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70 Jahre Berliner Luftbrücke - "Ohne sie hätten wir nicht überlebt"

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Es war die erste große Krise des Kalten Kriegs und der Beginn deutsch-amerikanischer Freundschaft. Ein Held von damals und eine Berlinerin erinnern sich an die Luftbrücke.

Vor 70 Jahren starten die Westmächte die Luftbrücke nach Berlin. Sie war die Antwort auf die sowjetische Blockade Berlins und der Beginn der deutsch-amerikanischen Freundschaft: mit den sogenannten Rosinenbombern versorgen sie West-Berlin aus der Luft.

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Als der sowjetische Staatschef Josef Stalin am 24. Juni 1948 um 6 Uhr morgens alle Zufahrtswege nach West-Berlin sperren lässt, ist diese Trennung auch der Beginn eines Zusammenwachsens. Nicht nur die Zugänge lässt er sperren, auch die Gas- und Stromversorgung aus dem sowjetischen Sektor wird abgeschaltet. Fabriken, öffentliche Einrichtungen und Privathaushalte sowie die Garnisonen der Alliierten in den Westsektoren sind lahmgelegt.

Die Sowjets hoffen, so den Abzug der westlichen Soldaten aus Berlin zu erzwingen und die sich abzeichnende Gründung der Bundesrepublik zu erschweren - doch am Ende erreichen sie vor allem, dass sich das Verhältnis der West-Berliner zu den Amerikanern wandelt: Aus Besatzern werden Beschützer einer neu gewonnenen Freiheit.

Denn die USA, Großbritannien und Frankreich antworten mit einer bis heute beispiellosen Aktion. Fast ein Jahr lang, genau 322 Tage, versorgen sie die mehr als zwei Millionen Einwohner des blockierten Westteils der Stadt über eine Luftbrücke. Mit fast 280.000 Flügen werden mehr als zwei Millionen Tonnen Güter in die Stadt gebracht.

Flughafen Tegel entsteht in 90 Tagen

Am 26. Juni 1948 landete die erste "C-47 Skytrain" der US-Luftwaffe im Rahmen der "Operation Vittles" (Proviant) in Berlin-Tempelhof. Zwei Tage später begannen die Briten über den Flugplatz Berlin-Gatow mit ihrer "Operation Plain Fare" (Hausmannskost). Zum Einsatz kamen auch Flugboote, die auf der Havel und dem Großen Wannsee wasserten: Die bis dahin größte humanitäre Flugoperation der Geschichte begann.

Die Franzosen flogen nicht selbst, genehmigten in ihrem Sektor aber den Bau eines neuen Flughafens. Tegel wurde in nur 90 Tagen aus dem Boden gestampft und am 1. Dezember 1948 eröffnet - nicht nur nach Maßstäben für Berliner Flughäfen eine beachtliche Leistung.

Der Architekt der Luftbrücke

Er war der Ideengeber und das logistische Hirn hinter der alliierten Luftbrücke nach Berlin: der britische Air Commodore Reginald Newnham (Rex) Waite (1901-1975). Zwischen 1947 und 1949 war er Chef der britischen Luftwaffenverbände in Berlin. In einem Brief an seinen Vorgesetzten schrieb er während der 322 Tage andauernden Blockade durch die russischen Besatzer 1948: "Das ist der interessanteste Job, den ich jemals hatte." Militärhistoriker schreiben den Erfolg der Luftbrücke wesentlich Waite zu.

Die Berliner Luftbrücke in Bildern

Der Offizier hatte unmittelbar nach einer zweitägigen "Kleinen Luftbrücke" der Alliierten im April 1948 vorausgeahnt, dass sich die Spannungen zwischen Ost und West wiederholen würden - und selbst zum Rechenschieber gegriffen. Ergebnis: Bei einer erneuten Blockade könne Berlin vollständig aus der Luft versorgt werden. 2,2 Millionen Berliner und die alliierten Soldaten brauchten täglich Nachschub von mindestens 2.000 bis 3.500 Tonnen - eine Idee jenseits des Vorstellungsvermögens.

Nach dem Vorschlag von Waite hatte der amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay, die Briten, teils auch die Franzosen für den gigantischen "Airlift" gewinnen können. West-Berlins Oberbürgermeister Ernst Reuter hatte ihm den Durchhaltewillen der Berliner zugesagt - auch wenn die Lebensmittelkarten gerade einmal 1.879 Kalorien pro Tag und Einwohner vorsahen. "Kümmern Sie sich um die Luftbrücke, ich kümmere mich um die Berliner", ist als geflügeltes Wort von Reuter überliefert.

