten Begründung, aber ich bezweifle, dass sie abgesagt hätten, wenn es um eine WM-Qualifikation gegangen wäre." So kam es, dass Mittelstürmer Peter Meyer von Borussia Mönchengladbach sein erstes und einziges Länderspiel bestritt.

Eier aus dem Kombinat

Die Spieler selbst gaben zum Teil profanere Erklärungen für ihr Scheitern an der albanischen Abwehrwand an. Man habe kaum etwas zu essen gehabt, monierte etwa Günter Netzer, was Willi Schulz später so präzisierte: "Es gab kein Fleisch, nur Brot und Eier. Die Eier kamen aus einem Eierkombinat."

Dabei gab es durchaus spielerische Gründe dafür, warum der dominanten deutschen Mannschaft der erlösende Treffer nicht gelang. "Auf dem Platz zeigte sich das Dilemma des Zusammenspiels zwischen Günter Netzer und Wolfgang Overath das erste Mal in seiner ganzen Schönheit", sagt Fußball-Autor Beyer. "Nach dem damaligen Rollenverständnis funktionierte es nicht, zwei Regisseure nebeneinanderzustellen."

Nie mehr ohne "Legionäre"

Günter Netzer war schon damals klar, dass dieser Tag die Spieler ein Leben lang verfolgen würde. "Es war eine einzige Katastrophe", sagte er Jahre später. "Wir waren damals eine große Nation im Fußball, und Albanien war ein Zwerg. Damals gab es im Fußball ja noch richtige Zwerge."

Genau das hat sich am 17. Dezember 1967 in Tirana auf holprigem Platz vor 40.000 euphorischen Zuschauern geändert. "Das Spiel stellte eine Zäsur dar, weil klar wurde, dass man gegen niemanden mehr mit links gewinnt, sondern für jeden Gegner eine professionelle Vorbereitung und die besten Spieler braucht", sagt Beyer, "und dass man auf die im Ausland spielenden Profis, die vielen als Verräter galten, nicht verzichten kann."

Schön hält durch

Am härtesten traf der Schlag Trainer Helmut Schön, an dessen Stuhl trotz des Erfolges in England kräftig gesägt wurde. "Lasst doch mal den Merkel ran", versuchte die Bild-Zeitung, mit der Schön auf dem Kriegsfuß stand, den erfolgreichen Vereinstrainer Max Merkel, ins Amt zu schreiben. Der feingeistige Schön überstand den Wirbel - und leitete dann mit der Qualifikation für die WM 1970 in Mexiko einen Höhenflug ein, der bis zum WM-Gewinn 1974 führte.

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