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Abtreibungs-Referendum - Eine Frage spaltet Irland

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Fodhla fliegt extra nach Dublin. Weil sie abstimmen will. 3,2 Millionen Iren entscheiden heute, ob das rigideste der europäischen Abtreibungsgesetze liberalisiert werden soll.

Ein Referendum spaltet die Iren: Es soll entschieden werden, ob das rigide Verbot von Abtreibungen auf der Insel gelockert wird.

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Monatelang sah es so aus, als ob das keine Frage sei. Als ob die Iren, nachdem sie sich fast immer später als alle anderen zu Verhütung (1980), Scheidung (1995) und Homo-Ehe (2015) durchgerungen haben, nun auch noch diesen Schritt zu einem modernen, liberalen Land gehen würden. Aber in den vergangenen Wochen hat das No-Lager, das für die Beibehaltung des achten Verfassungszusatzes wirbt, aufgeholt.

Fhodla trägt einen schwarzen  Pulli, auf dem in weißen Lettern REPEAL steht - für Abschaffung, nämlich des achten Verfassungszusatzes. "Ich war auf einer katholischen Schule", sagt sie. Als ob das alles erklären würde. Sie ist nervös, glaubt, dass viele Iren sich in der Abtreibungsfrage nicht von ihrer katholischen Prägung freimachen können, dass zu viele Dramen, persönliche Verletzungen, Scham vorliegt, als dass Abtreibung zu dem wird, was es in anderen europäischen Ländern ist. Eine traurige Normalität.

"Bei der Homo-Ehe konnte man noch mit seiner Großmutter drüber diskutieren, aber Abtreibung? Das ist ein Tabu in Irland." Die junge Frau arbeitet als Lichtregisseurin an einem Londoner Theater, sie verdient zu wenig Geld, als dass sie den Flug hätte selbst bezahlen können. Aber beide Seiten der Kampagne sind international vernetzt. Fhodlas Flug wurde von zwei Irinnen in Australien gesponsert, die Abtreibungsgegner haben Schützenhilfe vor allem aus den USA bekommen - bis Facebook jegliche Werbung in Sachen Abtreibungsreferendum auf seinen Seiten blockte. Es ist ein Kulturkampf, und er wird im Netz, in den Pubs, zuhause und inzwischen auch auf der Straße ausgetragen. 

Mittel des Kampfes auf beiden Seiten radikal

Die Mittel dieses Kampfes sind radikal, häufig schockierend. "Das Baby lag in der Nierenschale, es lebte und atmete", steht auf einem Plakat. "Hört auf, meinen Körper zu kontrollieren" auf dem nächsten. Daneben das Bild einer jungen Frau, die an einem septischen Schock starb. Der Fötus wurde nicht früh genug aus ihrem Bauch geholt. In Irland nämlich gilt das Leben der Mutter so viel wie das des ungeborenen Kindes. Das macht eine Abtreibung in fast allen Fällen unmöglich. Ganz egal ob Inzest, Vergewaltigung oder eine schwere Missbildung des Kindes vorliegen, das irische Gesetz erkennt nichts davon als Grund für einen Schwangerschaftsabbruch an.

Aber natürlich treiben irische Frauen trotzdem ab. Es ist nur etwas grausamer. Wie bei Amy Callahan. Sie konnte sich nicht vorstellen, monatelang darauf zu warten, dass ihr erstes Kind ohne Gehirn geboren und spätestens bei der Geburt sterben würde. Der Fötus war mit Anenzephalie diagnostiziert, das Hirn entwickelte sich nicht. "Ich dachte, dass in einem so schweren Fall wie unserem, in dem mein Baby kein Gehirn hatte, die Gehirnflüssigkeit ausgelaufen wäre, bis es tot war, dass uns in diesem Fall irgendjemand hätte helfen können." Hilfe gab es nur über das Meer, in einer Abtreibungsklinik in Liverpool.

Zum Abbruch nach Liverpool

Im Schnitt nehmen täglich mindestens zehn irische Frauen die Reise auf sich. Häufig sind sie allein, weil sie den Zweck ihrer Reise in Irland niemandem erzählen können, oder weil das Geld fehlt, noch jemanden mitzunehmen. In einer Situation, die die allermeisten als schwere Krise empfinden, in der sie sich unglücklich und verzweifelt fühlen, reisen sie außer Landes. "Als ich in Liverpool ankam", sagt Martina Collander, "saßen da etwa 80 irische Frauen im Wartezimmer."

