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Bilanz des Bundestagswahlkampfs 2017 - Sogar noch spannend - der Wahlkampf im Rückblick

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Seit 8 Uhr haben die Wahllokale geöffnet - der Bundestagswahlkampf 2017 ist zu Ende. Was zeitweise wie ein gemütlicher Durchmarsch von Angela Merkel aussah, ist noch zu einem spannenden Showdown geworden. Und nicht nur, weil die AfD zur drittstärksten Kraft werden könnte.

Für die CSU bleibt dieser Wahlkampf eine Herausforderung: Distanz zur Kanzlerin und ihrer Flüchtlingspolitik einerseits, Abgrenzung zur AfD auf der anderen Seite. Da Kurs zu halten ist nicht immer leicht.Die absolute Mehrheit in Bayern scheint bedroht.

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Der Wahlabend des 24. September 2017 kann zu einem besonderen Moment werden: Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Verlierer als Gewinner geben. Verlierer, die vor Wochen noch wie die klaren Sieger aussahen, die auf den letzten Metern die Kraft verlassen hat. Angela Merkel und ihre Union könnten - wenn man die Umfragen der letzten Wochen analysiert - bei einem Ergebnis landen, das alles andere als schmeichelhaft für die Kanzlerin ist.

Mathis Feldhoff
Mathis Feldhoff, Hauptstadtstudio Berlin

Vor vier Jahren hatte Merkel 41,5 Prozent der Zweitstimmen erreicht. Ein Sensationsergebnis damals, das beste seit den 90er Jahren. Diesmal wird der Balken deutlich ins Minus drehen, die Stärke der Kanzlerin bröckelt. Die Krisen um den Euro und die Flüchtlinge hinterlassen ihre Spuren.

Die SPD muss sich neu erfinden

Die Sozialdemokraten werden wohl der zweite große Verlierer sein. Seit Wochen fragen sich Partei und Öffentlichkeit gleichermaßen, ob das SPD-Ergebnis über oder unter 20 Prozent bleibt. Sollte man unter 23 Prozent bleiben, wäre es das schlechteste Ergebnis seit der ersten Bundestagswahl 1949. Von der sozialdemokratischen Anfangseuphorie des Jahres ist acht Monate später nichts mehr übrig. Der 100-Prozent-Mann Martin Schulz hat seine Mission nicht erfüllt. Die SPD wird sich neu erfinden müssen.

"Urgrüne" Themen zünden nicht

Und noch eine dritte Kraft kommt an ihre Grenzen: die Grünen. Vor ein paar Jahren noch als neue Volkspartei gehypt, sind sie inzwischen ein Schatten ihrer selbst. Interne Flügelkämpfe um Programme und Mandate haben sie zerrieben, selbst "urgrüne" Themen wie die Klimadebatte oder der Dieselskandal können sie nicht für sich nutzen.

Ähnliches gilt für die Linke. Auch sie tritt auf der Stelle. Denn eine Koalitionsfähigkeit zu SPD und Grünen wird von genau denen schon lange zurückgewiesen. Es ist die linke Haltung zu NATO und Bundeswehreinsätzen, die eine linke Mehrheit seit langem unmöglich macht.

Die One-Man-Show

Bleiben die vermeintlichen Gewinner. Die FDP und ihr Comeback-Kid Christian Lindner. Quasi als One-Man-Show hat Lindner die Liberalen nach dem Katastrophenjahr 2013 wieder aufgerichtet. Ein neuer programmatischer Schwerpunkt bei Bildung und Digitalisierung, ein neues Image und eine neue Optik sollen den Eindruck einer neuen Partei erzeugen. In den Umfragen erfüllt Lindner seine Versprechen. Welche FDP da aber tatsächlich in den Bundestag einziehen wird, wie weit diese von der Westerwelle-Rösler-Brüderle-FDP entfernt ist, ist noch offen.

Gewinner AfD

Und dann ist da - schon vor der Schließung der Wahllokale um 18 Uhr heute - der große Gewinner der Wahl: die AfD. Die Partei, die sich in den letzten Jahren von der Anti-Euro-Partei zu einer rechtspopulistischen Truppe hart an der Kante zur Verfassungsfeindlichkeit entwickelt hat, wird mit einer überzeugenden Anzahl von Mandaten in den Bundestag einziehen.

