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Onliner gehen offline - Warum Amazon in Berlin einen Laden eröffnet

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Aus dem Netz in die Einkaufsstraße: Viele Online-Shops eröffnen stationäre Läden. So jetzt auch Amazon. Der Online-Riese will Kunden in Berlin mit Weihnachts-Workshops locken.

Archiv: Amazon Pop-up-Store in Mailand, Italien
Einen Amazon Pop-up-Store gibt es bereits in in Mailand, Italien.
Quelle: imago

Am 22. November geht’s los. Dann öffnet am Ku’Damm in Berlin der erste deutsche Amazon Pop-up-Store unter dem Namen "Home of Christmas" für sechs Tage seine Türen. Der Name des Ladens ist Programm. "Wir wollen Kunden eine neue Möglichkeit bieten, sich auf Weihnachten einzustimmen", rührt Jan Korves von Amazon eifrig die Werbetrommel für einen Shop, in dem es weder Verkaufstresen noch Ladenkassen gibt.

Fitnesstraining und Weihnachtskekse

Denn kaufen kann man im "Home of Christmas" nichts. Wer eines der Produkte erwerben will, für die der Laden eine Woche lang Reklame macht, muss bei Amazon wie gehabt online bestellen. Statt mit Schnäppchen zu Tiefstpreisen will Amazon seine Kunden mit Events, Konzerten und Workshops in den Laden locken. Angeboten werden unter anderem ein winterliches Fitnesstraining sowie Kurse zum Backen von Weihnachtskeksen.

Der Berliner Amazon-Pop-up-Store ist hierzulande nicht der erste Laden dieser Art. Schon im Dezember 2012 eröffnete Ebay zusammen mit dem Bezahldienst Paypal in Berlin-Mitte ein Geschäft, das nur wenige Tage geöffnet hatte und für mobiles Einkaufen und Bezahlen mit dem Smartphone werben sollte. Auch im Facebook-Laden, der kürzlich für zwei Tage in Köln geöffnet war, ging es um Eigen-PR. Vor dem Hintergrund andauernder Datenskandale stellten sich Mitarbeiter des sozialen Netzwerks den Fragen ihrer Nutzer.

Onliner gehen offline

Dass Amazon einen Pop-up-Store, also einen Laden mit kurzem Verfallsdatum, gerade in der umsatzträchtigen Zeit vor Weihnachten und während seiner "Cyber Monday Woche" eröffnet, dürfte kein Zufall sein. "Für Amazon ist der Pop-up-Store passend zur Cyber Week eine ausgezeichnete Möglichkeit, um auf seine aktuellen Online-Angebote und Prime-Leistungen hinzuweisen", meint Lars Hofacker vom Kölner Handelsforschungsinstitut EHI. "Außerdem stärkt die stationäre Präsenz die Marke und macht sie für neue Zielgruppen greifbarer."

Auch andere Online-Händler zieht es derzeit immer öfter in die Einkaufsstraßen großer Städte. Anders als bei Amazon, Ebay oder Facebook besitzen deren Läden allerdings kein Verfallsdatum. Sie sind auf Dauer eingerichtet und machen dem stationären Handel nicht mehr nur online, sondern nun auch vor Ort Konkurrenz. So etwa der Technikanbieter Notebooksbilliger.de oder der Online-Optiker Mister Spex.

Neue Käuferschichten ansprechen

Ein klarer Vorteil stationärer Geschäfte sei der "lokale Marketingpush", sagt Michelle Hoffmann von Notebooksbilliger.de. Kunden könnten das Angebot testen und sich persönlich beraten lassen. "Durch die gesteigerte Bekanntheit kaufen die Kunden dann auch häufiger online", meint Hoffmann. Fünf Läden hat das Unternehmen, das 2008 als reiner Online-Händler gestartet war, bereits eröffnet. Weitere sind für das nächste Jahr geplant.

Offline expandieren, das will auch Mister Spex. Zehn Geschäfte wurden schon eröffnet. Vier bis fünf weitere sollen im nächsten Jahr folgen. Eine Brille online zu kaufen ist nicht jedermanns Sache. Online-Händler wie Mister Spex würden im stationären Geschäft deshalb eine Möglichkeit sehen, ihre Produkte auch denjenigen Kunden näher zu bringen, die Berührungsängste mit dem Onlinekauf von beratungsintensiven Produkten wie Brillen hätten, sagt Experte Lars Hofacker vom Kölner EHI.

Wie kann der stationäre Einzelhandel überleben?

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Nachhilfe beim Online-Shopping

So kann, wer ein Mister-Spex-Geschäft besucht, nicht nur neue Brillen anprobieren. Man erhält ganz nebenbei auch Nachhilfe in Sachen Online-Brillenkauf. "So gehen Store-Mitarbeiter gemeinsam mit den Kunden vollkommen transparent den Online-Bestellprozess durch, inklusive der Erstellung eines Kundenkontos", sagt Anastasia Hansen von Mister Spex. Das sei ideal, um Neukunden das Prinzip 'Brille online' zu zeigen und Vorurteile abzubauen.

Offline für online werben – das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite verweist auf wirtschaftliche Motive und ist mindestens genauso wichtig. "Auch wenn das Online-Shopping – gerade aus Gründen der Bequemlichkeit – immer weiter wächst, werden 70 Prozent der Einkäufe noch immer offline getätigt", sagt Michelle Hoffmann von Notebooksbilliger.de. Viele Unternehmen, die ihre Waren bisher nur online an den Kunden brachten, sähen deshalb im stationären Verkauf ein großes Wachstumspotenzial.

Noch kein nachhaltiger Trend

Trotzdem ist es noch verfrüht, von einem nachhaltigen Trend "Online goes offline" zu sprechen. Das zeigen aktuelle Zahlen des Handelsinstituts EHI. Danach sind zwar 68 der 100 größten deutschen Online-Händler auch offline unterwegs. Die meisten haben ihre Wurzeln aber wie etwa der Media Markt oder Tchibo sowieso im stationären Handel. Nur elf Unternehmen sind im Netz entstanden. Der stationäre Handel dränge vermehrt ins Netz, heißt es als Fazit beim EHI. Online-Händler mit Ursprung im Netz ziehe es dagegen momentan noch sehr viel seltener in die Einkaufsstraßen großer Städte.

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