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Bilanz - Allianz: Raus aus der Kohle

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Bürgerversicherung? Bloß nicht. Die Bilanz-PK der Allianz gerät ziemlich politisch. Auch will Europas größter Versicherer keine Kohlekraftwerke mehr versichern.

Flagge mit Allianz-Logo
Quelle: dpa

Smart. Der erste Eindruck von Oliver Bäte. Der Vorstandschef der Allianz SE ärgert sich über zu viele Anglizismen in seiner Präsentation und jongliert doch mit ihnen, als habe er sie mit der Muttermilch aufgesogen. Vermutlich muss das so sein. Der "Net Promoter Score NPS"  - vulgo "Kundenzufriedenheit" - habe sich um fünf Prozentpunkte verbessert. Der "Inclusive Meritocracy Index IMIX" sei um zwei Prozent gestiegen. Mit ihm misst der Versicherungskonzern unter anderem das Engagement seiner Mitarbeiter.

Zahlen können sich sehen lassen

In der Welt von Oliver Bäte gibt es nur wenig, das sich nicht in Algorithmen pressen und mit einer Kennzahl ausdrücken lässt. Und die Zahlen - seine Zahlen - können sich sehen lassen: 2017 machte die Allianz weltweit einen Umsatz von 126 Milliarden Euro (plus drei Prozent) und einen Gewinn von 11,1 Milliarden Euro (plus 0,4 Prozent). Nicht berauschend, aber solide.

Was auffällt: Den Bereich Digitalisierung spricht Bäte während seines Berichts nicht ein einziges Mal an. Für viele große Unternehmen ist Digitalisierung ein Blumentopf-Thema. Investoren hören es gerne, es ist voller Anglizismen und Abkürzungen, die vor allem nach einem klingen: "Future". Nicht für die Allianz. "Ich habe das Thema nicht angesprochen, weil ich wusste, dass Sie es in Ihren Fragen tun werden", sagt Oliver Bäte. Smart. In der Tat gibt es an der Digital-Strategie der Allianz deutliche Kritik. Der wichtigste Punkt: Es gibt keine.

Digitalisierung ist mehr als Technologie

Stattdessen habe jeder Allianz-Ableger auf der Welt einen eigenen Weg ins globale Netz beschritten. Eine Abteilung, die das koordinieren sollte, und den schneidigen Namen "Global Digital Factory" trägt, stritt sich mehr mit den einzelnen Landesgesellschaften, als das man zu einer einheitlichen Lösung gefunden hätte. "Wir sind mit diesem Thema noch lange nicht fertig", gibt Oliver Bäte unumwunden zu. "Wir haben das Problem, dass wir zwar viel Knowhow gesammelt haben, die Kunden unsere Lösungen aber als zu kompliziert empfinden." Digitalisierung sei mehr als nur Technologie, sagt der Allianz-Chef. "Die Prozesse müssen einfach und verständlich sein."

Riesige Herausforderungen für die Allianz und die Autoindustrie sieht Bäte beispielsweise beim Thema Autonomes Fahren. "Wenn die Menschen künftig in selbstfahrenden Taxis unterwegs sind, statt im eigenen Auto, wird die Haftungsfrage eine ganz entscheidende", stellt Bäte fest. "Wer versichert die Schäden, die durch defekte Sensoren entstehen? Wer versichert ein globales Mobilitäts-System?" Das könne ein Versicherer allein unmöglich leisten. "Klar ist für die Allianz: Wir wollen dabei sein", sagt der Konzernchef. Dazu arbeite sein Unternehmen mit vielen Entwicklern aus aller Welt zusammen. Genaueres will er dazu nicht preisgeben.

Lebensversicherungsgeschäft läuft gut für die Allianz

Besser als den digitalen Wandel hat die Allianz die massiven Veränderungen im Geschäft mit Lebensversicherungen bewältigt. "80 Prozent unseres Neugeschäfts entfallen auf Verträge ohne Zinsgarantie", stellt Bäte fest, und es scheint fast so, als sei er selbst über diese Zahl überrascht. Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank stellt die Lebensversicherer seit Jahren vor ein Problem: Ihre Produkte werden weniger attraktiv, weil sie - wenn überhaupt - nur noch einen minimalen Garantiezins in Aussicht stellen können. Heute garantiert die Allianz ihren Kunden nur noch den Kapitalerhalt. Wer "mehr" will, kann auch spekulativere Lebensversicherungen auswählen. Da wird dann ein bestimmter Teil des Anlagekapitals etwa in Aktien investiert. "Unsere Kunden wollen eine Mischung aus Sicherheit und Rendite. Und sie wissen, dass, wenn sie mehr Rendite wollen, auch das Risiko steigt", sagt Günther Thallinger, der bei der Allianz den Bereich der Lebens- und Krankenversicherungen verantwortet.

Apropos (private) Krankenversicherung. Es scheint, als habe Oliver Bäte, der Konzernchef, nur darauf gewartet: "Die Lösung für zu lange Wartezeiten auf Arzttermine liegt für Kassenpatienten sicher nicht in einer Bürgerversicherung", führt er aus. Das höre sich zwar toll an, aber keine wisse, was sich tatsächlich dahinter verberge. "Es kann nicht sein, dass am Ende alle gleich lang auf einen Arzttermin warten müssen, sondern wir müssen dafür sorgen, dass jeder Zugang zu hervorragender Medizin zu vertretbaren Kosten hat." Da klingt Bäte weniger wie ein Unternehmens-Chef, sondern wie ein Politiker im Wahlkampf. Und er belässt es nicht dabei: "Mit Sozialismus wird man das Problem nicht lösen."

Naturkatastrophen gut überstanden 

Doch es waren nicht nur politisch zwölf turbulente Monate. "Durch die Naturkatastrophen in der Karibik und den Vereinigten Staaten, war 2017 für die Versicherer das teuerste Jahr", konstatiert Oliver Bäte. Es habe durch Stürme, Erdbeben und Waldbrände Versicherungsschäden in Höhe von 45 bis 50 Milliarden Euro gegeben. "Die Allianz ist mit Kosten in Höhe von knapp über einer Milliarde Euro da sehr gut durchgekommen, nicht zuletzt, weil wir uns aus Risikogebieten frühzeitig zurückgezogen haben."

Extreme Wetterlagen werden nach Einschätzung von Klimaexperten der Allianz weiter zunehmen, "auch wenn es einige auf der Welt gibt, die das verneinen", sagt Bäte und es wird ziemlich klar, wen er damit meint. Doch auch in Deutschland müsse man sich auf mehr Unwetter einstellen. "Wir sind derzeit etwa in Gesprächen mit der Bahn, wie man Zugstrecken niedriger legen und die Züge damit weniger anfällig für Stürme machen kann", sagt Bäte.

Für die Allianz ist das Klima also ganz klar auch ein finanzieller Faktor. Und wieder ein politisches Statement. Bäte will den Klimaschutz im Sektor Kohle anpacken. Schon vor einiger Zeit sei die Allianz hier aus Investments ausgestiegen, jetzt soll die Zusammenarbeit mit Kraftwerksbetreibern eingestellt werden. Nicht im "Hauruck-Verfahren", wie es einige Umweltverbände fordern, sondern in Kooperation. Aber "die Richtung ist eindeutig: Raus!"

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