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100 Jahre Oktoberrevolution - Die Revolution der Frauen

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Die russische Revolution wurde nicht nur von Männern gemacht. Im Gegenteil, Frauen hatten daran entscheidenden Anteil. Das wurde später in der Sowjetunion verschwiegen.

Agitation der Petrograder Frauen (Aufnahme aus dem Jahre 1917)
Agitation der Petrograder Frauen (Aufnahme aus dem Jahre 1917) Quelle: picture alliance/Everett Collection

1917 ging es in Russland nicht nur um den Sturz des Zaren und die Abschaffung der Monarchie, sondern auch um die Gleichstellung von Mann und Frau. Seit der Französischen Revolution, die bürgerliche Rechte wie das Wahlrecht oder das Recht auf Bildung ausschließlich Männern zugestanden hatte, kämpften Frauen organisiert um die gleichen Rechte - auch in Russland. Alexandra Kollontai, eine junge, charismatische, russische Adelige, die dem engsten Kreis um Lenin angehörte, unterstützte ihn zwar bei Agitation und Geldbeschaffung. Doch parallel setzte sie durch, dass die Bolschewiken die rechtliche Gleichstellung der Frauen ins Parteiprogramm hoben.

Volkskommissarin Kollontai und die Befreiung der Frau

Nach der Oktoberrevolution bildete Lenin sein Kabinett aus Volkskommissaren, also "Ministern". Als einzige Frau berief er die Theoretikerin und Revolutionärin Alexandra Kollontai. Sie führte nun das Volkskommissariat für Bildung und Soziales und kümmerte sich beherzt um brennende Probleme: Millionen von Kriegsflüchtlingen, Kriegswitwen und Kriegswaisen. Gleichzeitig schuf sie schon 1918 das neue sowjetische Familiengesetz: Als erstes Land der Welt führte die Sowjetunion den Acht-Stunden-Tag für Frauen ein, bezahlten Mutterschaftsurlaub und die Legalisierung der Abtreibung. Gleichzeitig startete Kollontai eine ungeheure Bildungskampagne, denn fast 80 Prozent der Frauen in Russland waren damals Analphabetinnen. Sie wurden nun speziell gefördert.

Das sogenannte Zhenotdel, die Frauenkommission, im Zentralkomitee der Bolschewiken angesiedelt, organisierte die Realisierung der Frauengleichstellung und überprüfte landesweit deren Umsetzung. In den Sowjetrepubliken Mittelasiens, in denen hauptsächlich Frauen muslimischen Glaubens lebten, wurden - damals hochumstrittene - Entschleierungsaktionen durchgeführt. Mit dem nachhaltigen Effekt, dass auch muslimische Frauen in der Sowjetunion und im heutigen Russland völlig selbstverständlich gleichgestellt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Kollontais Utopie der "freien Liebe"

Kollontai war sich bewusst, dass die rechtliche Gleichstellung der Frau nicht ausreichte. Sie forderte auch die sexuelle Gleichberechtigung der Frau. Mit ihrer Utopie, die sie in Reden und Zeitschriftenartikeln verbreitete, umriss und gestaltete sie das Bild einer "neuen Frau". Diese sollte ihren Partner frei wählen können und weder finanziell noch emotional von ihm abhängig sein.

Der Mann an der Seite der "neuen Frau" sollte nicht mehr, wie noch zur Zarenzeit, Patriarch, Ernährer und Vormund sein, sondern ohne Verpflichtung die "freie Liebe" aus eigenem Willen mit ihr genießen. Hausarbeit und Kindererziehung sollten gemeinschaftlich geregelt und vom Staat bezahlt werden, sodass Mann wie Frau sich voll und ganz ihrer Berufstätigkeit widmen könnten. "Freie Liebe" bedeutete für Kollontai, dass Mann und Frau auch ohne Trauschein zusammenleben und die Beziehung jederzeit problemlos beenden konnten. Was vor 100 Jahren nicht nur im revolutionären Russland, sondern auch im Westen Europas hoch umstritten war, ist inzwischen in vielen Ländern Wirklichkeit geworden. Die sexuelle Revolution war hauptsächlich eine Revolution der Frauen.

Lenin und die Gleichstellung

Lenin und seine Weggefährten an der Führungsspitze der jungen Sowjetunion nahmen  privat eine konservative und autoritäre Haltung ein. Ihnen war Kollontais Utopie der freien Liebe suspekt. Zudem  wagte es Kollontai bald, öffentlich eine zu Lenin völlig konträre politische Linie zu vertreten, obwohl beide der gleichen Partei, den Bolschewiki, angehörten.

Kollontai gründete eine "Arbeiter-Opposition" und kritisierte Lenins roten Terror, der die demokratischen Ziele der Revolution erstickte und die junge Sowjetunion zur Diktatur machte. Diese Kritik ließ sich Lenin nicht gefallen. Er isolierte Kollontai in der Partei und ließ sie kaltstellen. Stalin erkannte die Nützlichkeit Kollontais als Aushängeschild der Sowjetunion und schickte sie als Diplomatin in Ausland - und ließ sich dann selbst als Vater der Frauenemanzipation feiern.  

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