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1968er-Bewegung in Polen - Zwischen Protest und Hetze

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Das polnische 1968 beginnt mit einem Theaterstück und endet in einer Groteske: Auf Studentenproteste antwortet die Regierung mit einer antisemitischen Kampagne.

Archiv: Proteste am 08.03.1968 in Warschau
Proteste am 08.03.1968 in Warschau
Quelle: picture alliance / PAP

Immer wieder stimmt das Publikum im Warschauer Nationaltheater laute Sprechchöre an: "Unabhängigkeit ohne Zensur!" und "Wir wollen Kultur ohne Zensur!" hallt es durch den Saal.
Der ist am 30. Januar 1968 mit Studenten gefüllt, die die Abschaffung der Zensur fordern. Sie sind zur letzten Vorstellung der "Totenfeier" des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz gekommen.

Das Theaterstück soll abgesetzt werden, weil es die kommunistische Führung für "anti-sowjetisch" hält. Nach der Aufführung kommt es zu Demonstrationen und zahlreichen Festnahmen. Es ist das Vorspiel zu einem Jahr, das bis heute bittere Erinnerungen wachruft in Polen.

Die Repressionen folgen schnell

Ein Graffiti an der U-Bahn-Haltestelle Centrum in Warschau
Ein Graffiti an der U-Bahn-Haltestelle Centrum in Warschau erinnert heute an die Ausschreitungen vor 50 Jahren
Quelle: ZDF/Tomasz Deblessem

Intellektuelle und Studenten im ganzen Land sind aufgebracht über die zunehmend repressive Kulturpolitik der Regierung. Während die Studenten Unterschriften sammeln, protestiert auch der polnische Schriftstellerverband gegen die Absetzung des Stücks. Die Stimmung kocht über, als die Universität in Warschau zwei Anführer der Bewegung exmatrikuliert.

Dagegen demonstrieren am 8. März die Studenten in der Hauptstadt. Doch sie werden auseinandergetrieben, ihre Anführer verhaftet. Im ganzen Land gehen daraufhin Studenten auf die Straße. Eine Jugendrevolte, der sich auch junge Arbeiter und Schüler in der Provinz anschließen. Knapp zwei Wochen halten die Demonstrationen und Streiks an den Unis an.

Die Parteispitze reagiert mit aller Härte. Polizei und Bürgermilizen gehen brutal gegen die Demonstranten vor. Auch Arbeiter werden gegen die Studenten mobilisiert. Mit Wasserwerfern, Prügelorgien, massenhaften Exmatrikulationen und Gefängnisstrafen bekommt die Regierung die Situation bis Ende März in den Griff. Ganze Institute werden aufgelöst, zahlreiche Universitätsmitarbeiter verlieren ihre Anstellungen, Intellektuelle werden aus der Partei ausgeschlossen.

Antisemitische Losungen werden zu Leitmotiven

Noch bevor die März-Ereignisse ihren Lauf nehmen, tauchen in Warschau erste antisemitische Flugblätter auf. Die Parteipresse macht bald "Zionisten" für die Studentenproteste verantwortlich und brandmarkt sie als "Verräter der polnischen Nation". "Literaten an die Feder, Studenten in die Hörsäle und Zionisten nach Zion" ist auf vielen Bannern bei regimetreuen Manifestationen zu lesen. Antisemitische Losungen werden schnell zum Leitmotiv, mit dem die Propaganda die Studenten bekämpft.

Die Kampagne wächst sich auch deshalb zu einer regelrechten Hetze gegen jüdische Polen aus, weil innerhalb der Vereinigten Arbeiterpartei schon länger ein verdeckter Machtkampf tobt. Im Vorjahr hatte sich die Sowjetunion nach dem Sechstagekrieg von Israel abgewandt. Hardliner im polnischen Sicherheitsapparat machten sich den Antizionismus zunutze, um sich ihrer Rivalen zu entledigen. So führt die Propaganda gegen die Märzunruhen zu einer umfassenden Säuberung in Partei, Staat und anderen Institutionen. Rund 15.000 Polen jüdischer Herkunft werden zur Ausreise gedrängt. Viele von ihnen sind Holocaust-Überlebende.

Duda entschuldigt sich

Die Erinnerung an das Jahr 1968 ist wohl in kaum einem Land so ambivalent wie in Polen. Es steht für einen gesellschaftlichen Aufbruch. Wichtige Anführer der Gewerkschaftsbewegung Solidarność wie Adam Michnik oder Jacek Kuroń begannen hier ihren Weg als Oppositionelle. Aber es war auch das Jahr einer antisemitischen Hetze.

Das "freie und unabhängige Polen von heute trägt keine Verantwortung" für die antijüdische Kampagne, erklärte Staatspräsident Andrzej Duda zum 50. Jahrestag am 8. März. Gleichzeitig sagte Duda "als Präsident": "Bitte verzeihen Sie, verzeihen Sie der Republik und den Polen, dem Polen von damals dafür, dass damals so ein schändlicher Akt begangen wurde."

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