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Amtsjubiläum von Theresa May - Das verflixte erste Jahr

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Ein Jahr ist es her, dass Theresa May in der Downing Street 10 in London eingezogen ist und das Amt der Premierministerin übernommen hat. Ein Jahr, das vor allem von Krisen und Herausforderungen geprägt war. Eine Bilanz.

Großbritanniens Premierministerin Theresa May hält heute eine Grundsatzrede anlässlich des Jahrestages ihrer Regierungsübernahme. Wir blicken auf turbulente Tage, in denen May gezeigt hat, wie man - ohne etwas zu tun - Premier werden kann, sich aber - …

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London, heute vor einem Jahr. Theresa May steigt mit ihrem Ehemann Philip ins Auto. Ihr Ziel: der Buckingham Palace. Dort holt sie sich als neue Premierministerin von der Queen den Auftrag ab, eine neue Regierung zu bilden. Und das, obwohl sie keine Parlamentswahl gewonnen hatte. Vielmehr ist sie von ihrer Partei gekrönt worden - auch mangels Alternativen. Eine, die während der Brexit-Kampagne für den Verbleib in der EU geworben hat, übernimmt die Führung eines Landes, das sich anschickt, die EU zu verlassen. Das Erbe, das ihr Vorgänger David Cameron hinterlassen hat, ist - gelinde gesagt - eine Strafe: Ein zutiefst gespaltenes Land, eine zutiefst gespaltene Tory-Partei und die Mammutaufgabe, den Brexit zu verhandeln.

Europa ist "not amused"

Doch der Reihe nach. Mays erste Aufgabe: ein Kabinett bilden. Boris Johnson wird Außenminister, David Davis Brexit-Minister und Liam Fox soll sich um internationale Handelsbeziehungen kümmern - alles Anti-EU-Hardliner. Ein Paukenschlag und ein Signal an Europa. Während politische Beobachter May als taktisch klug feiern, ist Europa "not amused" - und fragt sich, was die Nominierungen für den kommenden Brexit heißen könnten. Und beginnt zu warten. Auf den Brief, der Artikel 50 aktiviert und die Scheidung formell anstößt.

Mehr Klarheit gab es dann endlich im Januar, in einer programmatischen Rede von Theresa May: "Wir streben nach einer gleichwertigen Partnerschaft zwischen einem unabhängigen, global orientierten Großbritannien und unseren Freunden und Alliierten in Europa. Nicht nach einer Teilmitgliedschaft in der Europäischen Union, keiner assoziierten Mitgliedschaft oder irgendetwas, was uns halb drin, halb draußen lässt."

Europa ist wiederum "not amused". Und Schottland auch nicht - will nicht gegen seinen Willen gezwungen werden, dem Vereinigten Königreich zu folgen. Die erste Ministerin Schottlands kündigt ein Unabhängigkeits-Referendum an. Noch eine Front, die aber May erst gar nicht aufmacht. Sie würgt das Referendum ab, indem sie die Zustimmung aus Westminster erst einmal versagt.

Mays risikanter Wahl-Schachzug

Dann endlich Ende März: die Auslösung des Artikels 50. Per Eurostar geht der Scheidungsbrief nach Brüssel. Die Zeit tickt. Zwei Jahre Verhandlungszeit beginnen. Doch was jetzt folgt, gleicht geradezu einem Krimi. Mit unfreiwilligen Hauptdarstellern.

Er beginnt mit einer idyllischen Szene in den walisischen Bergen. Theresa May macht Wanderurlaub mit ihrem Ehemann. Umschnitt. Die Downing Street ein paar Tage später. May kündigt überraschend Neuwahlen an. Genau das hat sie immer wieder ausgeschlossen. Es sei nicht die richtige Zeit, zu wichtig wären die Brexit-Verhandlungen. Umfragen sagen May aber eine überwältigende Mehrheit voraus. Die Versuchung, die Opposition noch weiter zu reduzieren und so einen Freifahrtschein für einen harten Brexit zu gewinnen - sie ist zu groß.

Während May auf einen personalisierten Wahlkampf in abgeschotteten Veranstaltungsorten mit ausgewählter Presse setzt, riecht die Labour-Partei ihre Chance. Ihr Herausforderer Jeremy Corbyn geht soziale Themen an. Schluss mit dem Sparprogramm der Tories, mehr Geld für den öffentlichen Sektor, Abschaffung der Studiengebühren. Der nächste Akt: May verweigert die Teilnahme an TV-Debatten und schafft so mehr Öffentlichkeit für ihren Gegner. Der Vorsprung schrumpft. May verheddert sich in Widersprüchen. Und als wäre der Wahlkampf nicht schon schwierig genug, sieht sich das Land plötzlich einer Welle von Terrorattacken ausgesetzt. Menschen sterben in Manchester und London, der Wahlkampf wird zeitweise ausgesetzt. Und der Terror bringt plötzlich ein neues Thema auf die Tagesordnung: Innere Sicherheit. Wieder kann May nicht punkten, sie wird von ihrer Vergangenheit als Innenministerin eingeholt.

Hoch gepokert und verloren

Es kommt, wie es kommen musste. Die Wahl endet in einer vernichtenden Niederlage für Theresa May. Wie ihr Vorgänger hat sie zu hoch gepokert und verloren. Immer noch stellen die Tories die größte Fraktion, aber sie brauchen einen Partner, um regierungsfähig zu sein. Und May braucht Freunde. Die Wahlniederlage beschert ihr einen Autoritätsverlust auf beiden Seiten des Kanals. "Lachnummer Europas" titeln europäische Blätter.
May braucht die Zustimmung der nordirischen protestantischen unionistischen DUP, die einzige Partei, die - gegen einen guten Deal - willens ist, ihr beim Regieren zu helfen. Die Partei ist Sammelbecken für Klimawandel-Leugner, Homophobe, Rassisten und Frauenfeinde. Eine Milliarde Pfund lässt sich May das kosten - zur Empörung aller Angestellten im öffentlichen Dienst, die immer wieder gesagt bekommen haben, das Geld nun mal nicht auf Bäumen wachse. Die Thronrede geht schlussendlich mit einer knappen Mehrheit durchs Parlament. Es kann weitergehen.

Jahr endet mit einem Tiefpunkt

Doch der Tiefpunkt all der vielen Tiefpunkte im ersten Regierungsjahr von May ist der Brand im Londoner Grenfell Tower. Mindestens 80 Menschen sterben. Und May schafft es, sich nicht mit Überlebenden, Angehörigen und freiwilligen Helfern zu treffen. Die Opfer fühlen sich ohnmächtig und in ihrem Misstrauen bestätigt. Der Graben zwischen Reich und Arm - für alle sichtbar. Noch eine Front.

Fast könnte einem schwindelig werden, wenn man das Jahr der Theresa May passieren lässt. Anlass für einen Geburtstagskuchen ist der heutige Jahrestag aus ihrer Sicht mit Sicherheit nicht.

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