Sie sind hier:

50 Jahre "Stonewall"-Proteste - "Wir sind noch nicht am Ziel"

Datum:

Vor 50 Jahren kämpften Homosexuelle, Dragqueens und Transgender vor dem New Yorker "Stonewall Inn" gegen Diskriminierung. Heute ist die Bar Nationaldenkmal und Touristenmagnet.

Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wie ein Mensch.
Tommy Lanigan-Schmidt

"Das 'Stonewall Inn' war ziemlich heruntergekommen, es gab kein fließendes Wasser, keine Notausgänge. Aber jeder durfte rein. Es gab eine Jukebox, und man konnte schwofen, ohne rausgeschmissen zu werden. "Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wie ein Mensch", erinnert sich Tommy Lanigan-Schmidt. Als er im Sommer 1969 zum ersten Mal in New York im "Stonewall Inn" tanzte, war er gerade 21 Jahre alt. "Unser größter Feind war die Polizei. Sie konnte dich verhaften, wenn du nicht mindestens drei Kleidungsstücke anhattest, die dich als Mann ausgewiesen haben."

60er Jahre: Mit Elektroschocks gegen Homosexualität

Homosexualität war in den 1960er Jahren überall in den USA illegal. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen wurden mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft. Im Fernsehen warnten "Informationssendungen" vor Homosexuellen: Sie seien krank und ihre Krankheit sei - genau wie Windpocken - ansteckend. In Kalifornien behandelte man Schwule mit Elektroschocks, um sie zu "heilen". "Die Anti-Schwulen-Gesetze in den USA waren damals schärfer als in Russland, Kuba oder Ostdeutschland", sagt David Carter, Autor des Buches "Stonewall: The Riots that sparked the gay revolution". Selbst der Ausschank von Alkohol an Homosexuelle war verboten.

Es war nicht nur die Wut über die Polizei an diesem Abend. Der Frust über die seit Jahren andauernden Demütigungen kochte einfach über.
David Carter, Buchautor

Die Sittenpolizei in New York führte regelmäßig Razzien in Schwulenbars durch - auch am 28. Juni 1969. Gegen ein Uhr nachts begannen die Proteste. Erstmals wehrten sich die Barbesucher gegen Ausweiskontrollen und Verhaftungen. Statt wegzulaufen, stellten sie sich den Polizisten entgegen. Sie bewarfen die Beamten zunächst mit Münzen, dann mit Flaschen. "Es war nicht nur die Wut über die Polizei an diesem Abend. Der Frust über die seit Jahren andauernden Demütigungen kochte einfach über", sagt Buchautor Carter.

Geburtsstunde der Schwulen-und Lesbenbewegung

Die Krawalle in und um das "Stonewall Inn" dauerten sechs Tage. Die Polizei verhaftete 21 Menschen. "Die 'Stonewall'-Proteste waren die Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung", meint Carter. Seitdem ist viel passiert: Bereits ein Jahr nach den "Stonewall"-Krawallen, im Juni 1970, fand der erste "Pride March" statt. 4.000 Menschen zogen durch Manhattans Greenwich Village. Schwule und Lesben wurden immer selbstbewusster und sichtbarer. 2015 entschied der Oberste Gerichtshof, dass gleichgeschlechtliche Paare überall in den USA heiraten dürfen. Präsident Barack Obama erklärte das "Stonewall Inn" 2016 zum Nationaldenkmal. Die legendäre Bar in der Christopher Street steht inzwischen in jedem New-York-Reiseführer.

Archiv: Ein Taxi fährt am "StoneWall Inn" im Szene-Stadtteil Greenwich Village vorbei, aufgenommen am 19.06.2019, USA, New York.
Das "Stonewall Inn"
Quelle: dpa

Zum 50. Jahrestag der "Stonewall"-Proteste wehen überall in New York die Regenbogenflaggen. Geschäfte und Restaurants werben mit speziellen Angeboten zum "Pride Month". Höhepunkt ist der "World Pride March" an diesem Freitag. 4,5 Millionen Teilnehmer werden erwartet. Und: Die New Yorker Polizei hat sich - 50 Jahre nach "Stonewall" - offiziell entschuldigt für die Diskriminierung und Kriminalisierung von Schwulen und Lesben. "Was das NYPD damals getan hat, war falsch, schlicht und einfach", so Polizeichef James O'Neill.

Diskriminierungen gehen weiter

"Das alles sind Riesenfortschritte", sagt die 72-jährige New Yorker "Stonewall"-Veteranin Sandy Rapp. "Aber wir müssen weitermarschieren und weiter kämpfen. Wir sind noch nicht am Ziel." Tatsächlich hat die Regierung in Washington gerade mehrere Gesetze erlassen, die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender-Personen erneut einschränken. Seit April nimmt das US-Militär keine Soldaten mehr auf, die sich nicht mit ihrem bei der Geburt festgestellten Geschlecht identifizieren. Das Gesundheitsministerium will künftig den Zugang zu medizinischen Behandlungen für Transgender einschränken.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Schwule, Lesben und Transgender in vielen Ecken der USA immer noch eine versteckte Minderheit sind.
Karla Jay, "Stonewall"-Aktivistin

"Für uns hier in New York ist es einfach, laut und stolz zu sein. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Schwule, Lesben und Transgender in vielen Ecken der USA immer noch eine versteckte Minderheit sind", sagt die New Yorker Professorin und "Stonewall"-Aktivistin Karla Jay. "Es ist wichtig, dass wir auch 50 Jahre nach 'Stonewall' unsere Geschichte erzählen. 'Stonewall' war der Funke, aber wir sind die Fackel."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.