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Abtreibungsrecht in den USA - "Leidtragende sind die Schwangeren"

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Schwangerschaftsabbrüche sind in den USA legal - noch. Doch die Abtreibungsgesetze werden verschärft. Ziel der Konservativen ist es, das 46 Jahre alte Abtreibungsrecht zu kippen.

Menschen stehen mit Plakaten vor dem Senat in Alabama und protestieren gegen das neue Gesetz zum fast vollständigen Verbot für Abtreibungen am 14.05.2019 in Montgomery.
Menschen in Alabama protestieren gegen das neue Gesetz zum fast vollständigen Verbot von Abtreibungen.
Quelle: reuters

"Missouri setzt sich für die Gesundheit von Frauen und für das ungeborene Leben ein", verkündete der republikanische Gouverneur des US-Bundesstaates Missouri, als er vor zwei Wochen ein neues Abtreibungsgesetz unterzeichnete. Schwangerschaftsabbrüche sollen in seinem Bundesstaat künftig ab der achten Schwangerschaftswoche illegal sein - auch dann, wenn die Frau Opfer von Inzest oder Vergewaltigung ist.

Michelle Vincent, eine freie Journalistin aus St. Louis ist fassungslos. "Missouri setzt sich für das Leben und die Gesundheit von Frauen ein - dass ich nicht lache. Missouri gehört zu den Staaten, die die höchsten Mütter- und Säuglingssterblichkeitsraten in den USA haben. Das öffentliche Gesundheitswesen hier ist eines der schlechtesten landesweit."

Medizinischer Notstand in Missouri

Die medizinische Versorgung von 1,1 Millionen Frauen in Missouri ist in akuter Gefahr.
Leana Wen, Präsidentin von Planned Parenthood

"Die medizinische Versorgung von 1,1 Millionen Frauen in Missouri ist in akuter Gefahr", warnt auch Leana Wen, Präsidentin von Planned Parenthood. Die Non-Profit-Organisation bietet landesweit sexualmedizinische Dienste und Familienplanung an - und betreibt die einzige Klinik in Missouri, in der Abtreibungen derzeit noch durchgeführt werden dürfen.

Eigentlich hatte Gouverneur Mike Parson angeordnet, auch diese Klinik Ende Mai zu schließen. Aber ein Richter sorgte in letzter Minute mit einer einstweiligen Verfügung dafür, dass die Ärzte dort vorerst weiterarbeiten dürfen - hinter zugemauerten Fenstern, aus Sicherheitsgründen.

Missouri ist nur einer von neun Bundesstaaten, die in diesem Jahr verschärfte Abtreibungsgesetze verabschiedet haben. In Alabama, Georgia, Ohio, Mississippi, Louisiana und Kentucky gelten ab kommendem Jahr so genannte "Herzschlag"-Gesetze. Sobald ein Herzschlag des Fötus gemessen werden kann, darf kein Schwangerschaftsabbruch mehr vorgenommen werden. Das ist meist in der sechsten bis achten Woche einer Schwangerschaft der Fall - ein Zeitpunkt, zu dem viele Frauen noch nicht wissen, dass sie schwanger sind. Frauen, die dennoch abtreiben, und Ärzten, die weiterhin Abtreibungen vornehmen, drohen drastische Gefängnisstrafen, bis zu 99 Jahren.

Schwangere: "Verteufelt und alleine gelassen"

Obwohl Schwangerschaftsabbrüche in den USA gesetzlich nach wie vor legal sind, ist es vor allem für Frauen in ländlichen Gebieten inzwischen praktisch unmöglich, eine Klinik zu finden. "Die Leidtragenden sind die Schwangeren", meint Journalistin Michelle Vincent aus Missouri. "Sie werden verteufelt, wenn sie abtreiben wollen, und alleine gelassen, wenn sie Hilfe brauchen."

Dabei ist die Mehrheit der Amerikaner der Meinung, dass Frauen ein Recht auf Abtreibung haben. Laut einer aktuellen Umfrage sagen 55 Prozent, Schwangerschaftsabbrüche sollten legal möglich sein und bleiben. 59 Prozent der Anhänger der konservativen Republikaner meinen dagegen, dass Abtreibungen verboten werden sollten.

Konservative: Geltendes Abtreibungsrecht kippen

Die Richter des US-Supreme-Court hatten 1973 in dem Grundsatzurteil "Roe versus Wade" festgelegt, dass Abtreibungen in den USA bis zur 24. Schwangerschaftswoche legal sind. Seitdem kämpfen unzählige christlich-konservative Lobbygruppen und sogenannte Pro-Life-Organisationen verbittert gegen "Roe versus Wade". Sie belagern Kliniken, greifen Ärzte an, die Abtreibungen vornehmen, und finanzieren Politiker, die versprechen, das geltende Abtreibungsrecht abzuschaffen.

Im kommenden Jahr könnte es tatsächlich soweit kommen. Republikanische Gouverneure wollen mithilfe einer Flut von Klagen und Gegenklagen dafür sorgen, dass das Thema Abtreibung erneut vor das oberste Gericht kommt - und setzen darauf, dass die von Präsident Donald Trump eingesetzten ultrakonservativen Richter das nationale Abtreibungsrecht kippen.

Umstrittenes Wahlkampfthema

Und wir wissen ganz genau, was passiert, wenn es keine Möglichkeit gibt, Schwangerschaften sicher und legal zu beenden. Frauen werden sterben.
Leana Wen

Abtreibungsbefürworter dagegen hoffen auf prominente Unterstützerinnen aus Hollywood - und auf die Filmindustrie. Disney, Netflix und AMC haben bereits gedroht, in Bundesstaaten mit verschärften Abtreibungsgesetzen künftig nicht mehr zu produzieren. In Georgia, wo viele Filme gedreht werden, stehen tausende Jobs auf dem Spiel. Abtreibung ist zu einem der umstrittensten Wahlkampfthemen geworden.

Für Planned-Parenthood-Präsidentin Wen geht es nicht um politisches Taktieren, sondern um das Leben von Millionen Frauen. "Sollte 'Roe versus Wade' tatsächlich kippen, werden 25 Millionen Frauen in Staaten leben, in denen Abtreibung gestoppt, gesetzlich verboten und kriminalisiert wird", sagte sie in einem Interview mit der "New York Times". "Und wir wissen ganz genau, was passiert, wenn es keine Möglichkeit gibt, Schwangerschaften sicher und legal zu beenden. Frauen werden sterben."  

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