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Schicksalstag der Deutschen - Der 9. November - Was für ein Tag!

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9. November - kein anderer Tag steht so für die Umbrüche der deutschen Geschichte: Ende des Kaiserreichs, Fall der Mauer und die vertane Chance, den Zweiten Weltkrieg aufzuhalten.

Archiv: Das Brandenburger Tor in der tief stehenden Sonne bei schönem Wetter am 01. März 2016 in Berlin.
Brandenburger Tor
Quelle: imago

"Diese Rede wird eine Weltsensation werden", hatte Hitlers Chefpropagandist Goebbels den Auftritt seines "Führers" im Münchner Bürgerbräukeller am Vorabend  des 9. November 1939 bejubelt. Doch die eigentliche Sensation dieser Nacht hatte niemand vorhersehen können: Um 21:20 Uhr detonierte eine Bombe - just in der Säule, vor der Hitler seine Rede gehalten hatte. Trotz aller Kontrollen hatte ein unscheinbarer 36-jähriger Kunstschreiner von der schwäbischen Alb dort in nächtelanger Kleinarbeit einen selbst ausgeklügelten Sprengapparat deponiert.

Georg Elser hatte hellsichtig erkannt, dass der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen zwei Monate zuvor die Welt in einen Krieg stürzen würde. Durch sein Attentat wollte er, wie er im Verhör zu Protokoll gab, "ein noch größeres Blutvergießen verhindern." Doch an diesem Abend hatte der oberste Kriegsherr und mit ihm die Führungsriege des NS-Regimes ungewöhnlich früh den Saal verlassen - 13 Minuten vor der Explosion von Elsers Bombe. Sie hätte die größte Katastrophe der Neuzeit womöglich noch abwenden können. Am Ende verloren über 50 Millionen Menschen ihr Leben.

Wendepunkte, zum Fortschritt – oder in den Abgrund

Wie wird aus einem Kalenderdatum ein historischer Tag? Der 9. November in der deutschen Geschichte bietet dafür etliche Anschauungsbeispiele.

Das Archivbild vom 09.11.1918 zeigt den SPD-Politiker Philipp Scheidemann am Fenster der Reichskanzlei in Berlin beim Ausrufen der Deutschen Republik.
SPD-Politiker Philipp Scheidemann am Fenster der Reichskanzlei in Berlin beim Ausrufen der Deutschen Republik.
Quelle: dpa

Tage, die zum Wendepunkt wurden, die den Gang der Ereignisse nachhaltig in eine andere Richtung lenkten. Tage, die Perspektiven eröffneten - oder in den Abgrund führten.

Manche dieser Schicksalsmomente stehen in Bezug zu einander. So markiert der 9. November 1918 eine einschneidende Zeitenwende: Das Ende des Kaiserreichs und den Beginn der ersten funktionsfähigen Republik für alle Deutschen: Der vom Thron gedrängte Kaiser Wilhelm II. wurde an diesem Novembertag von dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert in der Staatsführung abgelöst. Gleich darauf rief der spätere Kanzler Philipp Scheidemann die später nach Weimar benannte Deutsche Republik aus.

Kein Tag kerbt Höhen und Tiefen so markant in die deutsche Geschichtschronik ein wie der 9. November. Von 1848 bis 1989 – immer wieder wird just dieses Datum zum Wendepunkt und Schicksalstag.

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Zusammenhang und Zufall

Doch das rechtsextreme Lager und viele Anhänger des untergegangenen Kaiserreichs wollten sich nicht mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem neuen demokratischen Verfassungsstaat abfinden. So inszenierte Hitler seinen am 9. November 1923 gescheiterten Putschversuch gegen die Regierung der, wie er sie titulierte, "Novemberverbrecher" in Berlin, nicht ohne Hintergedanken zum fünften Geburtstag der verhassten Republik von 1918.

Das seit 1933 pompös in Szene gesetzte Gedenken an diesen verunglückten Staatsstreich wiederum bot den Vorwand für die antisemitischen Pogrome um den 9. November 1938 und 1939 den Anlass für Georg Elsers mutigen Attentatsversuch.

Andere einschneidende Ereignisse geschahen aus reinem Zufall an eben diesem Novembertag. So die Hinrichtung des Paulskirchenabgeordneten Robert Blum, der die erste deutsche Republik mitbegründet hatte, am 9. November 1848. Insbesondere auch der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren, der der deutschen Einheit den Weg bahnte.

9. November als Nationalfeiertag?

Gleichwohl ist der 9. November wie kein anderes Datum angetan, Brüche und Kontinuitäten, Wendungen und Abgründe, Licht und Schatten der deutschen Geschichte abzubilden. Ein Tag gemischter Gefühle: Trauer um die Opfer der Pogrome, Freude über die Überwindung der innerdeutschen Grenze. Mahnung an rechtsradikale Bedrohungen wie durch Hitlers Putschversuch. Gedenken an mutige Lichtgestalten wie Robert Blum oder Georg Elser. Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Entsetzen über den Zivilisationsbruch während der mörderischen Pogrome 1938.

Wegen dieser vielfältigen Bezüge scheiterte bislang auch das Vorhaben, den Tag, der zur deutschen Einheit führte, zum Nationalfeiertag zu erklären. Zuviel Düsternis schien sich mit dem Datum zu verbinden für eine Freudenfeier. Und doch spiegelt sich gerade an diesem Tag die gesamte Bandbreite der deutschen Geschichte, wie sie eben verlaufen ist: mit all ihren Höhen und Tiefen.

Peter Hartl arbeitet in der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte.

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