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Chinas Künstler Ai Weiwei - "Freiheit ist überall und gleichzeitig nirgendwo"

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Chinas prominenter Künstler Ai Weiwei musste sein Land nach einem Zerwürfnis mit den chinesischen Behörden verlassen. Im ZDF-Interview spricht er über seine Idee von Freiheit.

"Freiheit ist auf dem Weg zur Unfreiheit. Das ist paradox", schreibt der Künstler Ai Weiwei.

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heute.de: Sie sind Künstler geworden, weil Sie nach Freiheit suchten. Würden Sie sagen, Sie haben sie in der Kunst gefunden?

Ai Weiwei: Ja, das war tatsächlich am Anfang der Grund für mich, Künstler zu werden. Ich dachte, in einer so politischen Gesellschaft wie China, könne man in der Kunst etwas Freiheit finden. Später, als ich für zwölf Jahre nach Amerika ging, wurde mir klar, Freiheit ist nicht etwas, nach was man suchen muss, man muss für Freiheit kämpfen. Wenn Freiheit irgendeine Bedeutung hat, dann die, dass man seine eigene Wahl treffen muss und nach seinen Grundsätzen leben muss.

heute.de: Glauben Sie Kunst ist die mächtigste Waffe, um für Freiheit zu kämpfen oder ist sie nur eine Möglichkeit unter vielen?

Ai Weiwei: Ich glaube, sie ist nur eine Möglichkeit unter vielen. Ich glaube, normale Leute, die keine Künstler sind, müssen auch viele Entscheidungen treffen. Sie müssen sich anstrengen, sie müssen ihre eigene Sprache finden, ihr tägliches Verhalten festlegen. Ich glaube, Freiheit ist überall und gleichzeitig nirgendwo. Man muss sich sehr darum bemühen.

heute.de: Wann kamen Ihr künstlerischer Ausdruck und Ihr politisches Engagement zusammen?

Ai Weiwei: Ich wurde verhaftet, ich wurde von der Polizei brutal behandelt, ich war gezwungen nach Deutschland zu gehen. Selbst wenn ich also nicht Teil der politischen Verhältnisse sein wollte, war das nicht möglich. In dem Moment, in dem man versucht sich frei zu äußern, ist man schon sehr politisch.

Ai Weiwei in Flüchtlingscamp in Idomeni 2016
Ai Weiwei im Flüchtlingscamp in Idomeni im Jahr 2016
Quelle: ap photo/visar kryeziu

heute.de: Das Schicksal der Flüchtlinge ist einer ihrer Hauptthemen momentan. Sie fühlen sich sehr für sie verantwortlich. Warum ist das so?

Ai Weiwei: In den letzten vier Jahren seitdem ich in Berlin bin, habe ich mich mit den Lebensumständen von Flüchtlingen beschäftigt. Ich sehe die Flüchtlingskrise als eine humanitäre Krise an. Fundamentale Rechte werden angetastet.

Wenn man diese Menschen schlecht behandelt, verleugnet man auch die Menschenrechte. Ich sehe da keinen Unterschied zwischen der Missachtung von Menschenrechten in einer kommunistischen Gesellschaft und der Missachtung von Menschenrechten bei der Flüchtlingsfrage. Für mich ist das eins. Deshalb fühle ich mich involviert. Ich bin ja schließlich auch ein Flüchtling.

Ich sehe da keinen Unterschied zwischen der Missachtung von Menschenrechten in einer kommunistischen Gesellschaft und der Missachtung von Menschenrechten bei der Flüchtlingsfrage.

heute.de: Bald haben wir Wahlen in Europa. Wie sehen Sie die momentane Situation?

Ai Weiwei: In Europa und auch global gesehen, sehen wir einen Trend hin zu mehr Rechtspopulisten. Es gibt Menschen, die dagegen sind, dass sich andere Menschen aufeinander zubewegen. Sie errichten neue Grenzen. Wir sehen eine Tendenz, die sich gegen die Globalisierung richtet. Menschen separieren sich, es gibt viel Nationalismus. Es geht sehr stark rückwärts.

heute.de: Wie sehr leiden Sie darunter, in China nicht gehört zu werden?

Ai Weiwei: Ich leide nicht besonders darunter. Ich möchte nicht unbedingt, dass man mich hört aber ich will, dass man meine Themen hört, die Themen für die ich mich einsetze. Aber es gibt keine Möglichkeit momentan. In China werde ich komplett zensiert.

heute.de: Auch in einem demokratischen Staat fühlen sich Menschen oft machtlos. Warum fühlen Sie sich so?

Ai Weiwei: Wenn Menschen sich machtlos fühlen, dann muss man sie anstoßen, man muss sie auffordern, etwas dagegen zu tun, gegen dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Die Gesellschaft vergiftet einen. Man hat hier alle Freiheiten, hier ist vieles besser als in anderen Teilen der Welt - aber das sehr sensitive Gefühl für menschliche Werte wird oft vergessen.

Wir können zwar mehr oder weniger profitabel sein, aber unser Geist und unser Herz wird nie Frieden finden.

Doch das ist das grundlegende Prinzip für alle Menschen. Es geht nur noch darum, Profit zu machen. Aber wenn sich unserer Welt in diese Richtung hin entwickelt, werden wir nie Frieden finden. Wir können zwar mehr oder weniger profitabel sein, aber unser Geist und unser Herz wird nie Frieden finden. Denn wir opfern das Leben anderer Menschen dafür, opfern ihren Aufstieg, ihre Zukunft.

heute.de: Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, was unsere Zukunft anbelangt?

Ai Weiwei: Ich glaube, ich kann niemals optimistisch sein, aber ich glaube auch, dass wir alle mit einer Bestimmung geboren werden. Wir müssen diese Bestimmung unser ganzes Leben lang verteidigen und in dieser Hinsicht bin ich zufrieden.

Das Interview führte Kerstin Edinger, Reporterin im ZDF-Studio Düsseldorf.

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