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AfD-Demo und Gegendemos - 1 gegen 13: Demo-Wochenende in Berlin

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Deutlicher könnte die Spaltung der Gesellschaft kaum werden: Vor dem Brandenburger Tor die AfD, drumherum ihre Gegner. Berlin erwartet ein großes Demonstrationswochenende.

Demonstrations-Plakat in Berlin.
Aufruf zur Demonstration auf den Straßen Berlins. Quelle: Dominik Rzepka

Vielleicht 5.000 Menschen auf der einen Seite des Brandenburger Tors, vielleicht viermal so viele auf Plätzen und auf der Spree in 13 Demonstrationen um sie herum. Am Sonntag könnte es in der Mitte Berlins eine der größten Kundgebungen seit langem geben. Zum einen hat die AfD unter dem Motto "Zukunft Deutschland" ihre Parteimitglieder und Sympathisanten aufgerufen, nach Berlin zu kommen und "den Tag zur Abrechnung mit der verantwortungslosen Politik zu machen". Zum anderen formieren sich die Gegner in mehreren Einzeldemos unter den Überschriften "Stoppt den Hass", "Hauptsache, es knallt" oder "Die Vielen". Die meisten Demos werden in Sternmärschen rund um das Brandenburger Tor enden, die Lager nur wenige Meter Luftlinie voneinander entfernt sein. Die ersten Aufmärsche sind schon für Samstag geplant. Dass alles friedlich bleibt, ist unwahrscheinlich.

AfD: "Das ist ein neues Konzept"

Der AfD geht es um Protest gegen die Flüchtlings- und Sozialpolitik der Bundesregierung. Man mache sich "Sorgen um die Zukunft des Landes", sagt der Berliner Parteichef Georg Pazderski. "Um Deutschland aufzurütteln, gehen wir am Sonntag auf die Straße." Die AfD sitze zwar im Bundestag und 14 Landesparlamenten, die Menschen wollten aber selbst aktiv werden und ihre Meinung auf die Straße tragen. Darin unterscheide die AfD sich von den anderen Parteien, die außerhalb von Wahlkämpfen kaum auf der Straße sei. "Das ist ein neues Konzept", sagt Guido Reil vom Bundesvorstand.

Die AfD erwartet zwischen 2.500 und 5.000 Demonstranten. Berichte, wonach in Rheinland-Pfalz Parteimitgliedern 50 Euro für die Fahrt nach Berlin angeboten wurden, seien Einzelfälle. Diese Initiative sei mit der Bundespartei "nicht abgesprochen gewesen", sagt Steffen Köninger. "Bei uns gehen die Menschen auf die Straße, weil die äußeren Bedingungen sie dazu bewegen und nicht, weil irgendwo Geld fließt." Nach Ansprachen der Parteispitze wollen die Teilnehmer am Sonntagmittag vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor ziehen, wo es eine Abschlusskundgebung gibt. Allerdings ist nicht jeder Protestler erwünscht. Die AfD will rechtsextreme Initiativen nicht dabei haben, auch nicht den Berliner Pegida-Ableger. Bei Pegida Dresden sehe das anders aus: "Wenn die kommen, kommen die", sagt Reil. Alice Weidel, Fraktionschefin im Bundestag, wird nicht dabei sein.

Gegner: "Keine Antwort auf die sozialen Probleme"

Gut 20.000 Gegendemonstranten werden auf der anderen Seite erwartet. Mit 15.000 Teilnehmern rechnet die Initiative "Hauptsache, es knallt. AfD wegbassen" an der Siegessäule. Aufgerufen haben mehr als 70 Clubs und die Open-air-Szene. Berliners Clubkultur sei alles, "was die Nazis nicht sind und was sie hassen", heißt es in ihrem Aufruf. Die Bundesregierung gebe schon zu sehr den Druck von rechts nach, die Verschärfung der Zuwanderungspolitik und das neue Heimatministerium seien Zeichen dafür. "Dieser Zustand ist nicht tanzbar." Man lade "die Berliner Feierszene zur Afterhour - den AfD-Aufmarsch wegbassen." Dabei sollen die Feiernden am Sonntag aus den Clubs zur Demo gerufen werden.

Weitere 3.000 Demonstranten wollen Grüne, Jusos, Linke, Gewerkschaften und Antifa-Initiativen auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs aktivieren. Die AfD biete "keine Antwort auf die sozialen Probleme. Ihr Ziel ist es, die Gesellschaft zu spalten und Menschen gegeneinander auszuspielen", heißt es in ihrem Aufruf. Man wolle der Partei "nicht die Straße überlassen". Rund 2.500 Naturfreunde wollen zudem am Potsdamer Platz, demonstrieren. Dazu laden Künstler zur "Glänzenden Demonstration" ein, 250 Wassersportler fahren aus Protest gegen die AfD am Sonntagmittag auf der Spree im Regierungsviertel umher.

Professorin: Parteien überlassen AfD das Feld

Eine Spaltung in zwei Lager auf der Straße und in der Gesellschaft, die nach Ansicht von Cornelia Koppetsch, Soziologie und Populismusforscherin an der TU Darmstadt, nicht verwunderlich ist. Das Gefühl, dass Teile der Bevölkerung von den Parteien nicht mehr vertreten werde, sei prinzipiell "nicht ganz falsch". Schließlich machten die großen Parteien seit Jahren eine Politik, die angeblich alternativlos sei und sich vor allem auf Expertenmeinungen stütze. Die AfD, die sich als Protestpartei versteht, schüre diese Stimmung durch solche Demonstrationen wie in Berlin, so die Wissenschaftlerin.

Tatsächlich, sagt Koppetsch, fehlten in der Gesellschaft ernsthafte Diskussionen über Kontroll- und Souveränitätsverlust durch die europäische Integration, über eine echte Einwanderungspolitik, über die Spaltung der Gesellschaft in den Städten zum Beispiel. Stattdessen gebe es wochenlange "unsinnige Debatten" darüber, ob der Islam nun zum Land gehöre oder nicht. Indem die liberalen Parteien die wichtigen Diskussionen nur halbherzig oder überhaupt nicht führten, werde das Feld der AfD überlassen, so Koppetsch. Ob Demonstrationen wie am Wochenende in Berlin die großen Debatten in Gang bringen können, sei allerdings fraglich. "Aber wünschenswert", sagt Koppetsch.

Antifa ruft zu Chaos auf

2.000 Polizisten aus neun Bundesländern und der Bundespolizei werden die Demonstrationen am Wochenende schützen. Dabei gehe man "grundsätzlich von einem friedlichen Verlauf aus", so ein Sprecher der Berliner Polizei. Trotzdem hat sie vor allem ein Auge auf diejenigen, die seit Wochen im Netz Bilder von brennenden Polizeiautos und fliegenden Farbbeutel posten. "Chaos statt AfD" heißt das Motto der Antifa Berlin. "Wenn die AfD marschiert, hat sie dafür zu zahlen. Wenn Berlin das zulässt, hat Berlin dafür zu zahlen", sagt in einem Video eine vermummte Person mit verzerrter Stimme. "Eine Kaffeefahrt", sagt Demo-Organisator Reil von der AfD, wird diese Demo nicht.

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