Sie sind hier:

Algerien-Experte im Interview - "Die Frustration wird immer größer"

Datum:

Trotz der Reformversprechen der algerischen Regierung gehen die Massenproteste weiter. "Bouteflika will Zeit gewinnen", sagt Kader Abderrahim, sieht aber darin auch Gefahren.

Nach der Verschiebung der Präsidentenwahl halten die Proteste in Algerien weiter an. "Die Mehrheit der Algerier hat eine klare Position. Sie sagt: 'Es reicht.'", sagt Algerien-Experte Kader Abderrahim.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Tausende Demonstranten sind am Freitag erneut gegen die algerische Regierung von Präsident Abdelaziz Bouteflika auf die Straße gegangen. Einsatzfahrzeuge säumten schon am Freitagmorgen die Straßen von Algier und anderen Städten. Die Demonstranten forderten den Rücktritt des Staatsoberhaupts, mit Landesfahnen auf ihren Rücken riefen sie unter anderem "Bouteflika, raus mit dir" und versammelten sich auf öffentlichen Plätzen der Hauptstadt.

Der 82-jährige Bouteflika hatte am Montag nach wochenlangen Massenprotesten zwar auf eine fünfte Amtszeit verzichtet, zugleich aber die für April geplanten Präsidentenwahlen auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit bleibt er bis auf weiteres im Amt.

"Bouteflika will Zeit gewinnen", sagt Politologe und Algerien-Experte Kader Abderrahim dem ZDF. "Ich glaube ihm sogar, wenn er sagt, er wolle keine fünfte Amtszeit, aber es wird eine ausgedehnte vierte Amtszeit und wir wissen nicht, wie lange sie dauern wird. Das Handeln der Regierung sei unverantwortlich und könne auf Dauer gefährlich werden, so Abderrahim. "Die Frustration, vor allem bei den jungen Leuten, wird immer größer." Auch die algerische Opposition fordert den Rücktritt Bouteflikas, der seit 20 Jahren regiert und seit einem Schlaganfall vor sechs Jahren kaum noch in der Öffentlichkeit zu sehen ist.

Ein sinkendes Schiff

Vor allem Studenten zieht es in Algerien auf die Straßen.
Vor allem Studenten zieht es in Algerien auf die Straßen.
Quelle: Anis Belghoul/AP/dpa

Heute, am Tag des Gebets in den Moscheen, versammelten sich die Algerier erneut zu Demonstrationen in der Hauptstadt Algier und weiteren Städten. Unter den Protestierenden waren auch Frauen mit und ohne Kopftücher und Familienväter mit Kindern auf den Schultern.

Die Mehrheit der Algerier habe eine klare Position, sagt Kader Abderrahim. "Sie sagt: 'Es reicht.'" Dass die Algerier zusammenhalten, sei das wichtigste Phänomen. "Das war lange nicht der Fall. Jetzt stehen alle gemeinsam auf der Straße", so Abderrahim. Die algerischen Behörden stellten nach der Verschiebung der Präsidentenwahl einen politischen Reformprozess in Aussicht, nach dessen Abschluss die Wahl nachgeholt werden soll.

Der von Präsident Bouteflika neu ernannte algerische Ministerpräsident Noureddine Bedoui versprach eine rasche Regierungsumbildung. Spätestens kommende Woche werde das neue Kabinett stehen, sagte Bedoui am Donnerstag. Er rief alle Seiten auf, wieder Vertrauen aufzubauen, um die politische Krise in Algerien zu beenden. Die meisten jugendlichen Demonstranten sehen darin ein Manöver. "Der politische Wandel muss verhandelt und diskutiert werden - und zwar zwischen den jetzigen Machthabern und der Bevölkerung", sagt Kader Abderrahim. Das aktuelle System sei ein sinkendes Schiff. "Und wenn das Regime untergeht, besteht die Gefahr, dass es das ganze Land mit sich reißt."

Professor Kader A. Abderrahim, Jahrgang 1955, ist Politologe und Experte für die Themenbereiche Maghreb-Staaten und Islamismus. Er lehrt unter anderem am Institut für Internationale Beziehungen und Strategien (IRIS).

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.