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68er und sexuelle Befreiung - Wilder Hedonismus nur auf kleinen Inseln

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Freien Sex und "Nacktparaden" wollten 68er-Kommunarden als Mittel ihres politischen Kampfs verstanden wissen. Die Sexualität der Deutschen haben sie damit aber kaum revolutioniert.

Uschi Obermaier und Rainer Langhans
Uschi Obermaier und Rainer Langhans Quelle: dpa

Geht es heute um die 68er und deren Sexualität, kommt kaum ein medialer Rückblick ohne das ikonenhafte Foto einer "Nacktparade" der Westberliner Kommune 1 aus - und dazu das Doppelporträt der halbnackten Uschi Obermaier und ihres damaligen Partners Rainer Langhans. Das Model und der Kommunarde gelten als "Vorzeigepaar", Verfechter einer sexuellen Revolution, an deren Ende ein "neuer", selbstbestimmter Mensch stehen sollte. Freier Sex und antiautoritäre Politik waren für die Kommunarden dabei zwei Seiten einer Medaille.

"Wilder Sex" sollte gegen "faschistische Idee" immunisieren

Denn im Glauben von Langhans und dessen Mitstreitern begünstigte sexuelle Repression Neurosen, Gewalttätigkeit und letztlich das Erstarken diktatorischer, faschistischer Herrschaftsstrukturen. Dem wollten sie etwas entgegensetzen. In der Theorie sollten freies Ausleben von Sexualität und freier Zugang zu Pornographie einen "sexuellen Notstand" in breiten Teilen der Gesellschaft beenden.

Mehr noch: "Wilder, hedonistischer Sex würde gegen faschistische Ideen immunisieren, verklemmte Seelen therapieren und das kapitalistische Leistungsprinzip unterlaufen", umreißt die Historikerin Christina von Hodenberg in ihrer großangelegten Recherche über "Das andere Achtundsechzig" das Gedankenkonstrukt jener zahlenmäßig kleinen Avantgarde in den Hochburgen der 68er-Protestbewegung.

Romantik statt Revolution in deutschen Betten

Die Historikerin kommt zu dem Ergebnis, dass Sex damals nur von einigen Tausend jungen Bildungsbürgern mit antikapitalistischer und antifaschistischer Rebellion verbunden worden sei. "Die West-Berliner Bohème, die die sexuelle Revolution politisierte, war alles andere als repräsentativ für das Denken und die Praxis der Masse", so von Hodenberg.

Ständiger Partnerwechsel, Pornographie und Experimente mit kleinkindlicher Sexualität seien vielmehr von einer Mehrheit der Jugend abgelehnt worden, die stattdessen am Leitbild von romantischer Liebe, partnerschaftliche Treue letztlich auch in einer Ehe festhielt. "Die Theorien der neuen Linken über Sex und Politik fanden kaum gesellschaftliche Breitenwirkung", bilanziert von Hodenberg. 

"Sex-Kommune" oder "ziemlich verklemmter Haufen"?

Und während Rainer Langhans beseelt zu sein schien von der Kraft einer "Erleuchtungssexualität“ bezeichnet die ehemalige Kommunardin Dagmar Seehuber die K1-Wohngemeinschaft rückblickend als "ziemlich verklemmten Haufen". In einer Zeit, in der Boulevardjournalisten ihren Fantasien vom promisken Leben in den "Sex-Kommunen" freien Lauf ließen, gab es Seehuber zufolge innerhalb der Wohngemeinschaft statt wilder Orgien stundenlange "Psycho-Diskussionen", in denen die Kraft revolutionärer Sexualität beschworen wurde und jeder sein Innerstes nach außen kehren sollte.

Außerdem, so berichtet die Historikerin und Journalistin Ute Kätzel nach Gesprächen mit Frauen aus dem Umfeld der ersten Kommunen in ihrem Buch "Die 68erinnen - Porträt einer rebellischen Frauengeneration", dass die sexuelle Revolution lange vor allem männlich definiert gewesen und deren sexuelle Befreiung "absolut auf Kosten der Frauen" gegangen sei. Der Tenor: Die neuen Machos durften sich alles herausnehmen und Frauen als Trophäen benutzen, während die sich schön unterzuordnen hatten.

68erinnen protestieren gegen Machos an ihrer Seite

Organisierte 68erinnen protestierten dagegen etwa mit dem Slogan "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen". Damit zeigten sie, dass die mehr sein wollten "als ein Objekt der Begierde im Triebhaushalt ihrer Kampfgefährten", wie der Zeitzeuge und Historiker Wolfgang Kraushaar es formuliert.

Anders als Berichte von "68er-Sexhappenings" es vermitteln, ergab sich ein Großteil der Jugend in den 60er-Jahren auch keineswegs einem wilden Hedonismus. An die Pille, die seit 1961 auf dem Markt war, kamen unverheiratete Frauen nur über Umwege. Außerdem verurteilte das Strafgesetzbuch damals noch vorehelichen Sex. Unter dem Titel "Ohne Ehe alles Unzucht" beklagte etwa das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im April 1968 veraltete, moralisierende Strafvorschriften: "Unnachsichtig bestrafen deutsche Gerichte Eltern, die ihren Kindern Liebesbeziehungen nicht verbieten, wegen Kuppelei."

Hälfte der Studenten verzichtete aus Angst auf Sex

Zwar wussten viele junge Paare diese Hürden zu umgehen, dennoch bewegten sie sich in einem alles andere als liberalen Klima. Gar die Hälfte aller Studenten hätten in den 60er-Jahren ganz und gar abstinent gelebt, "viele davon, weil sie eine Schwangerschaft fürchteten", schreibt Historikerin von Hodenberg. Erst im Lauf der 70er-Jahre, in denen der "Kuppelei"-Paragraph abgeschafft worden ist und auch die Pille von Millionen Frauen genutzt wurde, brach sie so etwas wie eine Hochphase der sexuellen Befreiung großer Gesellschaftsschichten heran.

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