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Amatrice ein Jahr nach dem Erdbeben - Das lange Warten

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Das Erdbeben kommt in der Nacht. Es verwüstet ganze Orte. 299 Menschen sterben, Tausende müssen aus ihren Häusern. Ein Jahr ist das her. Seitdem wollen die Menschen rund um Amatrice nur, dass es wieder wie früher wird. Doch die Aufräumarbeiten stocken - vor allem dort, wo keine Journalisten hinfahren.

Fast ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben im italienischen Amatrice sind die meisten Häuser immer noch zerstört. Am Rande der Stadt wurden nun Fertighäuser für die Erdbebenopfer gebaut. Knapp vierzig Quadratmeter sind sie groß, nicht viel, aber in …

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Wenn Nando Bonanni durch das geht, was sein altes Leben war, knirscht und wackelt es unter seinen Füßen. Überall liegen Trümmer, Scherben und Überreste eines Lebens, das es seit einem Jahr nicht mehr gibt. Bonanni geht zügigen Schrittes durch den großen Raum. "Hier, wie ein Bombeneinschlag. Nein, eine Bombe hätte nicht so viel Schaden angerichtet wie das Erdbeben, alles ist kaputt", sagt er und deutet in den Raum, in dem Tische und Stühle noch stehen, aber alles von Staub und Trümmern bedeckt ist. In intakten Suppentellern liegen Steinbrocken. In den Wänden und der Decke sind bedrohlich tiefe Risse.

"Mein altes Leben gibt es nicht mehr"

Bis um 3:36 Uhr am 24. August 2016 war dies ein typisches Restaurant in der mittelitalienischen Gemeinde Amatrice. Dann kam ein Erdbeben, das in der Region 299 Menschenleben auslöschte und ganze Orte verwüstete. In Bonannis Gasthaus hatten einst 300 Menschen Platz, es wurde viel gegessen, gelacht, vielleicht auch mal getanzt, wenn "Latino-Nacht" war. "Schauen Sie ... wunderschön", sagt Bonanni als er auf einen Lichtschalter drückt: Blaues Discolicht blinkt hinter all dem Schutt. Die Lichtanlage für die "Latino-Nacht" funktioniert noch, sonst nichts mehr. "Mein altes Leben gibt es nicht mehr", sagt Bonanni.

Mitten in der Nacht zum 24. August begann die Erde unter Bonannis Restaurant zu wackeln. In der Grenzregion zwischen Latium, Umbrien, den Marken und den Abruzzen wurden Zehntausende Menschen obdachlos. Der Erdstoß der Stärke 6,0 blieb nicht der einzige in Amatrice und der Umgebung. Dass Italien geografisch auf einem Pulverfass sitzt, bewies erst diese Woche wieder ein Beben auf der Insel Ischia. Das jedoch steht nicht direkt im Zusammenhang mit dem Beben von Amatrice.

Nachbeben zermürben Menschen

Seit jenem Tag vor einem Jahr wackelt es in der bergigen Gegend immer wieder und lässt Häuserruinen vollends einstürzen. Die Menschen sind zermürbt. Viele wollen aber nicht weichen. "Wo soll ich denn sonst hin? Ich bin 64!", sagt Bonanni. Das Restaurant führe er in dritter Generation. Er wolle hier auch sterben, so wie seine Eltern. Bonanni wirkt voller Tatendrang, auch wenn das Erdbeben sein Leben zerstört hat. "Der Tag will einfach nicht vorbeigehen, früher habe ich mich mit den Kunden unterhalten. Jetzt habe ich nichts mehr zu tun. Ich lege mich tagsüber schlafen, oft fange ich auch an zu weinen."

Bonanni wohnt neben seinem Restaurant zusammen mit seiner Frau in einem Wohnwagen auf 20 Quadratmetern. Daneben hausen seine zwei Kinder mit den fünf Enkeln. Eines der Kinder könne seit dem Erdbeben nachts nicht mehr schlafen. Seine Enkel gäben ihm den Mut zum Weitermachen, sagt Bonanni. Er habe Glück gehabt, aus seiner Familie sei niemand gestorben. Anders bei den Nachbarn und Bekannten: Überall gab es Tote zu beklagen, sagt er. Nun wartet er auf einen Bungalow, in dem er übergangsweise wohnen kann. 40 Quadratmeter immerhin.

Aber es zieht sich. "Die Politiker? Pah." Bonanni macht eine abwertende Geste. Hier tue niemand etwas. Seit einem Jahr wartet er, dass etwas geschieht, dass der Schutt weggeräumt wird. Dass es endlich weitergehen kann. Doch die Häuserreste in seiner Umgebung stehen immer noch genau so da wie nach dem Beben. Spielzeug, Bücher, Fahrräder, Esstische sind in den Trümmern noch überall zu sehen. Es sind Zeugen einer anderen Zeit, der Vor-Beben-Zeit. "Seit einem Jahr will ich das Restaurant wiedereröffnen. Sie hatten mir zugesichert, dass das im Juni wieder möglich ist. Ich habe gehofft, wenigstens die Sommersaison dieses Jahr mitzunehmen. Ich habe gehofft, dass wenigstens irgendwer kommt."

