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Afrika-Gipfel in Berlin - "Von einem stabilen Afrika profitieren alle"

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"Hunger ist Mord", so Bundesentwicklungsminister Müller vor Start des Afrika-Gipfels in Berlin. Afrika-Kenner Kannengießer erklärt, wie moderne Entwicklungshilfe aussehen sollte.

Biogasanlage
Biogasanlage (Archivbild vom 09.10.2017)
Quelle: imago

heute.de: Unter dem Begriff "Compact with Africa" können sich viele Menschen in Deutschland wohl nicht allzu viel vorstellen, dabei ist es ein Prestigeprojekt der Bundesregierung. Sie unterstützen diese Initiative. Was steckt dahinter?

Christoph Kannengießer: Der "Compact with Africa" ist eine Initiative, die während der deutschen G20-Präsidentschaft im vergangenen Jahr entwickelt worden ist. Es geht darum, eine neue Form der Partnerschaft zwischen den G20-Staaten – insbesondere den Industrieländern Europas und Nordamerikas – mit reformorientierten Staaten in Afrika aufzubauen. Mit dem Ziel, dass die teilnehmenden afrikanischen Staaten leichter internationale Direktinvestitionen akquirieren und damit Wachstum und Beschäftigung vorantreiben können. Dahinter steckt auch ein migrationspolitisches Ziel, nämlich jungen Afrikanern zuhause eine Initiative zu bieten, damit sie nicht aus wirtschaftlichen Gründen den Weg nach Europa suchen.

heute.de: Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Kannengießer: Aus den Konsultationen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds mit den afrikanischen Ländern sind durchaus ambitionierte Reformprogramme in diesen Staaten entstanden. Auf der anderen Seite ist sehr intensiv dafür geworben worden, dass sich zum Beispiel deutsche Unternehmen für Investitionen in diesen Ländern erwärmen, mit dem Ergebnis, dass deutsche Firmen auf der heutigen Investitionskonferenz Projekte mit einem Volumen von insgesamt 500 Millionen Euro zeichnen. Insgesamt investiert die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr eine Milliarde Euro zusätzlich auf dem afrikanischen Kontinent – ein Anstieg von zehn Prozent binnen eines Jahres. Der Zug kommt also ins Rollen.

heute.de: Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, um ihn noch stärker ins Rollen zu bringen?

Kannengießer: Die Bundesregierung hat eine Reihe von Strategiepapieren verfasst, in denen zum Beispiel auch bessere Rahmenbedingungen für die Finanzierung und Absicherung von Investitionen in Afrika in Aussicht gestellt worden sind. Wir erwarten jetzt auf dem von der Kanzlerin einberufenen Gipfel konkretisierende Ankündigungen. Wir hatten ganz konkret gefordert, dass die Regierung einen Einwicklungsinvestitionsfonds auflegt und mit einer Milliarde Euro dotiert, mithilfe dessen man dann Unternehmen unterstützen kann. 

heute.de: Jahrzehntelang leistete Deutschland in Afrika klassische Entwicklungshilfe. Wird dieses Konzept jetzt schleichend abgelöst?

Kannengießer: Nein, das sehe ich nicht. Ich denke, dass die klassische Entwicklungshilfe in einer Reihe sehr armer Länder auch in Zukunft ihren Platz hat. Aber wir Deutschen hatten lange Zeit ein falsches Bild von dem Kontinent und haben Afrika mit Ausnahme der Republik Südafrika nur als Armenhaus – und ich sag es mal etwas flapsig – als Abwurfstelle für Entwicklungshilfe angesehen. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass wir wenig echte, intensive Beziehungen zum afrikanischen Kontinent haben.

Aber da ändert sich gerade etwas und es bildet sich eine neue, zusätzliche Säule der Entwicklungszusammenarbeit, in der ein Schulterschluss mit der Privatwirtschaft Sinn macht. Wir sind der Meinung, dass wir damit nachhaltig das unterstützen können, was die Menschen dort suchen, nämlich Lebensperspektiven frei von wirtschaftlicher Not und Aufstiegschancen. Das können Unternehmen leisten, die Projekte verwirklichen, den Menschen Einkommen verschaffen und ihnen und ihren Familien damit die Möglichkeit eröffnen, ihr Leben positiv zu gestalten.

heute.de: Menschenrechtsorganisationen beklagen dagegen häufig, dass gerade international tätige Konzerne in vielen afrikanischen Ländern vor allem ihren Rohstoff- und Energiehunger rücksichtslos stillen.

Kannengießer: Ich will das nicht kommentieren. Da ist auch viel Ideologie im Spiel und es herrscht teilweise der Gedanke vor, dass Unternehmen eher Teil des Problems als Teil der Lösung seien. Ich will aber darauf hinweisen, dass deutsche Unternehmen in Afrika zum Beispiel nicht im Minen- oder Rohstoffbereich tätig sind; auch nur sehr begrenzt im Bereich der Landwirtschaft, wo es die Debatte gibt über "Landgrabbing", also Landraub. 

Deutsche Unternehmen bauen Autos, produzieren Düngemittel, bieten Lösungen in der Informationstechnologie an oder realisieren Projekte im Bereich der Solar- und Windenergie. Da gibt es mit Menschenrechten keine Konflikte. Im Gegenteil: Die Unternehmen bieten gute Arbeit und einen Wissenstransfer, Aus- und Fortbildung. Davon profitieren die Menschen in Afrika nachhaltig.

heute.de: Aber ist der Pakt für Afrika wirklich ein Vertrag unter Gleichen oder geht es letztlich vor allem darum, die Kluft auf China als Großinvestor in Afrika etwas zu verringern?

Kannengießer: Meines Erachtens geht es in der Tat darum, Vereinbarungen auf Augenhöhe zu schließen. Ein Großteil dieser Partnerländer sind durchaus attraktive Investitionsziele. Das heißt, sie sind nicht auf Gedeih und Verderb auf Investitionen aus Deutschland, Frankreich oder Italien angewiesen. Sie haben Alternativen. Es geht schon um Wettbewerb und darum, ob wir mit unseren Werten in Afrika künftig noch eine Rolle spielen. Es geht aber auch darum, die Partnerländer zu unterstützen. Es liegt in unserem Interesse, einen stabilen und wohlhabenden südlichen Nachbarn zu haben. Davon profitieren wir alle.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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