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Allianz gegen islamistischen Terror - "Pakistan ist ein schwieriger Partner"

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Pakistan gilt als Zufluchtsort für islamistische Terroristen - und als eine Brutstätte des militanten Islamismus. Zugleich ist das Land Verbündeter des Westens im Kampf gegen den Terror. Diese Mischung macht Pakistan zu einem schwierigen Partner, sagt Südasienexperte Christian Wagner im heute.de-Interview.

Indiens Minderheiten in Gefahr.

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6 min
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heute.de: Welche Rolle spielt Pakistan im internationalen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus?

Christian Wagner: Pakistan ist einer der wichtigsten Verbündeten des Westens im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Zugleich ist es ein schwieriger Partner, weil es in Pakistan eine Reihe von militanten Gruppen gibt, die in Afghanistan aktiv sind.

heute.de: Wer versorgt das Land mit den notwendigen militärischen Ausrüstungen und Geheimdienstinformationen?

Wagner: Pakistan arbeitet schon lange militärisch mit westlichen Staaten zusammen, allen voran mit den USA, aber auch mit China. In Pakistan ist bereits eine Reihe von Al-Kaida -Mitgliedern verhaftet worden. Pakistan hat daran ein Interesse, denn es leidet selbst mit am stärksten unter dem islamistischen Terror.

heute.de: Schmälert die aktuelle Regierungskrise in Islamabad die Zuverlässigkeit des Landes?

Wagner: Nein, denn die Sicherheitspolitik und die Beziehungen zu den Nachbarstaaten sowie zu den USA werden maßgeblich vom Militär und weniger von der jeweiligen Regierung bestimmt.

heute.de: Die US-Regierung diskutiert derzeit ihr Verhältnis zu Pakistan. Wie wird es künftig aussehen?
Wagner: Die Pakistan-Politik der USA wird im Wesentlichen vom amerikanischen Engagement in Afghanistan bestimmt. Die USA setzen darauf, dass Pakistan in der Lage ist, die Taliban in Afghanistan an den Verhandlungstisch zu bringen. Auf der anderen Seite weiß man auch, das militante Gruppen wie das Haqqani-Netzwerk, die gegen die Regierung in Kabul kämpfen, weiter Unterstützung aus Pakistan erhalten. Die neue Politik der Trump-Administration beinhaltet klare Vorgaben zum Beispiel für die Bekämpfung militanter Gruppen in Afghanistan. Sofern Pakistan aus der Sicht der USA diese Vorgaben nicht einhält, ist mit Sanktionen gegen Pakistan zu rechnen. Dies dürfte das bilaterale Verhältnis weiter belasten.

heute.de: Als 2011 US-Militärs den Al-Kaida-Chef Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad töteten, war das pakistanische Militär sehr verschnupft, weil es in die Aktion nicht eingebunden war. Ist es klug, den Druck von Seiten der USA zu erhöhen?

Wagner: Washington hat stets darauf gedrungen, dass Pakistan gegen alle militanten Gruppen vorgeht. Durch Anschläge in Pakistan, unter anderem auf eine Armeeschule, hat ein Umdenken in den Streitkräften stattgefunden. Seit 2013 geht die pakistanische Armee gegen die Rückzugsgebiete von militanten Gruppen in den Stammesgebieten vor. Dennoch bleibt Pakistan ein widersprüchlicher Verbündeter im Anti-Terror-Kampf.

heute.de: Welche Rolle spielt der pakistanische Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) in der Armee?

Wagner: Der ISI ist der Auslandsgeheimdienst der Streitkräfte. Er hat in den 1990er Jahren die Taliban in Afghanistan unterstützt. Die Kontrolle Afghanistans mit Hilfe der Taliban sollte Pakistan eine strategische Tiefe im nächsten Konflikt mit Indien sichern. Ein Teil der Taliban hat sich mittlerweile gegen Pakistan gewandt und kämpft für die Errichtung eines Talibanstaates in Pakistan.

