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Rückblick auf acht Jahre US-Politik - "Trumps Präsidentschaft macht demütig"

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Ulf Röller verlässt nach acht Jahren als USA-Korrespondent für das ZDF jetzt Washington. Auf heute.de zieht er Bilanz und erklärt, was er von Donald Trump gelernt hat.

Ulf Röller
Ulf Röller
Quelle: ZDF

Es ist mir bisher nur einmal passiert, dass ich im Schneideraum geweint habe. Aber als Christine Blasey Ford vor dem Justizausschuss im Senat ihre Geschichte erzählte, konnte ich nicht mehr. Detailliert beschrieb sie, wie der damalige Jurastudent Brett Kavanaugh angeblich versucht hatte, sie zu vergewaltigen. US-Präsident Donald Trump hatte kurz vorher Kavanaugh auserkoren, der Neue am obersten US-Gericht zu werden.

Ziemlich schnell tauchten Verdächtigungen auf, dass Kavanaugh als 17-Jähriger unter starkem Alkoholeinfluss auf einer Party die 15-jährige Christine Blasey sexuell belästigt habe. Er bestritt das. Vor dem Senat mussten beide aussagen. Es war die Anhörung des Jahres, die Nation schaute schaurig, neugierig zu. Jeder hatte eine Meinung, keinen ließ der Fall unberührt. Es ging wieder einmal um Macht, Gewalt, Sex - und das mitten in der Debatte um "#Metoo". 

Trump äffte ihre Unwissenheit und Unsicherheit nach

"Was ist Ihre stärkste Erinnerung von diesem Tag. Was können Sie bis heute nicht vergessen?", fragte der demokratische Senator Patrick Leahy aus Vermont Christine Blasey Ford. Sie hatte gerade die Szene beschrieben, wie sich Kavanaugh auf ihr gewälzt habe und sein Freund, der auch im Zimmer gewesen sei, ihr nicht geholfen habe.  Sie schluckte bei der Antwort und sagte mit tränenerstickter Stimme: "Das Lachen der beiden. Sie hatten auf meine Kosten Spaß."

Ein paar Tage später trat Trump in Mississippi auf. Bis dahin hatte er Frau Blasey Ford nicht attackiert, doch jetzt hielt er sich nicht mehr zurück. Er machte sich über sie lustig, weil sie sich nicht mehr erinnern konnte, wo die Attacke stattgefunden hatte und wie sie nach Hause kam. Er äffte ihre Unwissenheit und Unsicherheit nach. Die Menge grölte.

Christine Blasey Ford am 27.09.2018 in Washington
Christine Blasey Ford am 27.09.2018 in Washington: "Sie hatten auf meine Kosten Spaß."
Quelle: reuters

Egal, wem man glaubt - Frau Ford oder Herrn Kavanaugh. Trumps Auftritt brach ein Tabu. Ein US-Präsident macht sich über ein mutmaßliches Opfer sexueller Gewalt lustig. Viele empfanden das als einen neuen Tiefpunkt. Aber nicht für die Trump-Fans. Für sie war das ein Höhepunkt. Der Präsident sprach für alle, die Frauen verdächtigen, mit Missbrauchsvorwürfen Karrieren von Männern zerstören zu wollen. Trump als Bollwerk gegen linke Moralapostel, gegen "political correctness". Am Ende half wohl der Auftritt des Präsidenten, für Kavanaugh im Senat die notwendigen Stimmen für seine Bestätigung zu bekommen.

Trumps Wahl war ein Tabubruch

Vielleicht ist das die prägendste Erfahrung meiner acht Jahre als Korrespondent in Washington. Dieser Auftritt von Trump. Ich habe die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten immer als Tabubruch empfunden. Als einen kompletten Kurswechsel, als etwas noch nie Dagewesenes in der US-Geschichte. Ich konnte mir deshalb auch nicht vorstellen, dass Trump auf Barack Obama folgen würde. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass die Antwort auf "Yes we can", dieser Botschaft von Amerikas Stärke, sich neu zu erfinden, "build the wall" sein würde, einem Schlachtruf zur Abschottung und Ausgrenzung. Trumps Präsidentschaft erteilt jedem Reporter eine Lektion, sich seiner Einsichten nicht zu sicher zu sein. Sie macht demütig.

Als Korrespondent gibt es wohl kaum einen größeren Spagat zu bewältigen als die beiden Präsidentschaften Obama und Trump. Es fühlt sich an, als würde man von zwei verschiedenen Sonnensystemen berichten. Es herrschen andere Gesetzmäßigkeiten, die gewohnte politische Schwerkraft gilt nicht mehr. Fakten sind nicht Fakten, Wahrheiten verhandelbar, Rassismus ist hoffähig, Ausländerhetze wählbar, die Nachkriegsordnung aufgelöst, aus Bündnispartnern werden Gegner gemacht. Natürlich ist Trump nicht der erste Präsident, der nicht die Wahrheit sagt oder mit Fremdenhetze versucht, Wahlen zu gewinnen. Aber wenn er beim Lügen erwischt wird, lügt er einfach weiter. Andere lassen dann das Thema fallen. Aber Trump behauptet weiter, vier plus vier sei neun. Das ist seine Strategie. Er glaubt daran, Menschen seine Mathematik aufzwingen zu können.

Amerika ist mehr als dieser Wutpräsident

Diese Kritik an Trumps Präsidentschaft wurde schon so oft geschrieben. Und auch wenn das alles seine Berechtigung hat, langweilt es einen fast schon, sich über den US-Präsidenten aufzuregen. Mir geht es so, dass ich mich manchmal dabei ertappe, nicht mehr zuzuhören, dass ich bei dieser unglaublichen Lautstärke, die Trump produziert, abschalte. Amerika ist mehr als dieser Wutpräsident. Auch das muss immer wieder gesagt werden. In acht Jahren Reisen bin ich auf ein freundliches Land gestoßen. Die Menschen schreien sich nicht ständig an. Die Amerikaner sind hilfsbereit, viele tiefgläubig und weltoffen.

Es fasziniert mich immer noch, wie diese vielen Kulturen friedlich zusammenleben. Natürlich gibt es endlose Beispiele gegen dieses von mir gezeichnete Bild. Die Polizeigewalt gegen Schwarze, der tägliche Rassismus, die Waffengewalt, die Schere zwischen Arm und Reich – darüber berichten wir jeden Tag im Fernsehen. Es ist die dunkle Seite dieses Landes. Aber so wie die Ausschreitungen in Chemnitz nicht nur für Deutschland stehen, steht die Gewalt in Ferguson nicht für ganz Amerika. Oft fürchte ich, haben wir den Blick als Journalisten zu sehr auf das Dunkle gerichtet, das normale Leben ist eben nicht so spektakulär.

Lesen Sie morgen von Ulf Röller: Die Wahlen von Obama und Trump waren Hilfeschreie aus unterschiedlichen Kehlen.

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