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Die 68er und wir - "Rudi würde weiterkämpfen"

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Das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 erschüttert die Bundesrepublik. Wie konnte es zu solchem Hass kommen und welche Impulse der Studentenbewegung wirken bis heute?

17. Februar: das archivbild vom 18.02.1968 zeigt den studentenfuehrer rudi dutschke (m, mit erhobener faust) sowie den deutschen lyriker und schriftsteller erich fried (l) in berlin an der spitze eines demonstrationszuges gegen den vietnamkrieg. "ho ho ho chi minh!" den name des nordvietnamesischen kp-chefs skandierten in den sechziger jahren tausende von demonstranten in den strassen westdeutscher grossstaedte, vor allem in west-berlin. die von den universitaeten ausgehende jugendrevolte in deutschland hatte mit dem vietnamkrieg ihr zentrales politisches angriffsziel gefunden und scheint im rueckblick ohne ihn kaum noch denkbar. dpa (zu dpa-themenpaket vietnam am 25.04.2000)
Heute vor 50 Jahren wurde der Studentenführer Rudi Dutschke angeschossen. Er galt (hier bei einer Demonstration am 18.02.1968) als einer der führenden Köpfe der Bewegung, die von den Universitäten ausging und viele im Land erfasste. Quelle: dpa

Es geschieht am hellichten Tag, mitten in Westberlin: Am 11. April 1968 lauert der 23-jährige Hilfsarbeiter Josef Bachmann vor dem Domizil des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes auf Rudi Dutschke, den prominentesten Anführer der Studentenbewegung. Als er ihm kurz nach halb Fünf gegenübersteht, ruft der Attentäter: "Du dreckiges Kommunistenschwein" und feuert mit einem Revolver drei Mal auf sein 28-jähriges Opfer, das blutüberströmt zusammenbricht.

Rechtextreme Zeitung fordert: "Stoppt Dutschke jetzt!"

Während die Ärzte um Dutschkes Leben kämpfen, fasst die Polizei noch am selben Abend Bachmann und findet bei ihm einen Ausschnitt der rechtsextremen "Deutschen Nationalzeitung" – wie auf einem Fahndungsplakat sind dort Fotos des Studentenführers zu sehen und der Aufruf "Stoppt Dutschke jetzt!".

Nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der im Juni 1967 von einem Berliner Polizisten erschossen worden war, markierte das Attentat auf Dutschke einen weiteren traurigen Höhepunkt einer Revolte, die vor 50 Jahren die Bundesrepublik erschütterte.

"Zeit des Aufbruchs" und "absolut einschneidende Erlebnisse"

Eine Rebellion der Jungen, die bereits 1966 begonnen hatte, als in Westberlin zum ersten Mal etwa 2.500 Studenten gegen den Vietnamkrieg protestierten. Als "große Zeit des Aufbruchs und des Auflehnens gegen alte, verkrustete Machtstrukturen" beschreibt der Schriftsteller Peter Schneider die Jahre 1966 bis 1968. Der heute 78-Jährige war einer der Wortführer der Studentenbewegung in Berlin. Im Gespräch mit heute.de erinnert er sich an das Attentat auf Dutschke und den Tod von Ohnesorg als "absolut einschneidende Erlebnisse" in seinem Leben.

Schneider sagt über den Schuss des Polizisten auf Ohnesorg: "Ich hatte das Gefühl, dass sich alles, was ich an dieser Gesellschaft so ablehnte, in einer einzigen Untat verdichtet hatte." Diese Tat habe die Studentenbewegung überhaupt erst zu einer Massenbewegung gemacht. "Vorher war das ein kleiner Elitezirkel, der sich für die Dritte-Welt-Länder interessiert hat", sagt Schneider. "Der Mord an Benno Ohnesorg war ein gewaltiger historischer Einschnitt, das Attentat auf Rudi Dutschke erst recht."

Hass auf Studentenanführer

Für viele von Dutschkes Anhängern war klar, dass ihr Idol nicht nur dem Hass eines verwirrten Einzelgängers zum Opfer gefallen war. Zu aggressiv hatten konservative Kräfte zuvor monatelang gegen Dutschke gewettert. Während ein CSU-Politiker Dutschke als "ungewaschene, verdreckte und verlauste Kreatur" verunglimpfte, hatten Journalisten des Springer-Verlags Dutschke seit 1967 zum Staatsfeind gemacht.

"Dutschke war ein Hassobjekt der Springer-Blätter", erinnert sich die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, die als junge Frau in Berlin studierte und Teil der Studentenbewegung war. Was den Soziologiestudenten Dutschke zur Symbolfigur des Bedrohlichen machte, war sein radikales Denken, sein Aufruf zur außerparlamentarischen Opposition (APO) zu einer Zeit, in der eine große Koalition unter dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger, einem ehemaligen NSDAP-Mitglied, herrschte.

68er fordern den etablierten Staat heraus

Wie Dutschke wollen viele junge Deutsche Kanzleramt, Ministerien, Ämter und Gerichte "entnazifizieren", sie lehnen sich gegen den Staat auf, der Notstandsgesetze plant, womit er in Krisenzeiten Grundrechte der Bürger einschränken darf und die Bundeswehr im Innern einsetzen kann. Viele fürchten einen Rückfall in eine Zeit vergleichbar zu der, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Vielen Konservativen macht dagegen Angst, dass Dutschke und die 68er-Bewegung den Staatsbegriff an sich in Frage stellen, wie Hannah Arendt in "Macht und Gewalt" schreibt. Über ihre "maßlose Selbstüberschätzung" und den Schrecken, den die 68er mit ihren Utopien und ihrem "Furor" damals auslösten, hat der Historiker und Zeitzeuge Götz Aly in seiner Streitschrift "Unser Kampf" berichtet.

Frauenbewegung, sexuelle Revolution, grüne Bewegung - mit den 68ern ging ein Ruck durch die Gesellschaft, der noch heute zu spüren ist.

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Streit um Verdienste der 68er

Von ehemaligen Weggefährten ist er dafür als "Verräter" beschimpft worden. Auch, weil Aly das Wirken der 68er kritisch untersucht und meint: "Die Revoltierenden wurden zu Nutznießern, nicht zu Schöpfern des reformerischen Zeitgeistes." Und weiter: "Die 68er waren weder an allem Schuld, noch können sie sich besonderer Verdienste rühmen."

Anders als der Historiker ist Dutschkes Witwe heute stolz auf die 68er-Bewegung. Sie führt unter anderem das Zerschlagen von autoritären Strukturen in Ausbildung und Erziehung als wichtiges Verdienst der 68er auf; ebenso die sexuelle Befreiung. Würde ihr Mann noch leben, ist sich Gretchen Dutschke sicher, würde er sich heute gegen Rechtsextremismus engagieren. "Rudi würde weiterkämpfen", sagt sie.

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