Lange wurden sie während des Wahlkampfes unterschätzt. Das Absinken im Frühjahr auf nur noch sieben Prozent führte bei manchem Wahlkampfstrategen offenbar dazu, die Rechtsaußen-Partei nicht richtig ernst zu nehmen. Jetzt am Wahltag liegt sie wieder bei zehn Prozent und könnte damit drittstärkste Kraft im Parlament werden.

Letzte Attacken auf die Populisten

Nicht schwer auszumalen, dass sich das Klima im Bundestag verändert, wenn künftig nach dem Regierungschef - oder der Regierungschefin - Alexander Gauland die Debatte als Oppositionsführer eröffnen wird. Gemütlicher wird es auf jeden Fall nicht. Dass die CSU sich in den letzten 14 Tagen des Wahlkampfes noch mal intensiv die AfD als Gegner vorgenommen hat und deren fremdenfeindliche und radikale Töne anprangerte, kam für eine Trendumkehr deutlich zu spät. Aber es sagt viel über die Nervosität der Union mit Blick auf den rechten Rand des Parteienspektrums.

SPD-Themen verpuffen

Es bleibt der Rückblick auf einen Wahlkampf, der erst in den letzten Wochen seine Höhepunkte hatte. Lange plätscherte die Auseinandersetzung der Parteien so dahin. Während die Merkel-CDU gar kein Interesse daran hatte, die Debatte zu erhitzen, versuchte Gegenkandidat Schulz mit immer neuen Themen die Kanzlerin in ein Duell zu zwingen. Gerechtigkeit, Steuer- oder Rentenpolitik, Dieselgate. Nichts zündete so richtig. Während des Sommers interessierte sich der Wähler nur am Rande für das parteipolitische Geplänkel.

Der Kampf um Platz drei

Erst der langsame Einbruch Merkels am Ende und der hitzige Kampf um Platz drei brachte Bewegung. Angela Merkel musste sich damit auseinandersetzen, dass fast alle ihrer öffentlichen Kundgebungen durch angereiste Störer begleitet wurden. Oft so laut, dass das interessierte Publikum kaum ein Wort verstehen konnte. Dass AfD-Funktionäre, ohne große Kritik, zugeben konnten, dass sie für die Bus-Shuttle der Merkel-Störer verantwortlich waren, zeigt: Das Klima dieses Wahlkampfes ist deutlich rauer geworden. Ein Vorgeschmack dessen, was im neuen Parlament zu erwarten ist.

Das Scheitern des Wohlfühl-Wahlkampfes

Angela Merkel und ihre Strategen hatten sich zwar auf einen harten und kontroversen Wahlkampf vorbereitet, aber sich nach den Niederlagen der SPD bei den drei Landtagswahlen im Frühjahr dazu entschieden, wieder auf einen Wohlfühl-Wahlkampf zu schalten. Schon vor vier Jahren hatte Merkel sich im TV-Duell gegen Herausforderer Steinbrück mit den Worten "Sie kennen mich" verabschiedet.

Auch der Wahlkampf 2017 war einem sehr ähnlichen Grundton gewidmet. Angela Merkel wusste schon, dass ihre Beliebtheit in der Flüchtlingskrise stark gelitten hat. Aber dass die Union jetzt eher im mittleren 30-Prozent-Bereich landen könnte, statt bei satten 40 plus, dass überrascht jetzt doch. Dass das Ergebnis am Ende alles andere befriedigend für die Union sein wird, wurde lange von den schlechten Werten der SPD und ihres Herausforderers Martin Schulz verdeckt.

Die Ausschließeritis regiert

Wer mit wem koalieren wird, ist wenige Stunden vor Schließung der Wahllokale völlig ungewiss. Die Ausschließeritis befällt die Berliner Parteien. Mit der AfD will keiner zusammenarbeiten. Ein linkes Bündnis wird von SPD und Grünen als sehr, sehr unwahrscheinlich bezeichnet. Die FDP kokettiert offen mit einer Rolle als Oppositionspartei. Und aus der Union wird den Grünen die Fähigkeit zur Zusammenarbeit inzwischen abgesprochen. Bleibt nach Lage der Dinge die große Koalition. Ob das Risiko die SPD allerdings noch einmal eingehen will, scheint mehr als fraglich. Eine schnelle Regierungsbildung scheint ausgeschlossen.

Bis 18.00 Uhr entscheiden die Wähler. Über die Stärke der Parteien, die Zukunft der Kandidaten und über neue oder alte Koalitionen informieren wir Sie ab 17.10 Uhr im ZDF-Live-Stream und auf heute.de.

Dem Autor auf Twitter folgen:  @Mathis_Feldhoff

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