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Interne Afghanistan-Papiere - Uneinig ins Chaos

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Hunderte Dokumente zum Afghanistan-Krieg wurden veröffentlicht. US-Regierungen haben Erfolge durchgehend beschönigt. Auch Konflikte mit den deutschen Verbündeten waren vielfältig.

Archiv: Bundeswehrsoldaten im Einsatz in Afghanistan.
Bundeswehrsoldaten im Einsatz in Afghanistan. (Archivbild)
Quelle: DPA

Die US-Zeitung "Washington Post" hat hunderte interne Dokumente zum Verlauf des Afghanistan-Krieges und der Wiederaufbaumaßnahmen öffentlich zugänglich gemacht. Um diese Papiere hat die Zeitung einen jahrelangen Rechtsstreit mit der US-Regierung geführt. Die wollte eine Veröffentlichung verhindern.

Auch die Afghanistan-Politik der früheren Regierungen unter George W. Bush und Barack Obama kommen in den Papieren schlecht weg: Die Vereinigten Staaten würden auch nach Jahren des Krieges Afghanistan nicht verstehen. Nur intern würden die Alliierten zugeben, keine Strategie und keine klar formulierten Ziele in Afghanistan zu verfolgen. Mit endlosen Geldsummen hätte man die Korruption erst zum Blühen gebracht – so die Zusammenfassung der "Washington Post".

Uns fehlte es an einem fundamentalen Verständnis für Afghanistan. Wir wussten nicht, was wir tun.
Hochrangiger US-General

2.000 Seiten voller Irrtümer, Frust und Schuldzuweisungen

Es handelt sich bei den Dokumenten um rund 2.000 Seiten Evaluationsbögen und Interviewtranskripte, die das Office of the Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) mit hunderten Afghanistan-Experten aus Politik und Militär geführt hat. Darin bewerten sie verschiedene Aspekte der internationalen Stabilisierungsbemühungen für Afghanistan. Zu den interviewten Personen gehören auch namhafte Militärs, hochrangige Sicherheitsberater und Botschafter, die meisten Namen wurden aber vor der Freigabe geschwärzt. SIGAR ist die zentrale Aufsichtsbehörde der US-Regierung zu Afghanistan und soll etwa überwachen, dass Gelder korrekt verwendet werden.

Seit 2001 beteiligt sich Deutschland zusammen mit anderen Nationen unter wechselnden Mandaten am Krieg in Afghanistan. Aktuell sind bis zu 1.300 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan stationiert. Knapp ein Jahrzehnt lang betrieb die Bundeswehr das Feldlager Kundus im Norden des Landes. Unweit davon liegt auch das Camp Marmal, das größte Lager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands. 59 deutsche Soldaten sind bislang in Afghanistan gestorben.

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer ist zu ihrem Antrittsbesuch nach Afghanistan gereist. Sie fordert, die afghanische Regierung in Friedensgespräche mit den Taliban einzubinden.

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USA sehen Qualität der deutschen Polizeiausbildung kritisch

Die Arbeit der anderen Nationen wurden wechselseitig oft mehr als Hindernis denn als Hilfe bewertet: "Feststellung, dass Deutschland die [afghanischen] Polizeikräfte nicht trainieren kann: Teil des Problems mit Deutschland ist, dass ihre Regierung ein UN-Mandat zum Arbeiten braucht. Die USA wollten die Vereinten Nationen nicht involvieren", so ein anonymer US-Beamter in einem Interview vom 05. Mai 2016.

Ein Berater der Vereinten Nationen beklagte sich, dass jedes Land seine eigenen miteinander unvereinbaren Rechtssysteme mitgebracht hätte: "Im April 2002 haben die Briten die Drogenbekämpfung, die Deutschen die Polizei und die Italiener das Rechtssystem übernommen. Ihre nationalen Systeme waren aber nicht kompatibel. Die USA frustrierte diese langsame Umsetzung, also etablierten sie ihr eigenes System."

Die Polizeiausbildung der Deutschen sei deutlich ineffizienter gewesen, als öffentlich dargestellt wurde: "Zwei Wochen lang hätte man die Afghanen trainiert, dann hätten die ihre Uniformen genommen und in ihren Heimatprovinzen verkauft. Anschließend seien sie zurückgekommen, um den ganzen Prozess zu wiederholen." Oder: "Als wir [die Vereinten Nationen] uns dazu entschieden hatten, den Drogenanbau in Bahramcha zu bekämpfen, verteilten die Deutschen Flugblätter, dass sie damit nichts zu tun hätten." Auch hätten die Deutschen sich etwa geweigert, ihre Trainingshandbücher mit Verbündeten zu teilen, so ein anonymer US-Sicherheitsexperte. Im September stellte die Bundespolizei ihre seit 2002 andauernde Ausbildungsmission in Afghanistan vorerst ein.

Deutsche Scheitern an Müllentsorgung - also stellen die USA Kinder dafür an

Ein britischer Offizieller berichtete von einem Afghanistan-Treffen, das deutsche Diplomaten erbost abgebrochen hätten, weil sie sich von Großbritannien in ihrer Führungsrolle hintergangen gefühlt hätten. Den "Stolz von Einzelpersonen im Auswärtigen Amt" hätte man überwinden müssen. In einzelnen Bereichen sprechen die Berichte auch Lob aus: "Deutschlands wirtschaftliche Aufbauhilfe ist deutlich durchdachter als die der USA - selbst in umkämpften Gebieten", so ein US-Verbindungsoffizier bei der Nato.

Teils muten die Berichte absurd an – ein US-Offizier erzählt von einem gescheiterten deutschen Versuch, die Müllentsorgung in der Hauptstadt Kabul zu verbessern. Weil die von Deutschland gekauften Müllautos nicht für afghanische Mülltonnen kompatibel gewesen sein, hätten die USA stattdessen 200 Kinder bezahlt, um den Müll zu sammeln.

Kritik an den Deutschen hat es immer gegeben, etwa dass sie zu zaghaft seien. Das robuste Vorgehen der Amerikaner hat ja aber auch keine besseren Ergebnisse produziert.
Thomas Ruttig, Afghanistan Analysts Network

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig betont, dass diese Koordinierungsprobleme in der internationalen Koalition wie auch das Ausmaß von Korruption und Misswirtschaft schon lange bekannt seien. "Kritik an den Deutschen hat es immer gegeben, etwa dass sie zu zaghaft seien. Das robuste Vorgehen der Amerikaner hat ja aber auch keine besseren Ergebnisse produziert." Lange Zeit habe schlicht niemand hören wollen, wie sich die Lage in Afghanistan tatsächlich entwickelt. Und inzwischen machten Behörden immer weniger Daten und Zahlen noch frei zugänglich. "Selbst die kritischen Einschätzungen, die jetzt öffentlich werden, sind noch weit entfernt von der Realität", so Ruttig.

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