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Alarm in deutschen Klärwerken - Abwasser - aus den Augen, aus dem Sinn?

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Deutschland hat einen der besten Abwasserreinigungsstandards weltweit. Doch auch unsere Kläranlagen stoßen immer häufiger an ihre Grenzen. Schuld sind auch wir Verbraucher.

Kläranlage Beuel bei Bonn
Kläranlage Beuel bei Bonn
Quelle: Bundesstadt Bonn

Wenn Peter Esch, Leiter des Tiefbauamtes der Stadt Bonn, und damit verantwortlich für die vier Kläranlagen der Stadt, nach Problemen in seinen Anlagen gefragt wird, bekommt man spontan die Antwort: "Wattestäbchen, Zigarettenkippen und vor allem feuchtes Toilettenpapier bremsen die Pumpen aus und sorgen für Ausfälle." Ausgestattet mit einer dreistufigen Klärung, so wie die meisten Kläranlagen in Deutschland, schaffen die Bonner Anlagen ansonsten aber die gesetzlichen Vorgaben. Doch die Probleme mit festen und sichtbaren Bestandteilen des Abwassers sind nur ein Teil der Sorgen, die sich Esch sowie andere Betreiber von Kläranlagen in Deutschland derzeit machen.

Chemie-Cocktails und Keime

Denn zunehmend wird unser Abwasser mit gelösten, mehr oder weniger unsichtbaren Bestandteilen belastet. Spurenstoffe werden sie genannt und stammen aus Arzneimitteln und Chemikalien. Dabei weiß keiner, welche Stoffe genau in welcher Menge ins Abwasser gelangen und wie sie miteinander reagieren. Das Grundproblem der Analytik ist immanent. Man findet nur, was man sucht. Unbekannte Verbindungen bleiben auch unentdeckt. Das Risiko gefährlicher Chemie-Cocktails im Abwasser steigt also in dem Maße, in dem immer mehr Spurenstoffe eingeleitet werden.     

Hinzu kommen multiresistente Keime, die sich im Abwasser von Krankenhäusern und Tiermastbetrieben finden. Die großen Mengen Antibiotika, die in Hospitälern, vor allem aber in der Massentierhaltung verabreicht werden, führen zur Bildung dieser äußerst gefährlichen Keime. Auf derartige Stoffe und Keime sind unsere Kläranlagen jedoch nicht vorbereitet. Und so gelangen sie mit dem geklärten Abwasser in die Umwelt.

Endstation Kläranlage

Experten fordern daher die Errichtung einer vierten Reinigungsstufe in unseren Kläranlagen, um diese Stoffe wieder herauszufiltern. Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, BDEW, warnt jedoch vor einer trügerischen Sicherheit. Selbst eine vierte Reinigungsstufe könne längst nicht alles herausfiltern, was an Spurenstoffen im Wasser ist. Zumal nicht jeder neue Stoff mit einer neuen Klärstufe beantwortet werden könne. Viel wichtiger sei es daher, den Eintrag von Spurenstoffen und Keimen von vornherein zu reduzieren und nicht alle Verantwortung den Kläranlagenbetreibern zuzuschieben.

Klärbecken in Beuel
Klärbecken in Beuel
Quelle: Bundesstadt Bonn

Tatsächlich gibt es aktuell noch gar keine gesetzlichen Vorgaben zur Spurenstoffentfernung. Die Kläranlagenbetreiber wüssten also gar nicht genau, was sie bauen sollten. Bislang sind erst Pilotanlagen in Betrieb. Auf alle Fälle aber würde ein flächendeckender Einbau einer vierten Reinigungsstufe teuer. Nach Schätzungen des BDEW betrüge das Investitionsvolumen in Deutschland rund 37 Milliarden Euro. Hinzu kämen die sehr hohen Betriebskosten dieser energieintensiven Reinigung. Und diese Kosten hätten die Verbraucher zu tragen. Um bis zu 17 Prozent würden nach Berechnungen des BDEW die Abwassergebühren steigen.

Neue Strategien

Auf einer Konferenz am Dienstag dieser Woche in Berlin haben sich Unternehmen, Umweltverbände, Wasserwirtschaft, Länder, Kommunen und Bundesumweltministerium daher auf eine Spurenstoffstrategie geeinigt. Auch wenn die Keimproblematik dabei völlig außen vor bleibt, will man nun doch mehr Klarheit darüber gewinnen, welche Spurenstoffe für den Gewässerschutz besonders relevant sind. Dafür wurden Bewertungskriterien festgelegt. Zudem wollen die Hersteller konkrete Minderungsmaßnahmen für einzelne Spurenstoffe ergreifen. Außerdem will man prüfen, an welchen Kläranlagen in Deutschland eine erweiterte Abwasserbehandlung zur Elimination von Spurenstoffen besonders sinnvoll ist. Und schließlich sollen Informationskampagnen für einen gewässerschonenden Umgang sensibilisieren.

Zwar sehen Wasserwirtschaft und Umweltverbände noch einen erheblichen Nachbesserungsbedarf bei der Umsetzung der Herstellerverantwortung, doch zumindest Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ist sich des Erfolges der Strategie sicher. "Wir werden den Eintrag von Spurenstoffen in Gewässer reduzieren - von der Quelle bis zur Kläranlage", resümierte sie am Ende der Konferenz. Nicht nur Peter Esch in Bonn hofft, dass die Umweltministerin damit auch Recht behält.

Rolf Markert ist Redakteur der ZDF-Umweltredaktion.

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