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Abschied vom Altkanzler - Europa huldigt einem "Nachkriegsgiganten"

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Deutschland und Europa haben an einem historischen Tag Abschied von Helmut Kohl genommen. Beim ersten europäischen Trauerakt für einen Politiker in Straßburg und der anschließenden Totenmesse in Speyer würdigten Weggefährten und Spitzenpolitiker aus aller Welt den Menschen und Einheitskanzler Kohl.

Im Europaparlament in Straßburg würdigten Jean-Claude Juncker, Bill Clinton und Angela Merkel sowie Ministerpräsident Medwedjew Helmut Kohl als großen Europäer. Die Trauerfeier geriet zu einer Bestandsaufnahme – was ist von Kohls Europa geblieben?

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Die versammelte Politik-Prominenz erhebt sich, als der Sarg zu den Klängen des Trauermarschs aus Händels Oratorium "Saul" hereingetragen wird. Staats- und Regierungschefs, Parlamentarier und die Spitzen der EU-Institutionen erweisen Altkanzler Helmut Kohl im EU-Parlament die letzte Ehre - in einem von Huldigungen geprägten europäischen Trauerakt, in dem aber auch humorvolle Erinnerungen und kritische Töne Platz finden. Es ist der Tag des Abschieds vom langjährigen CDU-Bundeskanzler, dessen Verdienste unbestritten sind, der aber nie unumstritten war.

Juncker: "Kontinentales Monument"

Im Plenarsaal des Straßburger EU-Parlaments gibt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker den Ton vor: Als "Nachkriegsgiganten" und "kontinentales Monument" würdigt der Luxemburger Kohl. Beide standen sich sehr nahe, Juncker war eine der treibenden Kräfte hinter dem europäischen Trauerakt in Straßburg, einem Novum in der Geschichte der Europäischen Union.

Auch die anderen prominenten Redner erinnern an die Verdienste des "Vaters der deutschen Einheit" und "Ehrenbürgers Europas": EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, der frühere spanische Regierungschef Felipe González, Ex-US-Präsident Bill Clinton, der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew, der französische Staatschef Emmanuel Macron und schließlich Bundeskanzlerin Angela Merkel treten nacheinander ans Rednerpult hinter dem mit einer Europaflagge bedeckten Sarg.

Clinton kommt offenbar die Rolle zu, für etwas Auflockerung zu sorgen. Er erinnert in einer humorvoll-melancholischen Ansprache an den großen "Appetit" des Kanzlers und beteuert mehrfach ungezwungen: "Ich liebe diesen Kerl".

Merkel ist es, die an Hannelore Kohl erinnert

Merkel als letzte Rednerin erlaubt sich dann auch kritische Töne über den Machtmenschen und einstigen Übervater ihrer CDU, den sie nach der Parteispendenaffäre höchstpersönlich aufs Abstellgleis geschoben hatte. "So manche Geister schieden sich an ihm, nicht wenige haben sich an ihm abgearbeitet und gerieben", sagt die Bundeskanzlerin. "Viele von uns, auch ich, können davon erzählen."

Merkel ist es auch, die in ihrer Rede an Kohls 2001 verstorbene Ehefrau Hannelore erinnert, die den Kanzler "in guten wie in schlechten Zeiten" begleitet habe. In der ersten Reihe im Plenarsaal sitzt derweil die Witwe Maike Kohl-Richter, der Merkel bescheinigt, den Altkanzler bis zuletzt "voller Hingebung und Liebe begleitet" zu haben.

Walter Kohl bleibt Beisetzung fern

Die Witwe hatte maßgeblich zu der Kontroverse beigetragen, die nach Kohls Tod am 16. Juni ausgebrochen war. Sie sprach sich gegen einen deutschen Staatsakt aus. Walter Kohl, der ältere Sohn des Altkanzlers, kritisierte öffentlich ein "unwürdiges" Spektakel. Er hätte sich für seinen Vater einen Staatsakt am Brandenburger Tor gewünscht. Bei dem Trauerakt in Straßburg war er nicht dabei.

Auch Kohls Beisetzung auf dem Friedhof des Domkapitels von Speyer am Samstagabend wollte er nicht beiwohnen. Er hätte sich gewünscht, dass sein Vater im Familiengrab in Ludwigshafen ruht, neben seiner Mutter Hannelore Kohl.

Doch Ludwigshafen ist auf Kohls letzter Reise nur eine Zwischenstation. Dorthin wird sein Sarg im Anschluss an die Trauerfeier in Straßburg mit einem Hubschrauber geflogen. Hunderte Menschen säumen die Straßen und Plätze der Stadt, als bei einem Trauerzug der dunkle Wagen mit dem - nun mit einer deutschen Flagge bedeckten - Sarg durch die Straßen fährt.

"Abschied von einem Menschen"

Anschließend werden die sterblichen Überreste Kohls am Rhein auf ein Schiff gebracht, das von dort nach Speyer fährt. Am Zielort warten erneut Hunderte Bürger. "Danke Helmut. Herzlich willkommen zurück in Speyer", hat ein Mann mit roter Farbe auf ein Leintuch geschrieben, das er an einer Brücke am Rhein aufgehängt hat. "Es gibt hier viele in Speyer, die schimpfen über den Trauerakt und sagen, das kostet doch so viel", sagt der Mann. Doch Kohl habe die deutsche und europäische Einheit gebracht - und das könne man "gar nicht hoch genug hängen".

Im Dom zu Speyer hält schließlich der katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Totenmesse. "Wir nehmen Abschied von einem wahrhaft großen Staatsmann", sagt Wiesemann beim Requiem. Der Bischof drückt der Witwe, aber auch den Söhnen und Enkeln von Kohl sein Mitgefühl aus. "Es ist der Abschied von einem Menschen, mit allem, was Menschsein in Kraft und in Schwäche bedeutet."

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