"Onkel Wackelflügel" bringt Schokolade und Kaugummis

Erst kam das Donnern der Flugzeuge, dann schwebten zahllose kleine Fallschirme mit Süßigkeiten vom Himmel. Die Berlinerin Vera Hemmerling (84) erinnert sich noch an die "Rosinenbomber", die während der Blockade die Stadt nicht nur mit Lebensmitteln und Kohle, sondern auch mit kleinen Geschenken für die Kinder versorgten. "Ich bin auch ein paarmal hingelaufen, aber ich habe nie was erwischt. Die Jungen waren immer schneller", erzählt die weißhaarige Dame mit einem kleinen Lächeln.

halvorsen, gail wirft suessigkeiten aus flugzeug
Pilot Gail S. Halvorsen wirft 1948 auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof amerikanische Süssigkeiten aus seinem C-54 Transportflugzeug Quelle: dpa

"Wir Kinder hatten nach den Bombennächten im Krieg immer noch Angst vor Flugzeuggeräuschen", erzählt Hemmerling, die damals 14 war. "Aber bald hatten wir Angst, keine Flugzeuge zu hören, etwa wenn es Nebel gab oder zu schlechtes Wetter. Das bedeutete keinen Zucker, kein Mehl, keine Kohlen. Das bedeutete Hunger." General Clay und Ernst Reuter sind bis heute Hemmerlings Helden: "Ohne sie hätten wir nicht überlebt. Ohne sie wäre die Deutsche Einheit nicht gekommen."

Besondere Berühmtheit erlangt US-Luftbrücken-Pilot Gail Halvorsen, "Onkel Wackelflügel" genannt. Der heute 97-Jährige wirft im Landeanflug selbstgebastelte Taschentuch-Fallschirme mit Schokolade und Kaugummis ab, als Erkennungszeichen wackelt er kurz zuvor mit den Flügeln seiner C-54. Viele Kollegen folgen seinem Beispiel. Das Bild des US-Fotografen Henry Ries von einer Gruppe wartender Kinder am Flughafen Tempelhof wird zum Symbol.

23 Tonnen Schokolade und Bonbons

"Ich wollte die eigentlich auch in Ost-Berlin abwerfen. Die Kinder hatten ja noch weniger", erzählt Halvorsen 2015 im Interview mit der dpa. "Aber die Russen waren dagegen und haben solch einen Druck gemacht, dass meine Vorgesetzten mir das verboten haben." So blieb mehr für die Westberliner Kinder: Mehr als 23 Tonnen Schokolade und Bonbons wurden während der Luftbrücke abgeworfen.

Selbstverständlich war das für den Amerikaner nicht. "Der Krieg war ja gerade aus", sagt er. Und dann war da die Erinnerung an Conrad. "Das war mein bester Freund und ich hatte ihm das Fliegen beigebracht. Im Krieg flog er ein Jagdflugzeug und wurde von den Deutschen abgeschossen und getötet. Die selben Deutschen, die ich jetzt jeden Tag mit Essen versorgte." Dann habe er mehr Deutsche kennengelernt und sich irgendwann gesagt: "Im Grunde sind doch alle Völker gleich. In der Tiefe ihres Herzens wollen sie vor allem Frieden."

Denkmal erinnert an Tote

Am 12. Mai 1949 hebt die Sowjetunion die Blockade West-Berlins auf. Die Versorgungsflüge gehen sicherheitshalber noch bis Ende September weiter. Insgesamt sterben mindestens 78 Menschen bei der Aktion - 39 Briten, 31 Amerikaner und 8 oder gar mehr Deutsche. Ein 1951 eingeweihtes Denkmal vor dem mittlerweile stillgelegten Flughafen Tempelhof erinnert an diese Opfer des Kalten Krieges.

"Drei Jahre nach Ende des Krieges war die Luftbrücke für die spätere Bundesrepublik ein Wendepunkt im Verhältnis zu den Westmächten: Aus Besatzern wurden Freunde", sagt der Direktor des Berliner Alliiertenmuseums, Jürgen Lillteicher und betont, wohl auch mit Blick auf das derzeit eher angespannte Verhältnis zu den USA: "Auch heute kann die beispiellose Solidarität von damals uns erinnern, dass wir alle gemeinsamen Werten verpflichtet sind."

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