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Äthiopische Juden wehren sich - Mit Hip-Hop gegen Diskriminierung

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In den 80er Jahren wanderten viele Äthiopier aus nach Israel. Immer wieder werden äthiopische Juden Opfer von Rassismus und Gewalt. Jetzt begehren sie zunehmend dagegen auf.

Yael Mentesnot
Yael Mentesnot
Quelle: ap

Zwei Jahre ist der Song alt, aber die jüngsten Ereignisse brachten ihn erst so richtig in die öffentliche Wahrnehmung. In "Handcuffed" (deutsch: "In Handschellen") aus dem Jahr 2017 prangert Rapper Teddy Neguse das brutale Vorgehen der Polizei gegen einen jungen Israeli äthiopischer Herkunft an. Vor zwei Wochen wurde ein äthiopisch-israelischer Teenager von einem Polizisten außer Dienst erschossen. Die Folge waren Proteste und Ausschreitungen.

"Sie wollen mich in Handschellen gefangen/ Sie beobachten mich mit zehntausend Augen/ Sie sehen nur die Farbe meiner Haut/ Deswegen grenzen sie mich aus", rappt Neguse in seinem Song. Der Text sei immer relevant, sagt der 23 Jahre alte Künstler. Aber er habe durch die jüngsten Ereignisse eine besondere Bedeutung für ihn erhalten.

Sie sehen nur die Farbe meiner Haut/ Deswegen grenzen sie mich aus.
Teddy Neguse, Rapper

Vergangene Woche war Neguse zu Gast bei der populären Nachrichtenseite Ynet, wo er sein Lied online performte. "In dem Moment, als ich im TV-Studio war, habe ich gespürt, dass das genau der richtige Ort und die richtige Zeit für meinen Song ist", erklärte er. Neguses Auftritt bei Ynet zeigt nicht nur die wachsende Präsenz äthiopisch-israelischer Musiker in der lokalen Szene. Er verdeutlicht auch den Kampf dieser Bevölkerungsgruppe gegen Rassismus und Diskriminierung. 

Die Diskriminierung hat eine lange Geschichte

In den 80er Jahren waren zahlreiche äthiopische Juden meist über geheime Luftbrücken nach Israel eingewandert. Sie kamen aus einem landwirtschaftlich geprägten Entwicklungsland und taten sich schwer, im zunehmend hoch technologisierten Israel Fuß zu fassen. Ihre Diskriminierung hat eine lange Geschichte.

Ende der 90er Jahre wurde bekannt, dass die Gesundheitsbehörden äthiopische Blutspenden vernichtet hatten - aus Angst vor möglichen Krankheiten aus Afrika. Zudem wurden Vorwürfe laut, dass Israel versucht habe, die Geburtenraten der äthiopischen Bevölkerungsgruppe zu senken.

Musik als Möglichkeit, um auf Missstände aufmerksam zu machen

Heute leben rund 150.000 Menschen mit äthiopischen Wurzeln in Israel, etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung von neun Millionen. Einige von ihnen haben beim Militär, bei der Polizei oder in der Politik Karriere gemacht. Doch der Großteil klagt über mangelnde Aufstiegschancen. Die Armutsrate in dieser Bevölkerungsgruppe ist besonders hoch.

Die Musik ist eine Möglichkeit, auf die Missstände aufmerksam zu machen - und das geschieht besonders in der Hip-Hop- und Dancehall-Szene. Adam Rotbard ist Chef der Gruppe Kolot Me Africa, die afrikanische Musik in Israel fördern will. Im vergangenen Jahr sei eine ganze Welle äthiopischer Musiker in die Musikszene geschwemmt worden, sagt er. "Sie sind nicht wirklich Mainstream, aber sie bauen über soziale Medien und das Internet eine bedeutende Fanszene auf", erläutert Rotbard weiter. Häufige Themen seien Rassismus und Übergriffe der Polizei.

Reale Übergriffe werden in Videos thematisiert

In seinem Video zu "Handcuffed" ist Neguse als Soldat gekleidet auf dem Fahrrad unterwegs. Zwei Polizisten stoppen ihn, schlagen ihn offenbar grundlos nieder. Bezug nimmt das Video auf einen Vorfall 2015, als zwei Polizisten bei einem solchen Übergriff auf einen äthiopisch-israelischen Soldaten gefilmt wurden.

Die Aufnahmen lösten damals Massenproteste aus. Am 30. Juni diesen Jahres wurde der unbewaffnete 18-jährige Solomon Teka in Haifa von einem Polizisten erschossen. Erneut kam es zu Protesten - und zu gewaltsamen Ausschreitungen. Es flogen Brandsätze gegen Polizisten, zahlreiche Autos wurden zerstört. Laut Behörden wurden mehr als 110 Polizisten verletzt. Mehr als 150 Menschen seien festgenommen worden.

Demonstranten fordern Konsequenzen

Der mutmaßliche Schütze gab an, das Opfer sei zufällig von einem Warnschuss auf den Boden getötet worden. Eine interne Untersuchung gegen ihn läuft, er befindet sich in Schutzhaft.

Die Demonstranten fordern unter anderem, dass die Polizei stärker zur Rechenschaft gezogen wird. Dazu sollen die Beamten auch mit Kameras am Körper ausgestattet werden, wie nach dem Vorfall mit dem Soldaten 2015 empfohlen wurde. Seit zwei Jahren tragen Polizeistreife und Verkehrspolizisten in einigen Bezirken sogenannte Bodycams. Aber den Demonstranten geht das zu langsam.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nannte Tekas Tod "eine große Tragödie". Man werde daraus Lehren ziehen. Aber er kritisierte auch scharf die Gewalt bei den Protesten. Die aufstrebende äthiopisch-israelische Künstlerin Yael Mentesnot beklagt, ihre Bevölkerungsgruppe sei in der Vergangenheit zu zurückhaltend und auch ein wenig naiv gewesen.

Durch Proteste inspiriert, politisch zu werden

Ich will, dass die Öffentlichkeit (...) versteht, was wir fühlen.
Yael Mentesnot, äthiopisch-israelische Künstlerin

Aber mittlerweile empfinde ihre Gemeinschaft wirkliche Verzweiflung. "All die Proteste waren nicht geplant, nichts war organisiert", sagt die 26-Jährige. Die Menschen seien auf die Straße gegangen und hätten ihrem Frust und Ärger Luft gemacht. Den größten Teil ihrer jungen Karriere spielte sie Upbeat-Party-Songs, aber durch die Ereignisse sieht sich Mentesnot inspiriert, politisch zu werden. "Ich will, dass die Öffentlichkeit (...) versteht, was wir fühlen."

Rapper Neguse freut sich zwar, dass äthiopische Musiker mehr und mehr Erfolg haben. Aber die jüngsten Proteste seien "ein Hilferuf, ein Appell an die gesamte Gesellschaft". Obwohl fast jeder Israeli mindestens einen äthiopischen Musiker in der Playlist habe, gebe es weiter Rassismus. "Und das sorgt dann für Misstöne."

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