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Küstengewässer - Albaniens versunkene Schätze

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Lange war Albanien abgeschottet, die Unterwasserwelt vor der Küste des Balkanstaates blieb viele Jahre unberührt. Inzwischen entdecken immer mehr Tauchtouristen das kleine Land am Mittelmeer - angelockt von alten Schiffswracks und versunkenen Schätzen.

Unmittelbar unter den Wellen ist es zunächst trüb. Doch wer etwas tiefer taucht, den erwartet ein erstaunlicher Anblick: Dutzende, wenn nicht Hunderte Amphoren, antike Tongefäße, ruhen auf dem Meeresgrund. Und es ist nicht der einzige Ort dieser Art vor der Küste von Albanien. Bloß eine kurze Bootsfahrt entfernt liegt das Wrack eines italienischen Schiffes aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bordwand ist längst Teil des maritimen Lebensraums. Im Inneren liegen noch immer persönliche Gegenstände der Soldaten herum.

Zwischen Schutz und Tourismus

Die albanischen Küstengewässer zählen zu den am wenigsten erkundeten der Welt. Dabei haben sie sehr viel zu bieten. Denn das kleine Land am Mittelmeer liegt an strategisch wichtiger Stelle, direkt am Eingang der Adria - gegenüber von Italien und unmittelbar nördlich von Griechenland. Schon vor mehr als 2.000 Jahren verliefen hier wichtige Handelswege, etwa zwischen Nordafrika und dem Römischen Reich. Und im Laufe der Zeit ließen Stürme und Kriege manches Schiff hier versinken.

"Nach allem, was ich bisher gesehen habe, kann man hier in Albanien selten mehr als ein paar Meter schwimmen, ohne auf etwas ganz Erstaunliches zu stoßen, ob kultur- oder naturhistorisch", sagt der Meeresforscher Derek Smith, der für die Organisation RPM Nautical Foundation seit zehn Jahren in den Gewässern des Balkanstaats taucht.

Auch die Behörden sind sich darüber im Klaren, was für Schätze vor den Küsten lagern - und welches Potenzial darin steckt. Die nationale Küstenagentur prüft derzeit, wie die versunkenen Attraktionen einerseits geschützt, andererseits trotzdem für Besucher zugänglich gemacht werden könnten. Für den Tourismus wäre es wirtschaftlich höchst interessant, neben den bisherigen Badegästen auch Sporttaucher aus aller Welt ins Land zu locken.

Enger Partner der EU und NATO-Mitglied

"Die Idee, das unter Wasser liegende Erbe des Landes zu präsentieren, ist für Albanien noch ganz neu", sagt Agenturchef Auron Tare, der seit zwölf Jahren mit RPM zusammenarbeitet. "Bisher ist auch nur sehr wenig über die reichhaltige Geschichte der albanischen Küste bekannt, vor allem was die Wracks angeht." Allmählich sei es aber an der Zeit, der Welt all diese Schätze zu zeigen.

Während des Kalten Krieges war Albanien fast noch abgeschotteter als heute Nordkorea. In den 90er Jahren folgte eine kurze Phase, in der kriminelle Banden das Land in praktisch gesetzloses Gebiet verwandelten. Seitdem hat sich viel getan. Albanien ist inzwischen enger Partner der EU und Mitglied der NATO. Die wirtschaftliche Entwicklung ist allerdings oft eher unkontrolliert verlaufen. Das zeigt sich nicht zuletzt an der wilden Bebauung der Küstenlinie. Von daher ist die Sorge groß, dass die neue Aufmerksamkeit für die Schätze des Meeres auch Plünderer anziehen könnte.

Fast 40 Wracks lokalisiert

Auch das Nachbarland Griechenland hatte lange Zeit große Probleme damit, eine illegale Ausbeutung des kulturellen Erbes zu verhindern. In Athen entschied man sich schließlich dafür, das Tauchen in der Nähe von historischen Wracks grundsätzlich zu verbieten - mit nur einigen wenigen Ausnahmen. Albanien plant eine etwas großzügigere Herangehensweise. Eine gesetzliche Regelung wird in Kürze erwartet.

"Aus meiner Sicht sollten die antiken Wracks in naher Zukunft zunächst der Wissenschaft zugänglich gemacht werden", sagt Tare. Die in den beiden Weltkriegen versunkenen Schiffe dagegen könnten innerhalb der nächsten fünf Jahre auch schon für Tauchtouristen freigegeben werden. Um selbst einen besseren Überblick zu gewinnen, ließ die Agentur von Tare gemeinsam mit RPM vor etwa einem Drittel der albanischen Küste den Meeresgrund genau kartieren; zum Teil mit eigenen Tauchern, zum Teil mithilfe von Echolot oder ferngesteuerten Unterwasser-Fahrzeugen. Dabei wurden fast 40 Wracks lokalisiert.

"Bisher haben wir Schiffswracks aus einer Zeitspanne dokumentiert, die vom dritten oder vierten Jahrhundert vor Christus bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg reicht", sagt Smith. Eines davon ist das sogenannte Joni Wreck mit den vielen gut erhaltenen Amphoren. Das einstige Handelsschiff hatte Schätzungen zufolge etwa vier Mann Besatzung. Dass die Fracht aus Nordafrika stamme, sei "sehr bedeutsam", sagt Mateusz Polakowski, der ebenfalls für RPM arbeitet. Dies sei ein Beleg für die damaligen Handelsbeziehungen zwischen der Adria und der nordafrikanischen Küstenregion.

Noch viel zu entdecken

Kleine Fische haben sich in den antiken Tongefäßen eingerichtet und schauen beim Herannahen von Tauchern aus den Öffnungen hervor. Die Amphoren stecken teilweise tief im Sand am Meeresgrund fest. Eine ausführliche Untersuchung des Fundorts steht noch bevor. Archäologen gehen aber davon aus, dass unterhalb des sichtbaren Teils noch weitere Schichten von Tongefäßen sowie der hölzerne Rumpf des Schiffes lagern.

"Viele der Wracks sind als kulturelles Erbe der Nation von großer Bedeutung", sagt Polakowski. Auch aus biologischer Sicht seien sie interessant, da sie sich zu künstlichen Riffs mit reichhaltigem Fischbestand entwickelt hätten. Aber vor allem könnten sie etwas zur "kulturellen Identität" des Landes beitragen. Ein Teil der albanischen Küste hätten sie inzwischen erkundet, sagt sein Kollege Smith. "Aber es gibt noch immer viel zu entdecken."

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