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Ärzte zu Diesel-Grenzwerten - Wirklich ein Streit unter Fachleuten?

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Eine Unterschriftenliste sorgt für Wirbel: Feinstaub sei gar nicht so schädlich, behaupten Ärzte. Doch Frontal21-Nachfragen bei den Experten lassen an deren Fachwissen zweifeln.

Wie gefährlich ist die Luftverschmutzung in deutschen Städten? Hier finden Sie zusätzliche Informationen zu einigen Thesen der Kritiker von Grenzwerten und Fahrverboten.

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Dass Lungenarzt Dieter Köhler Diesel-Abgase für ungefährlich hält, ist nicht neu. Der große mediale Hype aber, der trat erst vergangene Woche ein. Da wurde bekannt, dass über 100 Ärzte einer entsprechenden Stellungnahme Köhlers mit ihrer Unterschrift zustimmten.

Die "Bild"-Zeitung sprach daraufhin von einer "Ärzte-Revolte" und titelte: "Alles Lüge um den Diesel-Feinstaub". Medien riefen den Experten-Streit aus, auch im ZDF hieß es in einem Kommentar, es stünde "unentschieden" zwischen den wissenschaftlichen Lagern. Dass circa 4.000 Ärzte von Dieter Köhler angeschrieben wurden und nur ein Bruchteil von ihnen ihre Zustimmung gab, spielte medial zunächst keine Rolle. Auch ob hier wirklich "Fachleute" miteinander streiten, wurde nicht hinterfragt.

Fehlende wissenschaftliche Expertise zur Diesel-Frage

Das ZDF-Magazin Frontal21 und das 3sat-Wissenschaftsmagazin nano wollten deshalb wissen: Wer sind die Ärzte, die dem Unterschriftenaufruf gefolgt sind? Handelt es sich tatsächlich um Lungenärzte oder Forscher, die sich wissenschaftlich mit der Thematik beschäftigt haben, wie es über der Unterschriftenliste geschrieben steht?

Von den 112 Personen, die sich auf der Unterschriftenliste befinden sind 107 Ärzte. Bei 77 von ihnen konnten die ZDF-Redakteure die Mailadressen recherchieren. Die Ärzte erhielten einen Fragenkatalog. Gefragt wurde unter anderem, in welcher Weise sie sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigt, ob sie hierzu in Fachzeitschriften publiziert haben. 25 Antworten gingen beim ZDF ein. Das Ergebnis: Kein einziger Arzt oder Forscher kann auf eine eigene wissenschaftliche Publikation zum Thema Gefährlichkeit von Stickstoffdioxid oder Feinstaub verweisen. Und die große Mehrheit gibt an, zur Frage der Gefährlichkeit der Diesel-Abgase überhaupt keine wissenschaftliche Expertise zu haben.

Initiator kritisiert Anfrage

So schreibt etwa Hermann Lindemann aus Gießen: "Auf diesbezügliche eigene wissenschaftliche Untersuchungen kann ich nicht verweisen." Bernd Schönhofer aus Hannover antwortet: "Meine Zustimmung zur besagten Stellungnahme erfordert natürlich keine eigenen wissenschaftlichen Aktivitäten zum Thema ‚Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung‘!". Andreas Schwalen, ein Chefarzt aus Düsseldorf, äußert sich so: "Einen wissenschaftlichen Schwerpunkt aber explizit zum Thema 'Gesundheitsgefährdung durch Luftschadstoffe' hatte ich nie und habe ich auch nie behauptet." Mehrfach geben Ärzte an, aufgrund von Vorträgen und Interviews des Initiators Dieter Köhler unterschrieben zu haben, etwa der Lungenarzt Thomas Hering aus Berlin: "Meine Unterschrift zur Stellungnahme von Herrn Professor Köhler basiert auf meiner Kenntnis seiner Interviews zur Thematik, die mich überzeugt haben."

Vier weitere Ärzte nennen Publikationen, doch keine beschäftigt sich mit der Gefährlichkeit von NO2 oder Feinstaub. Frontal21 erhielt auch eine Antwort vom Initiator, Dieter Köhler, gemeinsam verfasst mit dem ehemaligen Daimler-Dieselmotor-Entwickler Thomas Koch und zwei weiteren Professoren. Sie kritisieren die Frontal21-Redaktion für die Fragestellung. Eigene wissenschaftliche Studien zum Thema Gefährlichkeit von NO2 und Feinstaub, die von Drittgutachtern vor Veröffentlichung bewertet wurden, benennen sie aber nicht.

Publikation ohne Peer-Review-Verfahren

Dieter Köhler räumt im ZDF-Interview ein, seine Stellungnahme nicht in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht zu haben. Er beruft sich auf seine Habilitation vor 35 Jahren und einen vierseitigen Artikel im Ärzteblatt im Jahr 2018. Am Ende des Artikels findet sich der Hinweis, dass die Arbeit nicht dem Peer-Review-Verfahren unterliegt, also nicht - wie es in Fachmagazinen üblich wäre - von anderen Wissenschaftlern begutachtet wurde.

Köhler sagt im Interview, eine Arbeit von ihm würde von einem Fachmagazin erst gar nicht angenommen werden, da sie Forschungsgelder im dem Bereich gefährden würde. Probiert hat er es jedenfalls nicht. Die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), Katja Becker, kritisiert dies gegenüber dem ZDF: "Wenn sich ein Wissenschaftler dem Peer-Review-Verfahren entzieht, dann ist das für mich leider keine wirkliche Wissenschaft, weil Wissenschaft eben genau nach diesen Grundsätzen der guten wissenschaftlichen Praxis funktioniert."

"Das ist unethisch"

Ist Dieter Köhler, der Initiator der Gesundheitsdebatte, also gar kein Fachmann? Nino Künzli, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene, sieht das im ZDF-Interview so: "Ich kann beurteilen, dass er inhaltlich, fachlich, zu Fragen der Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die Gesundheit der Menschen ein absoluter Laie ist. Ich verstehe nicht, dass ein Arzt jetzt an die Bevölkerung geht und sagt, man müsse aus wissenschaftlichen Gründen die Grenzwerte aufheben. Das ist unethisch."

Wie schnell Medien und Politik wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse ohne Prüfung in Zweifel ziehen, macht Katja Becker von der DFG Sorgen. "In der Gesellschaft führt das natürlich zu extremer Verunsicherung - und es bedarf dann sehr viel Kommunikation und Arbeit, um solch eine Wahrnehmung eventuell wieder ins richtige Licht zu rücken."

Felix W. Zimmermann arbeitet in der ZDF-Redaktion "Recht & Justiz". Der Artikel beruht auf gemeinsamen Recherchen mit seinen Kollegen von Frontal21 und dem 3sat-Wissenschaftsmagazin nano: Hans Koberstein, Hilke Petersen und Rasmus Raecke.

Seit Jahren diskutiert Deutschland über Dieselfahrverbote. Doch eine Gruppe von Lungenexperten äußert nun Zweifel an den aktuellen Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide.

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