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Als EU-Studentin in England - Über Worst-Case-Szenario will keiner sprechen

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"Und im März fliegen wir dann raus." Es ist ein Brexit-Witz, den EU-Bürger in Großbritannien derzeit gerne machen. Er trifft auf Lachen mit einem bitteren Beigeschmack.

Proteste gegen Brexit in Liverpool (Archivbild vom 23.09.2018)
Proteste gegen Brexit in Liverpool (Archivbild vom 23.09.2018)
Quelle: ap

EU-Bürger in Großbritannien - wie auch britische Bürger in der EU - wissen bisher nicht, wie sie der Austritt Großbritanniens aus der EU ab dem 29. März 2019 betreffen wird. Im September bin ich zum Masterstudium nach Liverpool in den Norden Englands gezogen. Als EU-Studentin in Großbritannien werde ich den Brexit im März hautnah miterleben. Während auf politischer Ebene weiter heiß diskutiert wird, herrscht im Alltag viel Unklarheit.

Wird nach Brexit ein Visum benötigt?

Diese Unklarheit lässt auch viel Raum für Spekulationen. So hört man davon, dass EU-Bürger nach dem 29. März ein Visum für den weiteren Aufenthalt in Großbritannien bräuchten, dass die Entscheidung darüber aber auch so spät fallen könnte, dass keine Zeit mehr bliebe, das Visum rechtzeitig zu beantragen. Es sind Spekulationen wie diese, die EU-Bürger dazu bringen, immer wieder Witze über den Brexit zu machen. Denn Humor hilft ja bekanntlich immer. "Es ist immer ein guter Zeitpunkt für einen Brexit-Witz", so ein Kommilitone aus Belgien, der bereits seit zehn Jahren in England wohnt und nun trotzdem um seinen Status nach dem 29. März 2019 bangen muss.

Seitens der Universität und auch des Home Office, der britischen Einwanderungsbehörde, hört man unterdessen eher optimistische Töne. Bei einer Informationsveranstaltung speziell für EU-Studierende während der Orientierungswoche an der Universität wurde uns gesagt, dass wir bis Ende 2020 sicher keine Maßnahmen ergreifen müssten. Eine Studentin aus Frankreich hakte nach, was denn aber sei, wenn es nun doch zum harten Brexit komme. "Es wird schon alles gut gehen", so die Antwort in voller Überzeugung.

Bei den Briten scheint das derzeit das Mantra zu sein. Im Rheinland, meiner Heimat, kennt man dieses Mantra als Artikel 3 des Kölschen Grundgesetzes: "Et hätt noch emmer joot jejange." Das Ganze heißt so viel wie: "Wir wissen es ist Murks, aber es wird schon irgendwie gut gehen." Über das Worst-Case-Szenario will niemand so recht sprechen.

Brexit-Unklarheiten erschweren Wohnungssuche

Der Brexit spielte auch schon im Vorfeld meines Umzugs eine Rolle, so zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Im Moment haben EU-Bürger in Großbritannien das Recht, privat Wohnungen und Häuser zu mieten. Ob und was sich daran im März ändern könnte, ist bisher unklar. In Großbritannien sind Vermieter dazu verpflichtet, den Einwanderungsstatus potenzieller Mieter zu überprüfen, befinden sich also in der Rolle einer Art Einwanderungspolizei. Mit der Unklarheit über den rechtlichen Status von EU-Bürgern nach dem Brexit im März, so wurde mir im Vorfeld meiner Wohnungssuche mitgeteilt, seien viele Vermieter grundsätzlich eher abgeneigt, EU-Mieter anzunehmen, um potenzielle Mietrechtsdiskussionen in Folge des Brexits zu vermeiden.

Die Universität legte mir nahe, mich um einen Wohnheimplatz auf dem Campus zu bewerben. Nicht zuletzt auch unter Einbezug des "Brexit-Arguments" entschied ich mich dafür. Hier garantiert mir die Universität, dass ich über den Brexit hinaus bei gleichbleibenden Konditionen im Wohnheim unterkommen kann. Das Gleiche gilt auch für die Studiengebühren, welche die Universität erhebt. Derzeit dürfen EU-Studierende die gleichen Studiengebühren wie einheimische Studierende zahlen. Nach dem Brexit, so der aktuelle Stand, müssten EU-Studierende dann die Gebühren für internationale Studierende bezahlen, also fast dreimal so viel wie vorher. Ich persönlich hätte mir das Masterstudium in Großbritannien unter diesen Bedingungen dann nicht mehr leisten können.

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