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Bundesverdienstorden für Pädagogen - Damit die Räume nicht eng werden

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Im Stadion wird Fußball gespielt, gejubelt, geschimpft, auch geweint. Manchmal geht es auch um das Leben danach, die Probleme, die Politik. Das hat viel mit Birger Schmidt zu tun.

Lernort Stadion e.V. beim DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt (Archivbild)
Wenn der Unterricht im Stadion stattfindet.
Quelle: imago

Birger Schmidt muss nicht lange überlegen. "Fußball und Politik? Gehört auf jeden Fall zusammen." Das Stadion sei ein "höchst politischer" Ort. "Wer das nicht sieht, verschließt die Augen." Schmidt hat es schon früh gesehen. Dafür verleiht ihm heute Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Bundesverdienstorden. Weil der 54-Jährige, wie es in der Laudatio heißt, in besonderer Weise die "Werte des Grundgesetzes" vermittelt. Fußball und die Verfassung, das passt für Schmidt schon seit gut 15 Jahren zusammen. Lernort Stadion heißt der Verein, in dem er drei seiner Leidenschaften zusammenbringt: Fußball, Film - und Jugendarbeit.

Nur Rudi Assauer sagte zu

Birger Schmidt
Birger Schmidt
Quelle: Lernort Stadion

Schmidt ist Erziehungswissenschaftler. In Großbritannien lernte er etwas kennen, was ihn begeisterte: Fußballstadien, die zu Klassenzimmern werden und eine ganze andere Art von Unterricht bieten. Stadien stehen zwischen den Heimspielen ja oft leer. Die Mannschaften trainieren dort, aber viel mehr passiert in den zwei Wochen dazwischen nicht. Ex-Premierminister Toni Blair hatte 1998 die Idee, die englischen Stadien in dieser Zwischenzeit für politische Bildung zu nutzen. Für Jugendliche vor allem, die davon sonst nicht viel mitbekommen, die auch mal die Schule schwänzen. Die alle gerne Fußball spielen, für die ein Stadionbesuch aber oft zu teuer ist. Große Firmen stifteten Computer, die Schulen machten mit und verlegten in die Fußballarenen einen Teil des Unterrichts - eine sehr erfolgreiche Kombination.

2005 versuchte Schmidt, die Idee nach Deutschland zu bringen. "Es war eine Katastrophe", sagt er. Gerade einmal vier Vereine waren interessiert. Deren Geschäftsführer aber sahen nicht ein, warum sie zusätzlich zur sportlichen Nachwuchsförderung auch noch etwas für deren politische Bildung tun sollten. Nur Rudi Assauer, der kürzlich verstorbene Manager von Schalke 04, hatte ein offenes Ohr. In Gelsenkirchen gab es schon eine gute Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Berger Feld. Mesut Özil, Manuel Neuer, Julian Drexler, Benedikt Höwedes - alle diese späteren Nationalspieler waren auf dieser Schule. Assauer sagte zu. Und kurzer Zeit später wieder ab: Schalke war pleite, Assauer musste zurücktreten.

Was Martin Schulz beim SV Würselen lernte

Bis 2009 passierte nichts mehr mit Schmidts Idee. Bis sich einer wieder daran erinnerte. In Dortmund gab es eine Lesung in einer Spielerkabine. Das begeisterte einen Verantwortlichen von der Robert-Bosch-Stiftung, der sprach mit dem BVB-Fanprojektleiter und dieser erinnerte sich wiederum an Schmidt. Und diesmal klappte es: Die Vereine machten mit. Mittlerweile öffnen 20 Fußballvereine bis zur dritten Liga ihre Stadien für Schüler ab der 8. Klasse für Projektwochen. Etwa 55.000 Schüler haben insgesamt teilgenommen. Dann dürfen sie nicht nur die Spielerkabinen, VIP-Lounge und Massageräume besichtigen, sondern sie beschäftigen sich mit allen diesen Dingen, die nicht nur, aber eben auch mit Fußball zu tun haben: Rassismus, Rechtsextremismus, Integration, Europa, Frauen im Fußball, Umgang mit Macht.

Manchmal kommen Spieler oder Trainer dazu, manchmal auch Politiker wie Martin Schulz, der den Jugendlichen erzählte, was er beim SV Rhenania 05 Würselen fürs Leben gelernt hat. Gerechtigkeit und Fairness zum Beispiel. Ideen für solche Projektwochen gibt es viele. "Ich glühe", sagt Schmidt, wenn Jugendliche in dieser Woche förmlich aufblühen. Wie ein Schüler neues Selbstbewusstsein schöpft, weil er ein beeindruckendes Fußballgraffiti herstellt. Wie sich Jugendliche in einen Migranten besser hineinversetzen können, weil sie eine Pressekonferenz mit dem neuen afrikanischen Spieler nachspielen. Vier Kollegen hat Schmidt im Verein mittlerweile, die bundesweit die Projekte mit Trägern vor Ort koordinieren. Dazu kommt das Fußball-Filmfestival "11 mm", das einmal im Jahr in Berlin stattfindet. Demnächst soll es Auswärtsspiele, also Austauschfahrten, nach Frankreich, Polen und England geben. Also dahin, wo die Idee hergekommen ist.

"Ein Orden für uns alle"

Schmidt selbst spielt nicht mehr Fußball. Und ins Stadion geht er nur noch wegen seinem Lieblingsverein 1. FC Köln. Immerhin: Seitdem die Kölner wieder erstklassig sind, kann er sie in der nächsten Saison in Berlin live erleben. Doch der Terminkalender des 54-Jährigen ist voll. Den Brief aus dem Bundespräsidialamt hat er eher nebenbei, mitten im Gespräch mit Frau und Tochter, geöffnet. Und dann das: Bundesverdienstorden! "Ich bin natürlich entzückt", sagt Schmidt, der vor mehr als 30 Jahren von der Insel Fehmarn nach Berlin kam. Der Orden sei "eine großartige Anerkennung" für die Arbeit mit den Jugendlichen. Heute feiert er mit Freunden und Familien privat, am Samstag mit allen Mitarbeitern und Trägern rund um den Lernort Stadion. "Es ist ein Orden für uns alle", sagt Schmidt.

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