Martina war dort, weil sie einen Verhütungsunfall hatte, ihr Freund das Kind nicht wollte und sie - jung, arm und unglücklich - nicht wusste, wie sie ein Leben mit Kind führen sollte. "Ich möchte unbedingt Kinder haben, aber wenn ich eins bekomme, möchte ich ihm alles geben, was es verdient, und es auf jede Art unterstützen. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das schaffen würde." Martina ist seit Wochen unterwegs für die Yes-Campaign, die das Abtreibungsverbot aufheben will. Sie sieht es als ein Zeichen des Mitgefühls, dass ihre Seite in den Umfragen vorne liegt.

John McGuirk steht auf der anderen Seite. Aber auch der Kommunikationschef der Pro-Life-Campagne spricht von Mitgefühl. "Wir haben einfach nicht eine Kultur, in der Abtreibung die erste Wahl ist für eine Frau. Und sehr oft können wir so das Leben der Mutter und des Kindes retten. Das halte ich für mitfühlend." Vicky Wall sieht das auch so. Sie hat ein schwer krankes Mädchen geboren, das bald nach der Geburt starb - und ist froh, dass sie nicht abgetrieben hat, empfand die Erfahrung, dass ihr Kind im Kreise der Familie starb, als tröstend. "Was für eine Wahl soll das sein, die wir bekommen? Doch nur die, ein einzigartiges menschliches Leben zu beenden."

Kirche hat viel ihres moralischen Kapitals verwirkt

Viele der Abtreibungsgegner berufen sich auf Gott, nur er dürfe Leben nehmen und geben, doch gerade in Irland hat die Kirche sehr viel von ihrem moralischen Kapital verwirkt. Nicht nur durch die zahlreichen Missbrauchsskandale, gerade der Umgang der Kirche mit "gefallenen Mädchen" und ihren unehelichen Kindern macht Irlands Frauen misstrauisch. Die feministische Autorin Susan McKay hat schon 1983 gegen den achten Verfassungszusatz gekämpft. Sie erinnert daran, dass Kirche und Staat in Irland gemeinsam entsetzliche Verbrechen an Frauen und Kindern begangen haben, dass Kinder von ihren unverheirateten Müttern weggenommen und teilweise verkauft oder ohne Einverständnis der Mütter zur Adoption freigegeben wurden. Mit Liebe zum Leben habe all das nicht viel zu tun. "Auch heute noch", so McKay "sterben Frauen, werden zur Abtreibung nach Großbritannien verbannt, nehmen heimlich per Post bestellte Abtreibungspillen, die große Gesundheitsrisiken bergen. Sie fühlen sich von ihrem eigenen Land verraten. Ausgerechnet in einer Situation, in der sie Unterstützung und Hilfe bräuchten, sagt man ihnen, sie sollten sich schämen." 

McGuirk dagegen glaubt, das Gesetz rette Leben. Das der Kinder und das der Mütter, denen ein Trauma erspart bliebe. "Ich glaube, dass alle sehr traurig wären, wenn wir uns für die Abtreibung entschieden. Denn dann legalisieren wir das Töten ungeborener Kinder. Und man muss schon ein sehr merkwürdiger Mensch sein, darüber glücklich zu sein, selbst wenn man gegen das Gesetz stimmt."

20 Prozent noch nicht entschieden

Das Schlimmste sei gewesen, dass sie auch, als sie verzweifelt, elend, blutend und zittrig aus Liverpool zurückkam, mit niemandem sprechen konnte, sagt Martina. Frühmorgens steht sie nun an einem Autokreisel vor Waterford, gemeinsam mit Freunden und Bekannten der Yes-Campagne heben sie Plakate pro-choice in die Luft. Ein paar Pendler nicken ihnen zu, manche beschimpfen sie, viele hupen fröhlich. "Es bedeutet mir die Welt zu sehen, dass die Leute wirklich mit uns fühlen, uns ermutigend zuhupen. Ich glaube, endlich bricht Irland das Schweigen der Scham, das den Frauen auferlegt wurde."  

20 Prozent haben sich bis zuletzt nicht entschieden. Für Härtefälle wären viele bereit, einer Liberalisierung des Gesetzes zuzustimmen, aber geplant ist eine Anpassung an europäisches Recht, das einen Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Woche ermöglicht. Fhodla hofft, dass die Unentschiedenen zuhause bleiben, sie traut ihnen nicht, glaubt, dass in letzter Sekunde die katholische Erziehung über den Wunsch siegen wird, modern zu sein. Als wir Dublin von oben erkennen, füllen sich ihre Augen mit Tränen. "Das ist immer so, wenn ich nach Hause komme", sagt sie. Sie weiß auch schon, wann es das nächste Mal passieren wird: Wenn sie im August beruflich nach Irland kommen wird, um Lampen aufzustellen, ausgerechnet für den Besuch des Papstes. "Lustig, nicht?" kichert sie und scheint in diesem Moment ganz felsenfest davon überzeugt, dass ihr Land sich bis dahin verändert hat.

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