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Kommentar zum Aachener Vertrag - Den Freund im Herzen, die Clique im Sinn

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Der Aachener Vertrag erhöht die Bindungskraft und Verlässlichkeit zwischen Frankreich und Deutschland. Wichtig ist, dass sich die übrigen EU-Partner mitgenommen fühlen.

Flaggen von Frankreich und Deutschland am Aachener Rathaus
Quelle: dpa

Einen Steinwurf vom Aachener Rathaus entfernt, wo heute der neue Vertrag zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet worden ist, liegt der Schulhof des Kaiser-Karls-Gymnasiums. Im Grunde geht es dort ähnlich zu wie in der Weltpolitik: mal friedlicher, mal rabaukiger, meist abhängig davon, wie das Temperament derer ist, die den Ton angeben. Auf dem Schulhof der Weltpolitik ging es lange Zeit recht geordnet zu: Zwei Lager standen sich gegenüber, Ost und West; die sich zwar ständig kritisch musterten, zugleich aber wussten, dass es für keine Seite gut ausgehen würde, sollten einmal ordentlich die Fetzen fliegen.

Wechselhafte Beziehungen

Irgendwann löste sich das eine Lager auf, doch statt der erhofften beständigen Friedfertigkeit zeigte sich, dass die einstige Frontstellung recht disziplinierend auf alle gewirkt hatte. Auf einmal fehlte die Struktur, was besonders auffällt, seit einige Rabauken versuchen das Spiel zu bestimmen und dabei sämtliche althergebrachten Spielregeln ignorieren - und stattdessen ziemlich viel Ellbogen einsetzen. Darunter der einstmals beste Kumpel, der stets für die eigene Sicherheit gesorgt hat.

Zwei, die durchaus was zu sagen haben, standen zuletzt ziemlich einsam da als Stimme der Vernunft. Nachdem sie sich in der Vergangenheit mehrfach selbst übel bekämpft hatten, vertrugen sie sich und wurden dann, nachdem Misstrauen Sympathie gewichen war, echte Freunde.

Vieles muss sich dann beweisen ...

Diese Freundschaft zu stärken und zu erneuern kann vor diesem historischen Hintergrund nur als hehre Absicht gewertet werden. Zumal die neue Vereinbarung - um im Bild zu bleiben - Zusammenarbeit in unterschiedlichsten Fächern betrifft: sprachliche, naturwissenschaftliche, auch die der schönen Künste. Für Menschen, die im Grenzgebiet von Frankreich und Deutschland leben, soll das perspektivisch ganz konkrete Verbesserungen mit sich bringen: angefangen beim gemeinsamen Straßen- und Schienennetz, bei der Förderung der Zweisprachigkeit und der Angleichung von Rechtsvorschriften, was insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen, die grenzübergreifend operieren, nutzen kann.

Wie weit die im Vertrag angestrebte gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik gehen wird, lässt sich schwerlich prognostizieren. Es bleiben durchaus substanzielle Differenzen, etwa bei der Interventionsbereitschaft oder bei Waffenexporten - und erst die Zeit respektive konkrete künftige Entscheidungsanlässe werden zeigen, ob der im Vertragstext formulierte Konvergenzwunsch Wirkungskraft entfaltet.

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Frankreichs Bekenntnis für deutsche UN-Interessen

Dasselbe gilt für die Frage nach einem Sitz im UN-Sicherheitsrat. Hier liegt der womöglich greifbarste Wert des Vertrages aus deutscher Sicht: im französischen Bekenntnis, die Aufnahme Deutschlands als ständiges Mitglied als "Priorität der deutsch-französischen Diplomatie" auszuweisen. Eingebettet ist dieser Wunsch explizit in eine mehrfach formulierte Zusicherung, dass dieses Ziel verbunden sei mit der Absicht, in New York nicht deutsch-französische, sondern europäische Interessen durchzusetzen.

Warum dann nicht stattdessen jene konkurrierende Idee verfolgt wird, wonach ein europäischer Sitz im Rat geschaffen würde - wie es manch anderer Staatenlenker der EU27 heute beim Anblick der prunkvollen Zeremonie in Aachen denken mag - bedarf tatsächlich einiger argumentativer Gelenkigkeit.

25 andere Mitspieler im Blick

Hierauf kommt es letztlich an beim Aachener Vertrag: dass sich jene 25 Mitschüler nicht ausgeschlossen fühlen, die zusammen mit den beiden Vertragsunterzeichnern eine Clique bilden, in der es zurzeit oft genug rumort, und von der sich gerade ein stolzer, wiewohl recht orientierungslos wirkender Mitstreiter, soeben erst losgesagt hat. Nie war der Zusammenhalt, die gegenseitige Wertschätzung der beteiligten Partner wichtiger, wenn die Verbindung Bestand haben soll.

Dass die beiden zentralen Akteure dieses Bündnisses sich nun - sozusagen am Rande des gemeinsamen Schulhofes ganz allein - ihrer Freundschaft vergewissern, ist aus dieser Perspektive betrachtet wertvoll, weil es den Kern der gesamten Verbindung stärkt. Ebenso wichtig ist, dass beide mit dem neuen Bündnis versichern: Wir tun das im Sinne der ganzen Gruppe. Denn auf dem Schulhof, davon ist auszugehen, wird es in absehbarer Zeit nicht gemütlicher.

Der Autor ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin.

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