Die Welt schaut nur auf Amatrice

Bonannis Restaurant liegt eine 30 Minuten lange kurvige Autofahrt vom historischen Stadtzentrum von Amatrice entfernt. Die Bilder von dem zerstörten Zentrum mit dem Uhrenturm sind weltweit durch die Medien gegangen. Bei Bonanni haben weniger Journalisten vorbeigeschaut. "Macht mehr, schreibt mehr", ruft eine Frau aus einem vorbeifahrenden Auto heraus. "Zeigt den Menschen, wie wir hier noch leben." Auch in anderen Orten kommt es immer wieder zu Protesten, weil fern des Scheinwerferlichts nichts getan werde.

Im Zentrum von Amatrice spielen sich andere Szenen ab. Die "Zona Rossa", also die Sperrzone, gehört zum Pflicht-Besuchsprogramm italienischer und ausländischer Politiker und Prominenter. Hier schritt selbst der britische Prinz Charles durch die Trümmer, Papst Franziskus betete vor zerstörten Häusern, Trümmertouristen fahren regelmäßig durch den Ort, so dass schon "No Selfie"-Schilder aufgestellt wurden. Der italienische Regisseur und Oscarpreisträger Paolo Sorrentino drehte in einer Kirche zuletzt für einen neuen Film.

Bauexperten erklären, dass so ein Wiederaufbau nicht von heute auf morgen passiere. Wer die meterhohen Schuttberge in Amatrice sieht, kann sich die Sisyphosaufgabe vorstellen. Vor allem wenn der Boden immer wieder bebt. Die Bürokratie, mit der die italienische Regierung verhindern will, dass es zu Korruption und mafiösen Verstrickungen kommt, verzögert den Wiederaufbau weiter.

Krankenhaus als Hoffnungsschimmer

Im Zentrum muss buchstäblich jeder Stein einzeln umgedreht werden, um zu prüfen, was mit ihm geschehen soll. Wird er abtransportiert oder braucht man ihn für den Wiederaufbau? In blauen Containern sind zum Beispiel die Brocken einer denkmalgeschützten Kirche gelagert, die mühsam restauriert werden soll.

"Genau so wie vorher" soll alles werden, wenn nicht noch schöner, betont Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi ein ums andere Mal. Der kahlköpfige, kettenrauchende Mann, der durch seine Medienpräsenz so etwas wie das Gesicht des Bebens geworden ist, spricht gerne von einer "Schlacht", einem "Kampf", den es zu gewinnen gilt. Der Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit, gegen den Untergang des Ortes, gegen das Aufgeben. "Das Wegräumen der Trümmer läuft schleppend", sagt Pirozzi. "Die Trümmer repräsentieren für uns den Schmerz. Ich lebe jeden Tag hier mit anderen Gefühlen. Manchmal ziehe ich aus der Solidarität Kraft, und manchmal werde ich stinkwütend wegen der Verzögerungen." Ein Hoffnungssignal sei es, dass in Amatrice mit deutscher Hilfe ein Krankenhaus aufgebaut werde. Denn das bedeute, dass weitere Leute nicht wegziehen.

Viel Geld für Pasta Amatriciana

Rund 3.000 Einwohner waren es vor dem Beben, nun sind es einige Hundert. Viele wohnen noch in Hotels an der Küste oder in anderen Behelfsunterkünften in der Gegend. Andere haben bereits einfache Bungalows bezogen. Ob sie jemals wieder in ihre Häuser können, ist ungewiss.

Es gehe trotz allem vorwärts, meint der Präsident der Region Latium, Nicola Zingaretti. 100.000 Tonnen Trümmer seien fortgeschafft worden. 30 Bungalow-Dörfer seien errichtet, ein Einkaufszentrum und ein Supermarkt wieder eröffnet worden. "Jeden Tag kann man einen Schritt nach vorne machen."

Solidarität gab und gibt es schon, allein das Lokalgericht Pasta Amatriciana wurde wohl in Tonnen zu einem guten Zweck in ganz Italien gegessen. Über Spenden-SMS gingen mehr als zehn Millionen Euro ein. Aber bei Bonanni kam bisher nicht viel an. Er wohnt immer noch in seinem selbst zusammengezimmerten Wohnwagen und klammert sich an den Gedanken an einen Neustart seines Restaurant. Vom Staat bekommen er und seine Frau 300 Euro pro Monat.

Ein bisschen Zukunft am Stadtrand

Geradezu futuristisch und schick sieht es dagegen am Rande des historischen Stadtkerns von Amatrice aus. Dort hat man sich für eine radikale Modernisierung entschieden. Bekannte Architekten haben einen modernen, luftigen Holz- und Glasbau hingestellt: In der "Area Food" sind acht Restaurants angesiedelt, die es auch schon in der alten Stadt gab. Eine neue "Piazza", an der man sich trifft, soll es werden. Mit weißen Tischdecken, weißen Servietten und blankgeputzten Gläsern sieht es in den Restaurants aus wie in einer anderen Welt. "Das hier ist mein Anti-Depressivum", sagt Bürgermeister Pirozzi und deutet auf die schicke Anlage, die mit Spenden von Unternehmen aufgebaut wurde.

Bonannis Anti-Depressivum sind derweil seine Tiere. Die Region Latium habe ihm einen schönen Stall aufgebaut, wo er ein paar Hundert Schafe hält. Mit diesem ist er zufrieden. "Und das hier ist der Bock, schaut, wie groß er ist", sagt er. "Und dahinten steht ein Hengst, der ist toll, oder?" In der Nacht wurde auch ein Lämmchen geboren. Bonanni zieht es an den Beinen hoch: "Schaut!" Irgendwie geht das Leben dann doch weiter.

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