Das alles hat dazu geführt, dass die Streitkräfte inzwischen eine wesentlich größere Distanz zu extremistischen Ideen pflegen. Dennoch versuchen sie über einige der militanten Gruppen, den Einfluss Pakistans in Afghanistan auszubauen.

heute.de: Warum?

Wagner: Pakistan fürchtet sich mittlerweile vor einer Einkreisung durch Indien. Indien ist der größte nicht-westliche Geber in Afghanistan und unterstützt wie der Westen die afghanische Regierung im Kampf gegen die Taliban. Zugleich genießt Indien im Unterschied zu Pakistan ein deutlich größeres Ansehen in Afghanistan.

heute.de: Pakistan ist nicht nur Zufluchtsort für Terroristen, sondern auch eine Brutstätte des militanten Islamismus. In einigen der 20.000 Koranschulen lernen vor allem arme Kinder weniger Schreiben und Lesen als den Kampf gegen alles Ungläubige. Warum geht die Regierung nicht dagegen vor?

Wagner: Die Regierung versucht die Koranschulen zu registrieren, die Lehrpläne zu reformieren und zu modernisieren, um das extremistische Gedankengut zurückzudrängen. Aber es ist ein langwieriger und schwieriger Prozess. Die Koranschulen sind auch teilweise deshalb so attraktiv, weil das staatliche Schulsystem vor allem in den ländlichen Regionen schwach ist.

heute.de: Wer finanziert die Koranschulen?

Wagner: Viel Unterstützung kommt aus den Golfstaaten. Pakistan ist eine islamische Republik und verfügt traditionell gute Beziehungen zu den Golfstaaten.

heute.de: Pakistan verfügt über Atomwaffen, gehört aber nicht zu den fünf offiziellen Atommächten USA, Frankreich, England, Russland und China. Wer kontrolliert das pakistanische Arsenal?

Wagner: Das Nukleararsenal dient als Abschreckung gegen Indien und wird von den Streitkräften kontrolliert. Zwischen beiden Ländern gibt es nicht viele aber einige vertrauensbildende Maßnahmen, um zu verhindern, dass es zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommt.

heute.de: Welche?

Wagner: Beide Staaten tauschen Listen aus über nukleare Installationen, die im Kriegsfall nicht angegriffen werden sollten, und informieren sich über Raketentests. Diese Mechanismen können zwar keine neue regionale Krise zwischen Pakistan und Indien verhindern, aber sie können doch dazu beitragen, dass es nicht zu einer nuklearen Eskalation im Krisenfall kommt. Käme es zu einer Eskalation, dann hätten die Raketen nur eine Flugzeit von weniger als fünf Minuten. Das wäre das Ende jeder Diplomatie.

heute.de: Wir müssen uns also darauf verlassen, dass sich beide Staaten immer einigen können?

Wagner: Es ist natürlich auch ein Anliegen der internationalen Gemeinschaft. Sowohl die USA wie auch China haben ein massives Interesse daran, dass die Atomwaffen sicher sind und nicht eingesetzt werden. Die USA arbeiten auch eng mit Pakistan bei Fragen der nuklearen Sicherheit zusammen.

heute.de: Wer kann verhindern, dass diese Waffen Islamisten in die Hände fallen?

Wagner: Das ist eines der größten sicherheitspolitischen Probleme Pakistans. Die Armee versucht stärker als früher, die Mitarbeiter im Atomprogramm zu kontrollieren und zu schulen. Aber es gibt nur wenig öffentlich zugängliche Informationen zu diesem hochsensiblen Bereich.

heute.de: Ist die atomare Gefahr aus Pakistan größer als die, die derzeit von Nordkorea ausgeht?

Wagner: Pakistan und Indien sind sehr viel stärker in die internationale Gemeinschaft eingebunden als das isolierte nordkoreanische Regime. In beiden Staaten ist ein höheres Maß an Rationalität im Umgang mit ihren Nuklearprogrammen zu erkennen als in Pjöngjang.

Das Interview führte Katharina Sperber

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