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Özil-Debatte - "Integration ist Pflicht und Geschenk"

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Die Debatte um Mesut Özil wirft auch die Frage auf: Ab wann gehört ein Zuwanderer wirklich dazu? Der Psychologe Ahamad Mansour sagt, die Werte des Grundgesetzes zu leben, genügt.

Archiv: Wahlberechtigte fahren auf einer Rolltreppe zum Wahlraum, aufgenommen am 07.06.2018
Nicht das Kopftuch, sondern das Leben der Grundgesetzwerte ist entscheidend, sagt Ahmad Mansour. Quelle: dpa

heute.de: Die britische Zeitung "Guardian" schrieb in einem Kommentar zur Özil-Debatte: "Deutschland und die Türkei ähneln sich darin, dass in beiden Ländern Ideen von 'Rasse' und 'Blut' weiterhin die Nation definieren." Ist da was dran?

Ahmad Mansour: Das ist absoluter Schwachsinn. Die These hat nur das AfD-Deutschland im Blick. Wer Deutscher sein will und sich Mühe gibt, wird auch als Deutscher wahrgenommen. Özils Problem ist nicht, dass er Türke ist. Sondern dass er sich als Nationalspieler mit einem türkischen Diktator hat fotografieren lassen.

heute.de: Sie gelten als Mann mit einer Bilderbuch-Integration. Was ist Ihnen schwergefallen?

Mansour: Am Anfang habe ich mich mit manchen westlichen Werten schon schwergetan. Als Palästinenser hatte ich patriarchalische Vorstellungen. Mir hat es nicht gepasst, dass mir eine Mitbewohnerin sagen wollte, wann ich die WG putzen soll. Und auch wenn ich Tel Aviv kannte, war es für mich anfangs schwierig, einen schwulen Kumpel zu haben. Das hat mich enorm viel Energie gekostet. Aber es hat sich gelohnt.

heute.de: Wenn Integration Energie gekostet, was gibt Kraft?

Mansour: Zum einen der Wunsch, dass es meine Kinder mal besser haben sollen als ich. Und ich habe gemerkt, dass es mir besser geht, wenn ich andere Menschen mit Respekt behandle. Es fühlt sich besser an, wenn ich eine Beziehung gleichberechtigt lebe, als wenn ich den Pascha spiele. Auch der Mann gewinnt, wenn die Frau auf Augenhöhe ist. Integration ist also nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Geschenk an sich selbst.

heute.de: Was bedeutet für Sie Integration?

Mansour: Der Begriff wird oft instrumentalisiert. Zunächst meint er ja nur, eine Einheit herzustellen. Die meisten Menschen und Politiker verstehen unter Integration aber: Migranten sollen arbeiten, deutsch lernen und nicht kriminell werden.

heute.de: Überzeugt Sie diese Stammtisch-Definition?

Mansour: Mir ist das zu wenig. Demnach wäre Mohammed Atta, einer der Attentäter vom 11. September, gut integriert gewesen. Ich verstehe unter Integration ein klares Bekenntnis zu Werten. Nicht nur aus Pflichtbewusstsein heraus, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Werte des Grundgesetzes ein Gewinn für mich sind.

heute.de: Welchen Gewinn hat denn ein konservativ lebender Muslim, wenn er sich dem westlichen Zeitgeist anpasst?

Mansour: Das Versprechen der Freiheit. Die setzt viele Kräfte frei. Die Aufklärung war eine Blütezeit. Sie entstand nicht, weil die Menschen Ja-Sager waren, sondern die Menschen sich auf Neues eingelassen haben. Ich bin überzeugt: Mit gutem Willen kann jeder lernen, Vielfalt als Bereicherung anzusehen. Wichtig ist aber, dass wir stärker für unsere Werte einstehen. Es darf keine falsche Toleranz bei patriarchalischen Strukturen, bei der Diskriminierung von Schwulen und Lesben und keine Abstriche bei der Meinungsfreiheit, der Religionsfreiheit oder der Holocaust-Erinnerung geben.

heute.de: Das bedeutet aber: Ein konservativer Muslim muss sein bisheriges Werte-System ändern.

Mansour: Ja, und das hat viel mit Kommunikation zu tun. Natürlich kann man nicht erwarten, dass er sich von einem Monat auf den anderen ändert und integriert ist. Kommunikation heißt zugespitzt: Nicht nur Plakate aufhängen mit "Refugees welcome", sondern auch: Wir erwarten von euch ein klares Bekenntnis zu unseren Werten.

heute.de: Und was müssen die Deutschen leisten, damit Integration besser funktioniert?

Mansour: Der beste, motivierteste Flüchtling wird scheitern, wenn er keine emotionalen Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft hat. Ich selbst habe darunter sehr gelitten. In meinen ersten zwei Jahren in Deutschland hatte ich kaum Kontakt zu Deutschen. Niemand hat sich für mich interessiert.

heute.de: Interesse kann man aber nicht von oben verordnen.

Mansour: Bei den Integrationsklassen können wir aber viel ändern. In den letzten drei Jahren habe ich hunderte von Willkommensklassen und Integrationskursen besucht. Die meisten sind gut gemeint, aber schlecht gemacht: Sprachkurse und ein bisschen Wissen über Deutschland. Es geht aber selten um die Ängste der Flüchtlinge. Und die meisten Kurse sehen in den Flüchtlingen schwache Opfer, die Hilfe brauchen. Die Flüchtlinge wollen aber, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Und sie sollten nicht nur etwas über Mülltrennung lernen, sondern auch wie das Zusammenleben hier funktioniert.

heute.de: Also Kante statt Multikulti?

Mansour: Wenn Sie mit Multikulti meinen, dass ich in Berlin Humus essen kann und unterschiedliche religiöse Feste erlebe, dann habe ich mit Multikulti kein Problem. Schwierig wird es, wenn die Einwanderer das Grundgesetz nicht akzeptieren wollen. Oder wenn man von ihnen eine radikale Assimilation verlangt. Es reicht, wenn man die Werte des Grundgesetzes lebt. Deswegen muss ich aber nicht meine palästinensisch-muslimische Identität aufgeben.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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