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Europäische Aids-Konferenz - "Wir sprechen viel zu wenig über Sex"

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Aids könnte längst besiegt sein. Doch in Deutschland fallen ältere Heterosexuelle durchs Raster, auch in Gesprächen bei Ärzten. Es ist ein Thema auf Europas größter Fachkonferenz.

Proberöhrchen in einem Labor
Proberöhrchen in einem Labor
Quelle: Imago

Forscher beraten derzeit in Basel auf der 17. Europäischen Aids-Konferenz über die Herausforderungen des HI-Virus. Das Problem: Medikamente und Methoden, um HIV und Aids in den Griff zu bekommen, gibt es schon längst. Und trotzdem steigt in Osteuropa die Zahl der Neuinfektionen. Und in Deutschland fallen vor allem ältere Heterosexuelle durchs Raster und wissen gar nicht, dass sie seit Jahren HIV-positiv sind.

HIV-Heimtest - wie ein Schwangerschaftstest

Grundsätzlich gibt es aus Deutschland aber gute Nachrichten. Seit 2017 gehen die Zahlen der Neuinfektionen erstmals zurück, sagt Annette Haberl, Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Gesellschaft. Auch sonst war 2019 in Sachen HIV und Aids ein gutes Jahr. Die schwule Community feiert Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dafür, dass die HIV-Prophylaxe "PrEP" seit dem 1. September von den Krankenkassen übernommen wird. Wer täglich eine "PrEP"-Pille schluckt, ist gegen den HI-Virus immun - nicht aber gegen andere sexuell übertragbare Krankheiten.

Eine weitere Neuigkeit ist der HIV-Heimtest. Seit letztem Jahr kann man im Internet, in Apotheken und manchen Drogeriemärkten für 25 bis 30 Euro einen HIV-Heimtest kaufen. Ähnlich wie ein Schwangerschaftstest entsteht so niedrigschwellig eine erste Diagnose. "Der Test kann nicht direkt nach einem Risikokontakt eingesetzt werden, sondern erst etwa zwölf Wochen danach", sagt Haberl. Noch zuverlässiger seien Labortests, weswegen Haberl rät: "Jeder positive Schnelltest sollte unbedingt durch einen zweiten Labortest bestätigt werden."

Über 50-Jährige fallen durchs Raster

Trotz dieser Fortschritte: Auch in Deutschland gebe es noch viel zu tun, monieren Forscher auf dem Kongress in Basel. Zum Beispiel bei der Generation 50 plus. "In meiner Sprechstunde erfahre ich immer wieder, dass sich die Menschen einfach keines Risikos für HIV bewusst waren", sagt Haberl. Sie nimmt aber auch die Ärzteschaft in die Pflicht: "Ärztinnen und Ärzte denken bei älteren Patienten oft nicht mehr an ein aktives Sexualleben. Dadurch hat diese Altersgruppe leider auch ein hohes Risiko, erst spät diagnostiziert zu werden."

Frauen werde im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge der HIV-Test angeboten. "Hier sind wir sehr erfolgreich. Außerhalb der Schwangerschaft erreichen wir Frauen mit den Testangeboten dann allerdings nur schwer. Und die älteren Frauen fallen bei der HIV-Testung scheinbar durch jedes Raster", sagt Haberl.

"Let‘s talk about sex!"

Laut Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe lebten viele Menschen jahrelang mit HIV, "ohne es zu wissen, und konnten deswegen nicht behandelt werden. Die Folge sind schwere, potenziell lebensbedrohliche Erkrankungen." Von solchen Spätdiagnosen seien "Heterosexuelle überproportional betroffen, da sie oft nicht daran denken, dass HIV sie betreffen könnte". Egal welches Alter oder welche sexuelle Orientierung: "Wer sich mit HIV infiziert haben könnte, sollte sich testen lassen. Denn eine frühzeitige Therapie sorgt dafür, dass man mit HIV leben kann wie alle anderen Menschen", sagt Wicht.

Haberl fordert, Ärzte sollten von sich aus öfter sexuell übertragbare Krankheiten thematisieren. "Wir sprechen in der ärztlichen Praxis viel zu wenig über Sex. Weil Ärztinnen und Ärzte sich offensichtlich damit schwertun", kritisiert Haberl. Das Projekt "Let‘s talk about sex!" versuche, Gesprächstechniken einzuüben, um über sexuelle Gesundheit "verständlich und ohne Peinlichkeiten kommunizieren zu können". An dem Projekt hätten etwa Frankfurter Medizinstudenten teilgenommen. "Je früher man in der Ausbildung lernt, offen und wertfrei über Sexualität zu sprechen, umso selbstverständlicher ist das Thema dann später im ärztlichen Alltag."

Kritik an Gefängnissen

Haberl fordert aber auch mehr Anstrengungen von den Behörden. Nach wie vor seien HIV und Aids ein Thema in vielen Gefängnissen. Hier fordert Haberl außer Test- und Therapieangeboten saubere Spritzen. Damit täten sich Gefängnisse oft schwer. Viele würden "keinen Spritzentausch anbieten, weil es offiziell ja keine Drogen im Gefängnis gibt oder geben darf. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf".

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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