Sie sind hier:

Kontinent im Umbruch - "Afrika hat ein Image-Problem"

Datum:

Afrikas Bevölkerung wächst rasant, aber auch die Wirtschaft legt in vielen Ländern mächtig zu. Dennoch zögern deutsche Firmen, auf dem Kontinent zu investieren.

Archiv: VW-Produktion am 21.12.2016 in Kenia
Archiv: VW-Produktion am 21.12.2016 in Kenia Quelle: picture alliance / AA

Kein Kontinent wächst so rasant wie Afrika - mehr als die Hälfte der etwa 1,2 Milliarden Afrikaner sind jünger als 25 Jahre. Die Flüchtlingskrise hat Afrika in den Fokus europäischer und deutscher Politik gerückt, fast täglich erreichen Schlauchboote mit verzweifelten Menschen aus Äthiopien, Sudan oder Nigeria Europas Küsten.

Bescheidenes Engagement deutscher Firmen

"Europas Schicksal und Zukunft entscheidet sich auf dem afrikanischen Kontinent", sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) anlässlich des EU-Afrika-Gipfels in Abidjan - in der Hauptstadt der Elfenbeinküste beraten die Staatenlenker aus rund 80 afrikanischen und europäischen Ländern derzeit über Zukunftsperspektiven für Afrikas Jugend.

Die Bundesregierung will die Investitionsbedingungen verbessern, damit sich mehr deutsche Firmen auf den Kontinent trauen und dort neue Jobs schaffen. Dazu startete sie vor kurzem Initiativen wie einen "Marshallplan" oder sogenannte Reformpartnerschaften mit ausgewählten Ländern wie Tunesien ("Compact with Africa"), um die Zusammenarbeit zu verstärken.

Denn mit dem Engagement der deutschen Privatwirtschaft sieht es noch recht mager aus: Nach Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sind derzeit insgesamt rund 1.800 Firmen vor Ort aktiv. Aber gerade mal 800 von ihnen investieren mehr als eine Million Euro auf afrikanischem Boden, schätzt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Insgesamt sind es laut DIHK rund zehn Milliarden Euro – weniger als ein Prozent aller deutschen Direktinvestitionen im Ausland. Bisher besonders im Fokus der Unternehmer: Südafrika, die Maghreb-Staaten, Nigeria und Ägypten.

Kontinent der Chancen

Mehr als 40 afrikanische Länder sind jedoch eher schemenhaft auf der Landkarte der deutschen Wirtschaft vorhanden. Dabei ist das Potential groß: Etwa die Hälfte der 20 am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegt in Afrika – 2016 legte beispielsweise die Wirtschaft von Äthiopien um acht Prozent zu, die von Tansania wuchs um sieben Prozent.

Bisher habe gar keine Notwendigkeit bestanden, Afrika in den Blick zu nehmen, weil "die Kapazitäten der deutschen Industrie gut ausgelastet sind, etwa durch das Engagement in anderen Regionen wie Asien oder Osteuropa", sagt Andreas Wenzel, Leiter des Afrika-Referats des Deutschen Industrie- und Handelskammertags in Berlin.

Aber das ist nicht allein der Grund, warum Afrika für Firmen hierzulande lange ein blinder Fleck war. Kannengießer sieht ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren - dazu gehöre auch "eine relativ geringe Afrika-Kenntnis, eine Risiko-Aversion" und – sehr wichtig - "mangelnde staatliche Unterstützung“. Zudem werde Afrika immer noch eher als Krisen- denn als als Chancen-Kontinent wahrgenommen.

"Afrika hat ein Image-Problem"

"Afrika hat ein Image-Problem", so Kannengießer. "Unser Afrika-Bild hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren kaum verändert, wir singen immer noch die Melodien der 80er und 90er Jahre, doch die politische und sozioökonomische Realität dort hat sich stark verändert." Afrikas Mittelschicht in den pulsierenden Metropolen des Kontinents wächst - Schätzungen der Weltbank zufolge gehören etwa 360 Millionen Afrikaner der Mittelschicht an, die Kaufkraft haben und besser gebildet sind.

Deutsch-afrikanische Handelsbeziehungen

Deutsche Firmen könnten sich nicht länger leisten, Afrika zu ignorieren, sagt Kannengießer, zumal die asiatischen Märkte weitgehend gesättigt seien. Afrika habe einen gewaltigen Nachholbedarf bei der Infrastruktur – Straßen, Häfen, Eisenbahnen, Stromversorgung mit erneuerbaren Energien. In allen diesen Feldern könnten deutsche Firmen mit ihrem Know-How helfen, diese Industrien vor Ort aufzubauen und damit auch Jobs für junge Afrikaner zu schaffen. "Die Früchte hängen noch tiefer als in vielen anderen Regionen der Welt."

Um diese Früchte pflücken zu können, müsse der deutsche Staat jedoch deutlich mehr unterstützen, mit Bürgschaften und Krediten, wie es Briten, Franzosen und Chinesen längst praktizierten. Investitionsförderung schreibt die Bundesregierung in ihren jüngsten Initiativen ganz groß. "Die Überschriften in den Programmen stimmen", sagt Kannengießer. Jetzt gehe es darum, diese auch in gute Angebote an die Unternehmen umzusetzen. "Vor allem muss sich das Tempo erhöhen."

Vom "Geber" zum "Lieferant"

Und viele afrikanische Länder machen sich offenbar bereit. Laut Kannengießer sind viele Staaten dabei, die Investitionsbedingungen für ausländische Unternehmen zu verbessern. "Die Afrikaner wollen viel stärker in den Handel einbezogen werden und nicht länger Kostgänger der internationalen Gebergemeinschaft sein", so Kannengießer. Doch Deutschland müsse dafür den Fokus ändern - und stärker auf "Lieferant" als auf "Geber" setzen - in einer Wirtschaftsbeziehung auf Augenhöhe.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.