Sie sind hier:

Anti-Notstandsbewegung - 68er unterliegen in "Entscheidungsgefecht"

Datum:

Die Angst vor einem "neuen Faschismus" trieb die 68er ins Gefecht mit "abstrakten Vätern" wie Kiesinger und Lübke. Überraschend aber: Daheim gab es den Vater-Kind-Konflikt selten.

Demonstranten marschieren am 11. Mai 1968 über die Kennedybrücke in Bonn
Demonstranten marschieren am 11. Mai 1968 über die Kennedybrücke in Bonn Quelle: ap

Die Angst vor einem Machtmissbrauch der Politik trieb die jungen Deutschen im Mai 1968 um wie kein anderes Thema. Mehr als 60.000 Menschen demonstrierten in Bonn gegen die Pläne der Bundesregierung, Notstandsgesetze einzuführen. Im Kriegsfall, bei Naturkatastrophen oder während eines Generalstreiks sollten diese Gesetze die Grundrechte der Bundesbürger beschneiden und die Regierung mit besonderen Kompetenzen ausstatten.

Dem Phantom eines "neuen Faschismus" hinterhergerannt

Als "Entscheidungsgefecht" bezeichnet der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar den Versuch der 68er, die Notstandsgesetze zu verhindern. Sie seien dabei von großer Sorge um die Demokratie angetrieben worden und gleichzeitig dem Phantom eines "neuen Faschismus" hinterhergerannt. 

Alles Mobilisieren blieb indes vergebens: Am 30. Mai 1968 verabschiedete der Bundestag mit den Stimmen von Union und SPD Notstandsverfassung und Notstandsgesetze. Die Geschichte zeigt, dass die Furcht vor einer neuen "Machtergreifung" unbegründet war. Im Mai 1968 jedoch herrschte die Angst davor und der Feind der 68er regierte im Bundeskanzleramt: "Nazi-Kiesinger", wie sie den Kanzler wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit beschimpften.

Viele staatliche Institutionen damals "durchseucht von Nazis"

Dass viele junge Deutsche Furcht davor gehabt hätten, dass erneut der Horror einer Nazidiktatur aufziehen könnte, berichtet der Schriftsteller Peter Schneider. "Wir sind aufgewachsen ohne jedes Urvertrauen in die Generation vor uns", sagt Schneider, der in den 60er-Jahren einer der Wortführer der Berliner Studentenbewegung war. Er spricht davon, "wie durchseucht die staatlichen Institutionen damals noch mit Nazis waren" und welches Misstrauen deshalb bei vielen jungen Menschen gegenüber dem Staat geherrscht habe.

Die braune Vergangenheit zahlreicher bundesrepublikanischer Politiker ist heute gut dokumentiert. Damals aber wanden sich diese noch, darunter auch Kanzler Kiesinger oder Bundespräsident Heinrich Lübke, indem sie ihre Rolle in der NS-Diktatur kleinredeten. Gleiches galt für zahllose Beamte, Richter, Professoren, Polizisten. Und statt in den eigenen Elternhäusern die Vergangenheit der Väter und Mütter zu hinterfragen, hätten die 68er einen leichteren Weg gewählt und mit "abstrakten Vätern" wie Kiesinger und Lübke abgerechnet, schreibt die Historikerin Christina von Hodenberg in "Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte".

Historikerin: 68er verstanden sich "ausgezeichnet" mit ihren Eltern

Anders als es das heute gängige Narrativ nahelegt, sei es vielfach nicht so gewesen, dass die 68er durch die Wut auf die eigenen Eltern in die Revolte getrieben worden seien. Vielmehr: Nicht Papa war schuld, sondern das System. Während der Zeitzeuge und Historiker Götz Aly die 68er als eine "Generation der emotional frierenden Kinder" beschreibt und der Sozialphilosoph Max Horkheimer in ihnen "todunglückliche und verzweifelte" Menschen sah, warnt von Hodenberg davor, von Einzelfällen auf die Allgemeinheit zu schließen.

Anders als Aly, der einen "Mangel an Nestwärme" als "das zentrale Problem der 15- bis 25-Jährigen von 1968" ausmacht, verweist von Hodenberg auf sozialwissenschaftliche Belege, die eher das Gegenteil nahelegen. "Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten waren die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern damals ausgezeichnet", schreibt die Historikerin und verweist zum Beispiel auf eine repräsentative Emnid-Umfrage aus dem Jahr 1965, die zum Ergebnis kommt, dass Eltern für 71 Prozent der befragten Jugendlichen Vertrauenspersonen waren.

Kommunarden: Radikale Abkehr von Welt bürgerlicher Kleinfamilie

Selbst Dieter Kunzelmann, Mitbegründer der Kommune 1 in Berlin und später Terrorist, der eine radikale Abkehr von der Welt der bürgerlichen Kleinfamilie vollzog, schwärmte von seinen Eltern, von denen er "Liebe, Solidarität und Toleranz" erfahren habe. Dennoch rief er seine Mitstreiter auf, sich zu entwurzeln, von alten Familienstrukturen zu befreien.

Ein Widerspruch, den Kunzelmann selbst wohl nur mithilfe seiner starken Identifikation mit der Lehre des Philosophen Theodor W. Adorno auflösen konnte, der in der klassischen Familie jenen "autoritären Charakter" ausgebrütet sah, der sozialpsychologisch betrachtet den Faschismus überhaupt erst ermöglicht habe. Im Gegensatz dazu sah Kunzelmann Kommunen als die Keimzelle der antiautoritären Bewegung und einer "befreiten Gesellschaft". Dort, so glaubte er, würde ein "neuer Mensch" geschaffen werden können, der frei sei von Besitzansprüchen, Neid, Konkurrenz-, Leistungs- und Hierarchiedenken. Die Einheit von "Kampf- und Lebensgemeinschaft" der Kommune 1 zerfiel indes schon im Herbst 1969.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.