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Schriftsteller am Flughafen - Erzähl' mir meine Geschichte

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Am New Yorker Flughafen La Guardia können Reisende bei Schriftstellern Kurzgeschichten bestellen - jede eigens für sie geschrieben. Was bekommen sie da zu lesen, wenn sie landen?

Gideon Jacobs, Lexie Smith vom Projekt "ArtPort".
Die Schriftsteller Gideon Jacobs und Lexie Smith an ihrem Stand im Flughafen La Guardia in New York
Quelle: David Rothenberg

Die Maschine hebt pünktlich um 9.38 Uhr vom Flughafen La Guardia ab. Der Countdown läuft: Lexie Smith hat knapp drei Stunden Zeit, sich eine Geschichte für den Passagier an Bord des Jet Blue Fluges Nummer 971 auszudenken. Um 12.32 Uhr wird er in Fort Lauderdale landen, dann muss der Text fertig sein. Die Flugzeit bestimmt die Länge der Geschichte. "Eine echte Herausforderung sind die Flüge nach Boston", erklärt die 29 Jahre alte Autorin. "Die dauern gerade einmal 37 Minuten vom Start bis zur Landung." Lexies Geschichte für den Passagier auf dem Weg nach Florida handelt nicht von Strandpartys unter Palmen, sondern von Hamsterkäufen im Sportgeschäft und zweckentfremdeten Tennisbällen.

"Wir erfinden für jeden einzelnen Passagier eine eigene Geschichte", sagt Lexie Smith. "Wenn ich für ein Kind schreibe, das nach Florida fliegt, wird es natürlich ein anderer Text als für einen 50 Jahre alten Geschäftsreisenden, der nach Texas unterwegs ist." Manche Reisenden würden ihr etwas über sich erzählen, von anderen erfährt sie nur die Flugdaten.

Literarischer Reiseservice

Dreimal pro Woche sitzt Lexie Smith gemeinsam mit ihrem Kollegen Gideon Jacobs im Terminal A des La Guardia Flughafens. Zwischen Zeitungskiosk und Fast-Food-Imbiss bieten die beiden Autoren ihre Geschichten an. Sie lassen sich von Passagieren Flugnummer, Reiseziel und E-Mail-Adresse geben und schreiben drauflos.

"Landing Pages" nennen sie ihren literarischen Reiseservice. Durchschnittlich sechs Geschichten schreiben die beiden pro Tag. Die Shortstorys, Gedichte und Zeichnungen landen nicht nur auf den Smartphones ihrer Kunden. Ausgedruckt und mit Flugnummer und Datum versehen, hängen die aktuellen Geschichten auch an der holzgetäfelten Wand ihres Literaturstands. Außerdem sind sämtliche Texte online nachzulesen. "Wer weiß, vielleicht machen wir am Ende irgendwann ein Buch daraus."

Stipendium von 3.000 Dollar für "Artport"-Künstler

Das Projekt der beiden ist Teil der Kunstaktion "Artport". Sie wurde gemeinsam vom Flughafenbetreiber und der Kulturbehörde von Queens ins Leben gerufen. Ein Jahr lang bekommen junge New Yorker Künstler die Gelegenheit, für jeweils drei Monate ein Kunstprojekt am La Guardia Flughafen umzusetzen. Jeder Künstler erhält dabei ein Stipendium von 3.000 Dollar.

Knapp 30 Millionen Passagiere sind im vergangenen Jahr am La Guardia Airport abgeflogen oder angekommen. Es ist nicht nur New Yorks ältester Flughafen, er ist auch hoffnungslos überlastet und veraltet. Die Gebäude stammen zum Teil aus den 1930er Jahren.

"Wir bieten Kunst und Literatur als Kontrastprogramm zum Flugreise-Stress", erklärt Jacobs. Um potentielle Kunden anzulocken, haben Jacobs und Smith ein Schild aufgestellt: "Wir schreiben Ihnen eine Geschichte. Fragen Sie uns!", steht darauf. "Allerdings fragen Leute uns öfter mal, wo die Toiletten sind oder der Autoverleih", grinst Jacobs. Die Geschichte der beiden Schriftsteller in Terminal A endet Anfang Juli. Dann übernimmt Multimedia-Künstlerin Sandra Lopez-Monsalve den "Artport".

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