Sie sind hier:

Interview mit Alfred Grosser - "Macron zittert um schwarz-rote Koalition"

Datum:

Kaum einer kennt die deutsch-französische Politik so gut wie Alfred Grosser. Im heute.de-Interview erklärt er, warum der Brexit doch nicht kommt und warum Macron auf GroKo setzt.

Verstehen sich gut: Emmanuel Macron (l) und Martin Schulz.
Verstehen sich gut: Emmanuel Macron (l) und Martin Schulz. Quelle: Maurice Weiss/POOL Stern/dpa

heute.de: Herr Grosser, wie interpretieren Sie die Reaktion von Angela Merkel auf die Sorbonne-Rede von Emmanuel Macron?

Alfred Grosser: Frau Merkel will nicht akzeptieren, was Macron vorschlägt, nämlich eine Eurozonen-Regierung. Es gibt keine Macht in der Eurozone. Die zu schaffen ist einer der Vorschläge von Macron. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Kanzlerin das eigentlich will. Sie bekennt sich zu einem begrenzten Europa, wo eigentlich nichts Neues geschieht. Keine gemeinsame Eurozonen-Regierung, keinen gemeinsamen Finanzminister. Denn das würde bedeuten, dass die Bundesrepublik mehr Geld geben muss.

heute.de: Und das wäre in Deutschland politisch schwer durchsetzbar? 

Grosser: Wenn die Bundesrepublik mehr Europa will, muss sie etwas dafür bezahlen. Aber diese Idee dringt nicht durch. Und ich glaube, das ist das Wesentliche an der ganzen Sache.

heute.de: Was würde es für das deutsch-französische Verhältnis bedeuten, wenn Macron keine Unterstützung bekommt?

Grosser: Macron zittert, dass die schwarz-rote Koalition kommt. Diese Koalition will er. Er hat sogar eingegriffen und das gesagt. Und die deutsch-französischen Beziehungen sind ein bisschen davon belastet, dass Macron Einfluss ausüben will auf die deutsche Koalitionsbildung. Aber er hat gesagt, was er denkt. Ohne Schwarz-Rot geht es nicht. Mit Schwarz-Rot geht es. Wenn Frau Merkel mit der SPD koaliert, läuft es für Macron gut.

heute.de: Spielt die SPD mit?

Grosser: Es gibt eine Reihe von SPD-Leuten, die sagen, jetzt müssen wir die Große Koalition machen, um das durchzubringen, was Macron will. Aber die SPD ist in einer schwierigen Lage. Beide Parteien haben verloren, die SPD hat noch mehr verloren. Und wenn die SPD wieder eine Große Koalition macht, bekommt sie das nächste Mal vielleicht keine zwanzig Prozent mehr.

heute.de: Wird Frau Merkel bei einer schwarz-roten Regierung auf einige von Macrons Vorschlägen eingehen?

Grosser: Das weiß ich nicht. Nur, dass eine schwarz-rote Koalition gut für die AfD ist. Dann sind die Verlierer der Wahl an der Macht. Das ist nicht gut für die Demokratie.

heute.de: Nationalistische Parteien haben in ganz Europa Wahlerfolge erzielt, auch weil sie mit der EU unzufrieden sind. Befeuert Macron nicht diese Unzufriedenheit, indem er noch mehr Verantwortung in die Hände der EU legen möchte? 

Grosser: Es ist gut, dass einmal ein regierender Mensch sagt, was er denkt und will. Die anderen sollen folgen, wenn sie wollen. Oder eben nicht.

heute.de: Die EU hat viele Bürger enttäuscht, weil sie ihre eigenen Gesetze über Jahre ignoriert hat. Warum sollten die Menschen noch mehr EU wollen?

Grosser: Man muss es ihnen erklären. Statt in den Medien immer zu sagen, alles sei negativ.

heute.de: Was sehen Sie als positiv an?

Grosser: Gehen Sie mal in irgend ein Land außerhalb Europas und die Frage wird beantwortet. Es gibt ein Europa und dieses Europa ist eine Kraft. Zwischen China, Amerika und Russland. Nicht einmal Deutschland kann weltweit wirken, wenn es nicht Europa gibt.

heute.de: Für viele ist Europa ein Fass ohne Boden. Deutschland ist mit 13 Milliarden Euro nicht nur der größte Nettozahler, sondern muss bald durch den Austritt von Großbritannien noch mehr zahlen.

Grosser: Wahrscheinlich wird es gar keinen Brexit geben. Das ist eine meiner wenigen Prophezeiungen. Am Ende der Verhandlung gibt es einen Text und der Text muss in Großbritannien einem Referendum unterzogen werden. Was werden dann die britischen Wähler sagen, wenn sie entdecken, dass Großbritannien alles verliert? Ich sehe nicht, wie Großbritannien dulden kann, soviel zu verlieren.

heute.de: Würde die Europäische Union denn ihre Arme wieder für Großbritannien öffnen? 

Grosser: Ja. Weil wir Großbritannien brauchen, moralisch und politisch. Und je größer Europa ist, desto besser. Wenn es ernst wird, ist es gut, Großbritannien dabei zu haben. Wir haben ja den gemeinsamen Brief von Angela Merkel, Theresa May und Emmanuel Macron an den verrückten amerikanischen Präsidenten gesehen. Darin sagen sie: Es wird nicht gerührt an dem Vertrag mit dem Iran. Und da waren die drei Europäer Großbritannien, Frankreich, Deutschland dann zusammen. 

heute.de: Welche Folgen hätte es, wenn der Brexit tatsächlich nicht kommt? Noch mehr Chaos?

Grosser: Das wäre kein Chaos, man wäre beim Nullpunkt zurück. Es gibt 800 Verträge von Großbritannien mit der EU. Wenn diese Verträge zu Ungunsten von London verhandelt werden, wie das momentan geplant ist, dann ist Großbritannien in hohen Verlusten. Es gehen ja schon die ganzen Institutionen weg. Und es ist noch gar kein Brexit da.

heute.de: Werden die Unternehmen zurückkehren, sollte Großbritannien in der EU bleiben? 

Grosser: Sehr schwierig. Alles ist auf den Brexit vorbereitet. Paris gewinnt auch einiges dabei. Ob es dann wieder zurückgeht, das wissen die Götter. 

Das Interview führte Madeleine Nissen

Frankreichs Präsident Macron will Europa grundlegend reformieren. Sogar von einer Neugründung ist die Rede. Wie, das erklärte er heute in einer lang erwarteten Rede an der Pariser Sorbonne-Universität.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.