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Äthiopien und Eritrea - Eine Nation, zwei Staaten

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Im Sommer haben Äthiopien und Eritrea nach jahrzehntelanger Feindschaft Frieden geschlossen. Wird er halten? Ein Gespräch mit dem deutsch-äthiopischen Autor Asfa-Wossen Asserate.

Archiv: Teilnehmer des Eritrea-Äthiopien-Friedenslaufs am 11.11.2018
Teilnehmer des Eritrea-Äthiopien-Friedenslaufs un Addis Abeba (November 2018)
Quelle: picture alliance / AA

heute.de: Was hat sich verändert in beiden Ländern?

Asfa-Wossen Asserate: Wenn man sieht, wie sich Menschen in den Armen liegen, dann kann man die emotionale Kraft spüren, die in diesem Frieden liegt. Da geht es nicht nur darum, dass sich Familien vereinen, die Jahrzehnte getrennt waren. Hier gilt das Wort des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt: "Jetzt kommt zusammen, was zusammen gehört." Das heißt jedoch nicht, dass Eritrea politisch wieder zu Äthiopien gehören soll. Wir bleiben eine Nation mit zwei unabhängigen Staaten.

heute.de: Und im täglichen Leben?

Asserate: In Eritrea blüht der Handel seit Öffnung der Grenzen, und die Versorgung der Menschen ist viel besser. Die Äthiopier ihrerseits sind froh, dass sie nun auch den Hafen von Massawa am Roten Meer benutzen können.  

heute.de: In Äthiopien gibt es große Unterschiede zwischen dem Leben in den Städten und auf dem Land, wo die Menschen sehr arm sind. Bringt der Friedensschluss auch ihnen etwas?

Asserate: In Äthiopien kann man die Probleme ganz Afrikas wie in einem Brennglas betrachten. 80 Prozent des Bruttosozialprodukts kommen aus der Landwirtschaft. Erst wenn es den Bauern wirklich besser geht, können wir tatsächlich von Entwicklung sprechen.

heute.de: Gleichzeitig wächst die Bevölkerung rasant. Vor zehn Jahren gab es 80 Millionen Äthiopier, heute sind es 105 Millionen und zwei Drittel davon sind unter 25. Wie kann da Entwicklung stattfinden?

Asserate: Auch das ist ein Problem, das der ganze Kontinent hat. Die Bevölkerung wächst um 2,5 bis 3,5 Prozent. Das sind rund fünf bis sieben Kinder pro Frau. Wegen der Überbevölkerung reicht das Bruttosozialprodukt oft nicht mehr aus, die Menschen zu ernähren. Die Arbeitslosigkeit liegt in einigen Ländern bei 50 bis 70 Prozent.

heute.de: Was kann man dagegen tun?

Asserate: Wenn es uns gelingt, in den nächsten zehn Jahren jährlich 30 Millionen neue Jobs in Afrika zu kreieren, wird es keine afrikanische Migration mehr geben.

heute.de: Ist das realistisch?

Asserate: Wir brauchen europäische Investitionen. Aber daran hapert es. In Deutschland zum Beispiel gibt es etwa 420.000 global operierende Unternehmen. Davon sind nur 1.000 in Afrika vertreten.

heute.de: Äthiopien und Eritrea wurden und werden autoritär regiert und Kreativität wird unterdrückt. Nun wird den Jungen gesagt, sie sollen Start-ups gründen, sich selbst helfen. Können sie das?

Asserate: In den vergangenen 20 Jahren wurden in Äthiopien 18 neue Universitäten gegründet. Pro Jahr schließen 80.000 bis 120.000 junge Frauen und Männer ihr Studium mit einem Bachelor ab. Der Staat aber kann nur fünf Prozent von ihnen in Brot und Lohn bringen. Wir brauchen dringend eine andere Bildungspolitik. Nicht alle jungen Menschen müssen studieren. Wir brauchen Handwerker und Techniker, die in einem dualen System wie in Deutschland ausgebildet werden. Aber auch dafür brauchen wir Firmen, die in Afrika für genügend Ausbildungsstätten sorgen.

heute.de: Wird der politische Wandel auch die Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien am Horn von Afrika lösen?

Asserate: Äthiopien nennt sich eine ethnische Föderation. Es ist das einzige afrikanische Land, in dem die  Rasse im Personalausweis verzeichnet ist. Das ist nichts anderes als eine neue Form der Apartheid. Äthiopier, die für Demokratie eintreten, haben das immer kritisiert. Aber westliche Politiker wollten es nicht hören. Ethnozentrismus ist kein Weg, eine Nation mit 210 Ethnien und 84 Sprachen zu regieren. Wir brauchen einen demokratischen Föderalismus. Das Motto sollte sein: Einheit in Verschiedenheit und Verschiedenheit in Einheit ohne ethnische Grenzen.  

heute.de: Viele nennen es ein Wunder, was seit Sommer am Horn von Afrika geschieht. Doch es gibt auch Verlierer des Wandels.  Wie kann der äthiopische Premier sie ins Boot holen?

Asserate: Abiy Ahmed setzt auf die Versöhnung und Vereinigung aller Ethnien, um das neue äthiopische Haus zu bauen. Ich hoffe, dass Vertreter der bisherigen Regierungspartei TPLF, die für Verbrechen und  Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, vor Gericht gebracht werden. Der Ethnie aber, aus der die Regierung stammt, die Hand zur Versöhnung reicht.  

heute.de: In Eritrea hat es keinen politischen Wandel gegeben. Muss das  diktatorische Regime dort nun fürchten, dass es hinweggefegt wird?

Asserate: Das müssen die Eritreer entscheiden. Eritrea ist das Land mit der größten Armee in Afrika, gemessen an seiner Bevölkerung. Die unermesslichen Ausgaben für das Militär haben die Menschen arm gemacht. Das eritreische System steht mit dem Rücken zur Wand. Deswegen hat es dem Friedensangebot zugestimmt.  

Gleich nach seiner Amtsübernahme zog der neue Premierminister Abiy Ahmed durch vielfältige Reformen in Äthiopien die Aufmerksamkeit auf sich. Er erkannte die umstrittene Grenzlinie zu Eritrea an. Doch neue Unruhen gefährden die Reformprozesse.

Beitragslänge:
6 min
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heute.de: Was können die internationale Gemeinschaft und insbesondere Deutschland dafür tun, dass der Frieden bestehen kann?

Asserate: Europa muss den Demokratisierungsprozess mit politischen und wirtschaftlichen Mitteln unterstützen. Die Bedingung für diese Hilfe aber muss sein, dass afrikanische Staatschefs auf ihre eigenen Gesetze verpflichtet werden.

heute.de: Welche Gesetze?

Asserate: Beispielsweise die Agenda 2063 der Afrikanischen Union (AU), die 2013 ratifiziert wurde. Darin sind gute Regierungsführung, freie Wahlen und gerechte Wirtschaftspolitik festgeschrieben. Niemand kann sagen, diese Forderungen seien von außen übergestülpt. Die Agenda ist originär afrikanisch.

heute.de: Wird der eingeschlagene Friedensprozess die Migration nach Europa reduzieren?

Asserate: Grund für afrikanische Migration sind Gewaltherrscher, die ihrer eigenen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein verweigern. Aber ausgerechnet diese Diktatoren wurden in den vergangenen 50 Jahren von Europa mit zwei Billionen US-Dollar unterstützt. Die Europäer haben ihre eigenen Werte verraten. Das muss sich ändern.

Das Interview führte Katharina Sperber

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