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Andrea Nahles und die SPD - "Bätschi", vielleicht Parteivorsitzende

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Sie ist seit fast 30 Jahren in der SPD und hat fast schon alle Ämter gehabt. Jetzt soll sie für den Neuanfang nach dem Schulz-Desaster stehen: Andrea Nahles. Das passt nicht jedem.

Andrea Nahles (SPD)
Andrea Nahles (SPD) Quelle: reuters

Sie duzt, sie spricht von "beschissenen Arbeitsbedingungen" und von solchem "Krams". Geschliffene Sprache, das ist nicht ihrs. Es ist Mai 2016, Andrea Nahles besucht die re:publica, die Konferenz der Nerds, Blogger und Internetauskenner in Berlin. Der Saal ist voll, viele sind jünger oder in ihrem Alter.

Also duzt sie, gibt sich kumpelig. Doch sie merkt, dass man mit ihr über Arbeit 4.0 und die Folgen der Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt sehr ernsthaft diskutieren will. Gut 25 Minuten braucht Nahles, dann siezt sie wieder, argumentiert mit Verordnungen und dem Mindestlohn. Sie hat eine Ebene gefunden.

Bis Schulz es selbst merkt

Es sind solche Nahles-Momente, die man von ihr schon so häufig gesehen hat. Hart und kundig in der Sache, der Ton aber zu laut, zu flapsig, ein bisschen peinlich manchmal. Ihr Pippi-Langstrumpf-Gesinge im Bundestag, das wütende "Bätschi" in Richtung CDU, über die sie sagt: "Ab morgen kriegen sie in die Fresse." Obwohl überall Kameras stehen und sie weiß: Solche Bilder werden immer wieder hervorgeholt. Bei ihr müssen die Spötter der Nation nicht lange suchen. Bei Nahles, schreibt Moderator Micky Beisenherz im "Stern", müsse man sich immer daran erinnern, dass sie 47 und Fraktionsvorsitzende der SPD "und nicht etwa die Zweitbesetzung von Bibi Blocksberg in der Schultheateraufführung von Bibi und Tina in der Stadthalle Gütersloh" sei.

Das ist natürlich gemein und ignoriert, dass hinter der Rampensau mit der zur Schau gestellten Provinzialität von dem Arbeiterkind aus der Eifel längst eine Literaturwissenschaftlerin und beharrliche Partei-Netzwerkerin steckt. Wenn Andrea Nahles heute kommissarisch den Parteivorsitz von Martin Schulz übernehmen sollte, dann steht sie auf dem Gipfel eines langen, steinigen Aufstiegs in der SPD. Nahles trat mit 18 Jahren in die SPD ein, sie hatte in der Partei fast alle einflussreichen Ämter: Sie war Juso-Chefin, Generalsekretärin, Ministerin, seit kurzem Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Sie stürzte mit Franz Müntefering einen Parteivorsitzenden und hat mit Martin Schulz einem so lange loyal die Stange gehalten, bis er selbst auf die Idee kam, dass sie die bessere ist.

Heute kann sie warten

Vielleicht ist das der größte Unterschied zur Andrea Nahles von früher. Heute kann sie warten. "Mühsam", sagt sie über sich selbst, habe sie lernen müssen, dass man auch mit kleinen Schritten vorankommt. Beim Parteitag in Bonn Ende Dezember, als die Zustimmung des Delegierten zu Koalitionsverhandlungen Spitz auf Knopf steht, legt sie ihr Redemanuskript beiseite und hält eine emotionale Rede, die das einzige Mal an diesem Sonntagmachmittag die Delegierten zu Beifallstürmen bringt. Eine Rede, die inhaltlich dünn, aber sehr viel praktischer ist als die langweilige von Martin Schulz vorher. Womit, fragt sie die Delegierten, wollen wir denn Wahlkampf machen, wenn wir das, was wir in den Sondierungen erreicht haben, nicht auch umsetzen? Die Wähler "zeigen uns doch den Vogel!"

Nahles reißt damit das Ruder rum, ohne Schulz zu offen zu düpieren. Nach dieser Rede, so hat sie es erzählt, habe Schulz das Gespräch gesucht und ihr vorgeschlagen: Du Vorsitz, ich Außenminister. "In langen Gesprächen" habe man sich zusammen darauf geeinigt. Auch wenn sie, wie sie sagt, selbst eine Weile überlegen musste, ob sie sich das zutraut. Ihre Tochter ist erst sieben Jahre alt. Es ist wohl eher der private Spagat zwischen der Eifel, wo sie immer noch wohnt, und Berlin, der die Zweifel nährt. Eher weniger die Aufgabe an sich: "Ich bin kein Frischling", sagt Nahles im ZDF. "Ich kann das."

Widerstand unterschätzt - oder einkalkuliert

Es sind dieses Selbstbewusstsein und dieser Deal, die viele in der Partei stören. Ein Parteivorsitz ausgeklüngelt zwischen zwei Personen, gestützt von einem Präsidium und dabei Sigmar Gabriel ausgebootet, das passt in der traditionsreichen SPD nicht. Parteivorsitz ist dort eine große Ehre, die man übertragen bekommt. Von der Basis, nicht umgekehrt. Wenn die sich als Stimmvieh missbraucht fühlt, reagiert sie empfindlich. Also wächst der Widerstand gegen Nahles. Es gibt eine Gegenkandidatin, die Linken wollen eine Urwahl, der Landesverband Berlin ist dagegen, andere finden, kommissarischer Parteivorsitz bis zu einer Wahl, das ginge gar nicht. Außerdem sei Nahles schon viel zu sehr Establishment der Partei, als dass sie für einen Neuanfang stehen könnte.

Nur wenige kennen die SPD so lange und so gut wie Nahles. Widerstand dürfte sie einkalkuliert haben. Ob sie das Ausmaß unterschätzt hat? Nahles, sagen einige, ist jetzt in einer ähnlichen Situation wie Angela Merkel, als diese 2000 die desolate CDU von Helmut Kohl übernahm. Stehen bei Gegenwind, Standhalten gegen Hinterzimmer-Klüngler und die Männerdominanz, das können beide. Die Frauen, die vielleicht bald die beiden größten Parteien leiten, respektieren sich. Nur ein Interview mit Clown-Maske und Clown-Perücke, einen Tag nach dem Aushandeln des Koalitionsvertrages, das wäre Merkel wohl nicht passiert. Archive haben ein zu gutes Gedächtnis.

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