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Studie zur Aktienanlage - Deutsche oft nur Zuschauer des Erfolgs

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2019 war das Jahr der Aktie: Attraktive Zinssituation, gute Konjunktur und steigende Unternehmensgewinne sorgten für höhere Kurse. Doch die Deutschen schauten meist nur zu.

Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse.
Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse.
Quelle: Arne Dedert/dpa

Nach wie vor verfügen die Deutschen über erhebliches Vermögen – und nach wie vor liegt es zu einem bedeutenden Teil auf unverzinslichen Konten. Schlimmer noch: Häufig werden Strafzinsen darauf fällig, oder es wird reiche Beute von dubiosen Anlagebetrügern. Selbst unter der heimischen Matratze schlummern hohe Summen.

Das Geld liegt nicht auf der Straße – aber nutzlos herum

Eine neue Studie der Frankfurt School of Finance and Management und der Goethe-Universität bestätigt die ausgeprägte Risikoscheu der Anleger. Viele Bürger denken bei dem Wort "Aktienanlage" zuerst an Begriffe wie "Risiko", "Verlust" oder "Unsicherheit". Wobei die eigentlich Betroffenen, nämlich die Aktienbesitzer, eher "Dividende" und "Kursgewinne" im Kopf haben.

Einige der Umfrageergebnisse wirken regelrecht paradox: Die Scheu vor Risiken bringt so manchen dazu, sein Geld dort anzulegen, wo es mit Sicherheit eines wird: Weniger. Wo Inflation und hohe "Verwahrkosten" am Vermögen knabbern oder gar falsche Beratung zu ungeeigneten Sparformen führt: Die berüchtigte Bausparvermittlung für über 70-Jährige ohne Erben ist da nur ein Extrembeispiel.

Aktienkultur: Zaghafte Aufbruchsignale

Immerhin nahm die Zahl der Aktionäre seit 2014 und auch noch bis 2018 deutlich zu, zeigen Untersuchungen des Deutschen Aktieninstituts. Die kommenden Werte für 2019 dürften keinen Rückgang signalisieren. 2018 besaßen 10,3 Millionen Bürger eine Geldanlage in Aktien oder Fonds – das sind 16,2 Prozent der Bevölkerung.

Das sind längst nicht so Viele, wie in fast allen europäischen Nachbarländern oder den USA, dort hält etwa die Hälfte der Bürger Aktien. Neben der erwähnten Risiko-Aversion trägt sicher auch die Rentensituation zum zögerlichen Aktienkauf bei. Viele Deutsche halten die staatliche Rente und womöglich die betriebliche Altersversorgung für auskömmlich. Insbesondere für junge Berufstätige ist das ein Trugschluss. Da wirkt es ermutigend, dass der Zuwachs von 250.000 Neuaktionären in Deutschland vor allem aus jüngeren Leuten besteht.

Den Fachleuten ist die Abstinenz hierzulande nach wie vor ein Rätsel. Recht einfache Erkenntnisse sind vielen Verbrauchern unbekannt. Zum Beispiel, dass die langfristige Orientierung am Aktienmarkt zu fast sicheren Erträgen führt. Dabei genügt oft ein Blick auf den Verlauf der Kursentwicklung großer deutscher Unternehmen, wie sie im Aktienindex DAX versammelt sind, oder auf internationale Standardindizes, um über viele Jahre oder gar Jahrzehnte die vorherrschende Richtung zu erkennen: Es geht aufwärts.

Kein Geld, kein Wissen?

Dax-Anzeigetafel an der Börse in Frankfurt.
Dax-Anzeigetafel an der Börse in Frankfurt.
Quelle: Reuters

Zwei Drittel der in der neuen Studie Befragten geben an, dass sie wegen fehlender Kenntnisse oder mangelnden Vermögens keine Wertpapiere halten. Diesen Nicht-Aktienbesitzern stehen jene gegenüber, die sich getraut haben: Deren Auskünfte besagen, dass sie sich vor allem aus Wirtschaftsmedien informieren, also Presse, Internet, Fernsehen – alles Quellen, die jedem offenstehen, mit teils leicht verständlichen Anleitungen und Erklärungen.

Dazu kommt eine Bereitschaft, Kursschwankungen "auszusitzen" und einen längeren Anlagehorizont mitzubringen. Sie wissen ebenfalls, dass man heute mit relativ geringen Beträgen einsteigen kann – Daueraufträge zum Erwerb von Aktien oder auch Wertpapieren, die einen Index nachbilden (sogenannte ETFs), sind bei vielen Banken schon ab 25 Euro im Monat möglich. Über Jahre hinweg kommt auch so einiges zusammen, so das Deutsche Aktieninstitut. Natürlich besteht beim Engagement an der Börse ein Risiko, das sich jedoch mit zunehmender Dauer der Anlage verringert.

Laut Studienergebnis glaubt ein erheblicher Teil der Nichtaktienbesitzer jedoch an das genaue Gegenteil. Zusammen mit anderen, meist auf Unkenntnis beruhenden Überzeugungen, hindern solche Haltungen den Bürger natürlich daran, sich zu engagieren. Kaum beachtet wird offenbar, dass solide Großunternehmen Jahr für Jahr eine ansehnliche Dividende ausschütten – prozentual deutlich höherer Ertrag als bei mager verzinsten Sparbriefen oder Ähnlichem.

Im Sinne einer Beteiligung am Produktivkapital der Gesellschaft wäre eine höhere Zahl von privaten Anlegern an der Börse sicher willkommen: Firmen wie etwa die Deutsche Post weisen darauf hin, dass eine verlässliche Aktionärsbasis auch dabei hilft, kurzfristig orientierte Spekulanten unter den Großaktionären abzuschrecken. Doch da wird es wohl wirklich kompliziert…

Wege aus dem Dilemma?

Was tun? Das fragt auch die Studie zum Rätsel der fehlenden deutschen Aktienkultur. Und wie so oft, verweisen die Macher auf die Schule als Hort der Bildung. Aktienanlage kommt im Unterricht meist nicht vor, und auch die Lehrkräfte bringen selten die entsprechenden Voraussetzungen dafür mit, dieses Sachgebiet jugendgerecht zu vermitteln.

Dabei würde allein eine Zahl bereits Interesse wecken, glauben die Autoren: Gut acht Prozent Rendite brachte die Geldanlage in deutsche Standardaktien über die letzten zehn Jahre, von 2008 bis 2018, Finanzkrise hin oder her. Auf lange Sicht wirken die - aktuell jeweils als schlimm empfundenen Einbrüche des Marktes - nur noch wie kleine Dellen im Aufwärtstrend.

Fazit? "Die Leute wissen nicht, wie wenig sie wissen müssen", sagt Michael Grote, Vizepräsident der Frankfurt School of Finance. Kein Experte zu sein, könne am Aktienmarkt sogar einen Vorteil bedeuten. Man solle besser auf das Solide und Beständige setzen, statt mit übertrieben ausgefeilten Strategien vorzugehen. Es reiche völlig, Risiken nicht zu überschätzen – und Gewinnchancen als zu gering zu betrachten.

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