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Andrea Nahles im Porträt - Von den Jusos zur ersten SPD-Chefin

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Eine Rebellin gibt auf: Andrea Nahles tritt als Partei- und -Fraktionschefin zurück. Von den Jusos bis zur Spitze setzte sie vor allem auf ihr Durchsetzungsvermögen. Ein Porträt.

Ein Jahr, einen Monat und elf Tage: So lange hat es von der Wahl von Andrea Nahles an die SPD-Spitze bis zu ihrer Rücktrittsankündigung gedauert. Die kurze Amtszeit stand von Anfang an unter keinen guten Vorzeichen. Nur einen Monat vor ihrer Wahl setzte sie zusammen mit Vizekanzler Olaf Scholz gegen heftigen innerparteilichen Widerstand durch, dass die SPD ein weiteres Mal in die ungeliebte große Koalition mit der Union geht. Auch dafür wurde sie mit nur 66 Prozent der Stimmen abgestraft. Sie versprach eine Erneuerung der SPD, trotz des ungeliebten Gangs in eine erneute große Koalition. "Dafür werde ich arbeiten, dafür werde ich auch rackern", sagte Nahles zu.

Gerackert hat Nahles ohne Zweifel. In der Fraktion und in der Partei werden ihr ein Arbeitspensum bescheinigt, das ohne Beispiel sei. Die Erneuerung brachte sie mit der Befriedung des Streits über eine Abschaffung von Hartz IV auf den Weg.

30 Jahre SPD

Trotzdem trat sie damals als eine Art Trümmerfrau an, die die SPD nach der bitteren Niederlage bei der Bundestagswahl wieder aufrichten und einen Erneuerungsprozess in Gang bringen wollte. Daraus wurde nichts. Stattdessen sackte die SPD immer weiter ab. Der historische Tiefststand von 15,8 Prozent bei der Europawahl gab der innerparteilich ohnehin stark angeschlagenen Partei- und Fraktionschefin den Rest.

Von dem Umgang mit ihr in der Woche nach der Europawahl ist sie offensichtlich so enttäuscht, dass sie ihre bundespolitische Karriere ganz beendet und auch ihren Parlamentssitz abgibt - 30 Jahre nach ihrem Eintritt in die SPD als 18 Jahre alte Gymnasiastin.

Bekannt für klare Worte

Die Tochter eines Maurers aus der Eifel gründete einst selbst einen SPD-Ortsverein. "Das war dann die maximale Provokation und führte zu großem Gesprächsstoff hier im Dorf. Und insoweit gehörte erstmal das Überwinden von Widerständen zu meiner politischen Vita von Anfang an dazu." Ihre Magisterarbeit schrieb die Germanistin über die "Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman".

Als Juso-Chefin (1995 bis 1999) unterstützte sie den Sturz von Rudolf Scharping durch Oskar Lafontaine, später trug sie auch zum Rücktritt von Franz Müntefering bei. 1998 zog Nahles erstmals in den Bundestag ein. Sie kann Machtpolitik - und kämpft gegen ein klischeehaftes Image an: etwa das, eine laute politische Nervensäge oder kratzbürstig zu sein.

Erste Fraktionschefin seit Gründung der SPD

Von 2009 bis 2013 als Generalsekretärin und danach als Bundesarbeitsministerin verstand sie es, sich Respekt und Anerkennung selbst beim politischen Gegner zu erwerben. Als erste Frau übernahm sie im September 2017 den Vorsitz der deutlich geschrumpften Bundestagsfraktion. Sie wähnte sich damals noch als Oppositionsführerin. Der Union versprach sie ironisch, jetzt gebe es "in die Fresse". Weithin wurde mit einem Regierungsbündnis aus Union, FDP und Grünen gerechnet. Es kam anders, weil die FDP die Jamaika-Sondierungen Wochen später beendete.

"Teamplay in der Führung wird einen neuen Stellenwert bekommen", kündigte Nahles damals an. Das war nicht nur ein Versprechen, sondern auch eine Ansage an die Platzhirsche ihrer Partei. Einige Monate später, nach Ende der Koalitionsverhandlungen mit der Union, schloss Nahles den amtierenden Außenminister und für seine Alleingänge berüchtigten einstigen SPD-Chef Sigmar Gabriel von der Regierungsbildung aus mit den Worten, die SPD-Minister müssten als Team funktionieren.
Doch auch Nahles gab mit ihrem Führungsstil Anstoß zur Kritik.
In der Fraktion fühlte sich mancher zuletzt nicht mehr einbezogen in wichtige Entscheidungen.

"Schufterin mit Herz"

Auf ihrer Internetseite beschreibt sich Nahles als "Sozialdemokratin.
Katholikin. Mutter". Ihr Privatleben schottet sie ab, Tochter Ella (8) geht daheim in Rheinland-Pfalz auf eine Einklassenschule. Nahles' Heimatdorf Weiler ist auch wichtig, um zu spiegeln, was die Leute bewegt. Könnte sie eine Schlagzeile über sich dichten, würde die nach eigenen Worten lauten: "Schufterin mit Herz". Ihr Schuften für die Bundes-SPD endet nun tragisch, mit einem noch größeren Trümmerhaufen.

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