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Volkskrankheit Adipositas - So werden Dicke im Stich gelassen

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Fett, faul und selbst schuld: Dicke müssen viele Vorurteile ertragen. Dabei könnte krankhaftes Übergewicht viel besser behandelt werden. Doch gute Programme fehlen noch.

Junge mit dickem Bauch im Schwimmbad
Jeder 7. ist zu dick Quelle: dpa

Adrian Anton hat es allein geschafft. Mehr als 30 Kilo sind schon runter. Seit er seinen inneren Kampf gegen das Übergewicht auch ins Netz trägt, sprechen ihm tausende Follower auf Instagram täglich Mut zu. Dabei hat der 31-Jährige mehrmals versucht, auch medizinischen Rat einzuholen: "Du gehst zum Arzt und sagst du willst abnehmen: 'Ahja, mach' Sport' kommt da meistens nur", sagt Adrian Anton. "Mir war von vorne herein klar, ich muss das selbst in die Hand nehmen – ich muss mich selbst um alles kümmern, mich über alles informieren, weil es nicht diese klassische Anlaufstelle gibt."

Kaum Hilfe vom Hausarzt

Wer wirklich abnehmen möchte und professionelle Unterstützung sucht, trägt im deutschen Gesundheitssystem einen Einzelkampf aus: Gegen die ersten Vorurteile in der Arztpraxis, gegen den späteren Bürokratieapparat der Krankenkassen. Die Behandlung wird an die Betroffenen abgegeben. Ein bundesweit einheitlicher Versorgungsplan, um Adipositas, also chronischer Fettleibigkeit, den Kampf anzusagen, existiert bisher nicht.

Jeder vierte Erwachsende stark fettleibig

Dabei ist nach Daten des Robert-Koch-Instituts jeder vierte Erwachsene in Deutschland (23,6 Prozent) mittlerweile stark übergewichtig. Laut dem unabhängigen Forschungsinstitut IGES kostet krankhaftes Übergewicht den Staat bis zu 29,4 Milliarden Euro - pro Jahr. Dabei sind indirekte Kosten, etwa durch Folgeerkrankungen oder Arbeitszeitausfall, noch nicht berücksichtigt. Insgesamt verursacht Adipositas damit schon jetzt höhere direkte Kosten, als für Tabak- und Alkoholkonsum zusammen anfallen.

Medizinische Ansätze, die stark übergewichtigen Menschen helfen könnten, gibt es längst: Sogenannte multimodale Programme, die ganzheitlich ansetzen: mit Ernährungstherapie, Bewegungs- und Verhaltenstherapie und - wenn nichts mehr hilft - einer Magenverkleinerung.

Jeder vierte Erwachsene bei uns ist zu dick. Viele fühlen sich vom Gesundheitssystem allein gelassen. Sollte die Politik da was machen? Die Themensendung mit Hanna Zimmermann.

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13 min
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Bundeseinheitliche Versorgung abgelehnt

Solch ein bundesweit einheitliches Programm für die Behandlung von Adipositas-Patienten lag schon einmal auf dem Tisch. Nicht mehr bei den Krankenkassen, sondern beim gemeinsamen Bundesausschuss (g-BA), der oft auch als "kleiner Gesetzgeber" im Gesundheitswesen bezeichnet wird.

In dem Gremium sitzen Vertreter der Krankenkassen und Krankenhäuser, Fachärzte und unparteiische Mitglieder. Patientenvertreter haben nur beratende Funktion. Genau dort wird verhandelt, für welche chronische Krankheit ein sogenanntes Disease Management Program (DMP) entwickelt werden sollte. Bisher existieren schon DMP für die Behandlung von Diabetes-Patienten oder Menschen mit Asthma Bronchiale. Weitere DMP, wie für die Behandlung von Depressionen oder chronischer Herzinsuffizienz, sind in Arbeit.

Andere Krankheiten waren wichtiger

Für Adipositas wurde ein solches Versorgungsprogramm im Mai 2014 vom gemeinsamen Bundesausschuss abgelehnt. Die Begründung: Die Wissenschaft sei noch nicht weit genug. Mit dem derzeitigen Erkenntnisstand sei nicht abschließend bewiesen, dass durch ein Adipositas-DMP weniger Menschen durch krankhaftes Übergewicht sterben - oder dass die meisten Patienten langfristig wirklich stark an Gewicht verlieren würden.

Hinzu kämen begrenzte Mittel für Versorgungsprogramme, wie es auch Dr. med. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im g-BA, begründet: "Wir hatten insgesamt über 20 neue Themenvorschläge für chronische Erkrankungen, für die ein strukturiertes Behandlungsprogramm in Betracht gezogen werden kann", erklärt Regina Klakow-Franck. "Bei der Priorisierung, also bei der abschließenden Bewertung ist dann eben der Zuschlag zugunsten anderer Erkrankungen ausgefallen." Den Vorwurf, dass der gemeinsame Bundesausschuss nicht vielleicht auch vor den hohen Kosten für ein Adipositas-DMP zurückgeschreckt ist, weist Regina Klakow-Franck zurück: "Alles was wir machen, kostet Geld. Das Wirtschaftlichkeitsgebot zu beachten ist eine zwingende und auch qualitativ richtige Entscheidung. Und man muss abwägen, ob der finanzielle Aufwand, den man betreibt in einem ausgewogenen Verhältnis steht zu dem Nutzen, der für die Patienten für die Versorgung zu erwarten ist."

Rückschlag für Adipositas-Verbände

Adipositas-Organisationen sehen den Fall anders: "Wenn wir Adipositas besser behandeln, könnten wir auch die Folgeerkrankungen besser versorgen", erklärt Prof. Dr. Matthias Blüher, Vorsitzender der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. "Auch deshalb war die Begründung des g-BA für uns nur schwer nachvollziehbar, weil sie auf einfacher Prioritätensetzung beruhte. Ein DMP für Adipositas ist also nicht prinzipiell abgelehnt worden, weil es keine Relevanz für die Gesellschaft hat, sondern weil die Prioritäten für andere Erkrankungen höher angesehen wurden."

Mit Adipositas-Petition in den Bundestag

Und die Folgeerkrankungen durch starkes Übergewicht haben es in sich: Diabetes, Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sogar Krebserkrankungen sind möglich. Zeit für Adipositas-Verbände also, das Problem selbst in die Hand zu nehmen: "Mein Mann und ich haben eine Petition gestartet, weil wir nicht wollen, dass nur die schwersten Adipositas-Fälle mit einer OP behandelt werden", sagt Stefanie Wirtz, Vorsitzende der Adipositas-Hilfe Nord. "Es muss auch ein Behandlungskonzept geben, das früher ansetzt."

Über den Petitionsausschuss des Bundestags wollen die Adipositas-Organisationen so eine politische Entscheidung herbeiführen, die über den gemeinsamen Bundesausschuss hinweg zu Stande kommt. Dafür müssen die Organisationen zunächst 50.000 Unterschriften sammeln. Die Online-Petition endet am 26. Juni. Selbst wenn die Petition dann auf den Tischen der Politiker landet, wird es aber noch dauern, bis Menschen mit starkem Übergewicht im deutschen Gesundheitssystem angemessen versorgt werden. Bleibt nur die Frage, ob viele Patienten so lange überhaupt noch warten können.

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