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"Zeitalter militärischer Helden ist vorbei"

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75 Jahre D-Day - "Zeitalter militärischer Helden ist vorbei"

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Der D-Day bestand aus Helden - Männern in Uniform, die ihr Leben riskierten, um Europa von den Nazis zu befreien. Künftig werden Kriege mit Drohnen und Kampfrobotern geführt.

"Internationale Zusammenarbeit war nötig, um Nazi-Deutschland zu besiegen.", so ZDF-Korrespondentin Zimmermann. Dieses Signal wolle Großbritannien zur D-Day-Gedenkfeier aussenden.

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Die jungen Amerikaner, die 1944 als Soldaten per Fallschirm in der Normandie europäischen Boden betraten, faszinieren bis heute. Und zwar nicht nur die Anhänger von Camouflage und Marines-Look, sondern auch glühende Pazifisten. Denn ohne diese Männer hätten Hitler und die Nazi-Tyrannei gesiegt.

"Körper gegen Körper"

"Der D-Day erinnert uns an den heroischen Kampf: Ein Kampf von Mann gegen Mann, unter Einsatz des eigenen Lebens. Junge Männer, fast noch Kinder, setzten ihr Leben aufs Spiel, um das Böse aus der Welt zu kriegen", sagt die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken. Bis heute gilt die Invasion als Inbegriff des gerechten Krieges.

Die Heroisierung der Soldaten ist der hilflose Versuch, etwas Schreckliches wieder gut zu machen, ihm einen Sinn zu geben.
Barbara Vinken, Kulturwissenschaftlerin

Das Soldaten-Heldentum ist für Vinken trotzdem zutiefst ambivalent: "Der amerikanische Generalstab musste die unglaublich hohen Verluste bei der Landung in der Normandie in Kauf nehmen. Die eigenen Kinder wurden zu einem Schlachtopfer. Die Heroisierung der Soldaten ist der hilflose Versuch, etwas Schreckliches wieder gut zu machen, ihm einen Sinn zu geben."

Die Kriege der Zukunft dürften mit "Mann gegen Mann" nichts mehr zu tun haben. Künftig habe "die Mehrheit der Männer wie der Frauen ihren militärischen (...) Wert verloren", prophezeit der israelische Historiker Yuval Harari. "Statt unbegrenzten Kanonenfutters braucht man jetzt nur eine kleine Zahl gut ausgebildeter Soldaten, eine noch kleinere Zahl von Superkriegern in Spezialtruppen und eine Handvoll Experten."

Landung alliierter Truppen in der Normandie
Landung alliierter Truppen in der Normandie: "Der D-Day erinnert uns an den heroischen Kampf: Ein Kampf von Mann gegen Mann, unter Einsatz des eigenen Lebens", sagt die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken.
Quelle: ap

Algorithmen und Künstliche Intelligenz

An die Stelle der "Massenarmeen des 20. Jahrhunderts" treten künftig "Hightech-Truppen" und IT-Nerds, "die mit ferngesteuerten Drohnen und Computerwürmern bemannt sind, während die Generäle immer mehr wichtige Entscheidungen an Algorithmen delegieren", schreibt Harari.

Statt trainierter Soldatenkörper werden künftig Algorithmen, Künstliche Intelligenz und Informatiker immer wichtiger; das Technische tritt an die Stelle des Martialischen. "Die US-Streitkräfte brauchen 30 Menschen, damit eine unbemannte Drohne über Syrien unterwegs sein kann, und um die Fülle der von ihr gelieferten Informationen zu analysieren, braucht man noch einmal mindestens weitere 80 Leute", so Harari.

IT-Kompetenz statt Kanonenfutter

Dies führte im Jahr 2015 zu dem "paradox anmutenden Problem, dass man die unbemannten Flugkörper nicht bemannen konnte" – es fehlte an Spezialisten für die unbemannte Drohne. Kanonenfutter lässt sich per Wehrpflicht rekrutieren, IT-Kompetenz hingegen nicht.

Die Armee eines Landes gilt als Spiegelbild einer Gesellschaft, das Militär gar als Schule der Nation. Geht uns etwas verloren, wenn die militärischen Helden verschwinden? Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken beantwortet dies mit einem entschiedenen Nein.

Die Münchner Professorin zitiert den französischen Schriftsteller Claude Simon, der dem Krieg in seinen Romanen alles Heroische nahm. Und sie erinnert daran, wie viel Leid der Einberufungsbefehl vielen Familien brachte. "Manche Mutter hat alle ihre Söhne verloren. Letztlich ist jeder Krieg ein brutales Abschlachten." Vinken begrüßt es, "dass das Zeitalter der militärischen Helden vorbei ist". Die Heroisierung der Soldaten sei oft genug dafür missbraucht worden, um "junge Männer zu verheizen und für fragwürdige Projekte zu instrumentalisieren".

Vinken sieht es als zivilisatorischen Fortschritt, wenn heute Verteidigungsminister und Generäle sagten: "Wir können dem Volk keine toten Soldaten mehr zumuten. Niemand glaubt mehr daran, dass es etwas Gutes ist, fürs Vaterland zu sterben."

"Die Kriege werden heimtückischer"

Den technischen Fortschritt in der Kriegstechnik hält Vinken dennoch für fragwürdig. "Drohnen kämpfen nicht mit offenem Visier. Die Kriege werden immer heimtückischer an Maschinen delegiert", sagt Vinken. Im Kampf "Mann gegen Mann" hätte der Gegner eine Möglichkeit zur Kapitulation gehabt oder zum Verhandeln. Nun gewinne brutal die Seite mit der technischen Übermacht. "Das hat etwas Feiges, dem Gegner wird gar keine Chance mehr eingeräumt", kritisiert Vinken.

Menschliche Soldaten morden, vergewaltigen und plündern, und selbst wenn sie sich ordentlich benehmen, töten sie all zu oft versehentlich Zivilisten.
Historiker Yuval Harari

Der israelische Historiker Harari formuliert die Utopie eines gerechteren Krieges durch Roboter und Drohnen: "Menschliche Soldaten morden, vergewaltigen und plündern, und selbst wenn sie sich ordentlich benehmen, töten sie all zu oft versehentlich Zivilisten." Dem stellt Harari Kampfmaschinen gegenüber, "die mit moralischen Algorithmen programmiert werden". Diese "könnten sich viel leichter an die jüngsten Regelungen des Internationalen Strafgerichtshofs halten".

Dass die Tyrannen des 21. Jahrhunderts ein Interesse an moralisch integren Kampfmaschinen haben, darf freilich bezweifelt werden. Claude Simon bleibt wohl aktuell, findet Barbara Vinken: "Den Kriegen sollte ein für alle Male alles Heroische ausgetrieben sein."

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