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Widerstand gegen NS-Diktatur - "Langer Prozess von der Ächtung zur Ehrung"

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Lange habe es gedauert, bis sich das Bild der Widerstandskämpfer um Graf von Stauffenberg wandelte. Gedenkstätten-Leiter Tuchel im Interview über das Attentat vom 20. Juli 1944.

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Quelle: dpa

heute.de: Attentäter, Widerstandskämpfer, Verschwörer, Held: Wenn Sie Stauffenberg einem Begriff zuordnen müssten, welcher wäre das?

Johannes Tuchel: Da das eine sehr vielschichtige und hochinteressante Persönlichkeit ist, würde ich mich hüten, ihn auf einen einzigen Begriff zu reduzieren. Da sollte man vorsichtig sein. Stauffenberg unternimmt ein Attentat, aber dieses Attentat ist nur die Voraussetzung für einen Umsturzversuch. Das bedeutet, dass er nicht wie ein heutiger Attentäter ein Attentat verübt, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Er verübt es, weil er den Diktator beseitigen will und weil nur so der Umsturzversuch gegen Hitler erfolgreich sein kann. Das ist also ein Mittel, das nach langem Zögern und Überlegen eingesetzt wird und das dann letztendlich am 20. Juli 1944 zur Ausführung kommt. Aber Hitler überlebt und dadurch fällt dann eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Staatsstreich weg.

heute.de: Der Begriff Widerstand wird heute wieder kontrovers genutzt. Wie versteht die Gedenkstätte Deutscher Widerstand ihn?

Tuchel: Wir benutzen den Begriff des Widerstandes, wenn es um Widerstand in einer Diktatur geht. Widerstand in einer Diktatur ist etwas grundsätzlich anderes, als wenn wir von Opposition und Widerspruch in einer freiheitlichen Demokratie sprechen. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.

heute.de: Die AfD zum Beispiel nutzt den Begriff Widerstand aber auch in anderem Kontext und instrumentalisiert Personen wie Stauffenberg. Wie passt das zusammen?

Tuchel: Das ist eine Usurpation des Widerstandsbegriffs. Der muss man klar und deutlich entgegentreten und sagen: Nein, das ist kein Widerstand! Das ist Opposition in einem demokratischen Rechtsstaat und das ist ein Missbrauch des Widerstandsbegriffs.

heute.de: Gerade in der Nachkriegszeit hat man sich damit auch nicht leichtgetan. Wie kam es damals zu so einem ambivalenten Verhältnis zum Widerstand?

In der öffentlichen Meinung ist der Widerstand lange Jahre negativ konnotiert gewesen.

Tuchel: Widerstandskämpfer wurden auch noch lange Jahre nach 1945 als Verräter und Eidbrecher bezeichnet. Da hat man sich sehr schwer getan in Deutschland. In der öffentlichen Meinung ist der Widerstand lange Jahre negativ konnotiert gewesen und die Urteile des Volksgerichtshofes und die anderer nationalsozialistischer Gerichte sind auch erst 1998 aufgehoben worden. Es war ein sehr langer Prozess von der Ausgrenzung und Ächtung des Widerstandes hin bis zu seiner Ehrung und der Feststellung, dass er für unsere politische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland etwas Wichtiges ist.

heute.de: War es auch ein gesellschaftliches Problem, zu akzeptieren, dass viele der Widerstandskämpfer Teil des Militärs waren?

Tuchel: In den Anfangsjahren war das Problem, dass in Deutschland Widerständler negativ betrachtet wurden und man in ihnen immer noch Verräter sah. Die spätere Diskussion drehte sich dann auch darum, dass sie nicht von Anfang an Widerstand geleistet haben, sondern einige von ihnen in die nationalsozialistische Herrschaft verstrickt waren und mitgemacht haben. Aber das ist ja gerade das Spannende: Dass man sehen kann, wie sie sich auch aus den Schranken ihrer Zeit und aus ihren Verstrickungen lösen können und dann zu ganz konsequenten Gegnern des Nationalsozialismus werden. Es waren außerdem nicht viele. Der Kreis des 20. Juli umfasste zwischen 200 und 300 Beteiligte, von denen etwa die Hälfte Offiziere gewesen sind. Das ist aber im Verhältnis zu den etwa 8 Millionen Angehörigen der Wehrmacht zu dieser Zeit nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz, der sich gegen Hitler gestellt hat.

heute.de: Wie wurden aus den "Verrätern" irgendwann doch noch "Helden"?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Quelle: dpa

Tuchel: Die Faszination bei Stauffenberg liegt natürlich darin, dass er das Attentat verübt hat. Es gab aber auch noch das Attentat auf Hitler durch Georg Elser 1939. Das wird aber erst seit den 70er-Jahren überhaupt anerkannt. Lange hat es auch gedauert, bis der Widerstand von Arbeitern, von Kommunisten oder aus dem Exil anerkannt wurde. Bis weit in die 80er-Jahre ist teils heftig diskutiert worden, was zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu rechnen ist. Heute rechnen wir dazu alles, was das System geschwächt hat, alle Menschen, die versucht haben, etwas gegen die Diktatur zu unternehmen. Für die Deutschen nach 1945 war das schwer anzuerkennen. Wenn jemanden Widerstand geleistet hat, dann stand er für eine Handlungsalternative. Dafür, dass man nicht mit Hitler und der NSDAP hätte gehen müssen, sondern auch eine Wahl gehabt hätte. Und sich das einzugestehen, ist natürlich für viele Menschen nach 1945 sehr schwer gewesen.

heute.de: Heute kann man sich kaum noch die Frage stellen, was man tatsächlich persönlich gemacht hätte. Besteht dadurch auch die Gefahr, Widerstand zu verklären?

Ich verkürze das gern, indem ich sage: Runter vom Sofa, weg vom Handy, engagier dich!

Tuchel: Nein, im Gegenteil. Wenn man das Beispiel von Menschen sieht, die unter den Bedingungen der damaligen Diktatur Widerstand geleistet haben und das auf heute überträgt, kann man nur sagen: Wie viel einfacher ist es dagegen heute für mich, am politischen System zu partizipieren? Da sehe ich keine Verklärung, sondern doch eher die Möglichkeit, dass uns überhaupt heute klar wird, was für ein wichtiges Geschenk es ist, in dieser Demokratie politisch partizipieren zu können. Ich verkürze das gern, indem ich sage: Runter vom Sofa, weg vom Handy, engagier dich! Das Beispiel des Widerstandes zeigt, wie schwer politische Teilhabe unter den Bedingungen des Nationalsozialismus war und wie einfach das heute ist. Daraus kann man wirklich die Lehre ziehen, sich heute in der Politik zu engagieren. Auch damit Widerstand in einer Diktatur tatsächlich nie wieder nötig wird.

Das Interview führte Korbinian Bauer.

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